
J ulia Igel ist Profiboxerin. Am 23. April wartet in Paris die bislang größte Herausforderin für die 25-jährige Deutsch-Schweizerin: Imane Khelif, Olympiasiegerin im Weltergewicht, und ohne ihr Zutun zu einer der umstrittensten Sportpersönlichkeiten der vergangenen zwei Jahre avanciert. Frau Khelif steht im Mittelpunkt einer Kontroverse, ob sich Männer ins Frauenboxen quasi eingeschlichen haben, um dort auf unfaire, weil körperlich überlegene Weise Erfolge zu erhaschen.
Entsprechend reist Julia Igel als Außenseiterin zu dem Kampf. Ihre Kampfbilanz ist laut Angaben des seriösen Statistikportals boxrec.com eher durchwachsen: zwei Kämpfe, ein Sieg, eine Niederlage. In Medienberichten heißt es mitunter, sie könne 5-2-0 vorweisen: fünf Siege, zwei Niederlagen, kein Unentschieden.
Die Vorwürfe gegen Imane Khelif basieren im Wesentlichen darauf, wie erfolgreich, viele sagen männlich, sie bei den Olympischen Spielen ihre Kämpfe bestritten hat. Teils basieren die Vorwürfe gegen sie, eigentlich ein Mann zu sein, auch auf kolportierten Testergebnissen, deren Seriosität allerdings, sagen wir: umstritten ist.
Warum also will Julia Igel gegen Imane Khelif kämpfen? Sieht sie eine Chance für sich? „Ich bin hier für die Herausforderung“, hat Igel der „Deutschen Welle“ gesagt. Sympathisch ehrlich verkündet sie: „Das Besondere an diesem Kampf ist seine Reichweite, die Aufmerksamkeit, die er bekommt.“ Eine Boxerin wie sie, die bislang nicht an die großen Börsen kommt, die nicht als Hauptkämpferin bei Boxgalas antreten darf und für die sich bislang weder Fernsehanstalten noch Werbepartner interessieren, kann einen Khelif-Kampf als Chance nutzen.
„Die Welt auf unserer Seite“
Die Chance besteht nicht darin, dass ein Sieg viel wert wäre, weil Imane Khelif wirklich besser ist. Das kann man zwar mit guten Argumenten vermuten, aber die Algerierin hat seit dem Sommer 2024 keinen Kampf mehr bestritten. Stattdessen wurde sie weltweit mit Vorwürfen, Häme und sexistischen Kommentaren überschüttet.
Vielmehr besteht die Chance auf höhere Aufmerksamkeit aus der Debatte um Khelif. Und die greifen Julia Igel und ihre Trainerin Ikram Kerwat recht geschickt auf. „Im Boxsport ist man nicht sonderlich glücklich darüber, sie im Frauen‑Profiboxen zu sehen“, hat Igel über Khelif gesagt. „Genau das werden wir nutzen. Ich glaube, wir haben die Welt auf unserer Seite.“ Und Ikram Kerwat sagt über Khelif: „Für mich ist es ein Er. Er sollte gegen Männer antreten.“
So gesehen wird es auf einmal völlig unwichtig, wer im boxerischen Sinne den Kampf gewinnen wird, dass die Ringrichterin nach dem Kampf eine von beiden zur Siegerin erklärt. Es geht hier nicht um Sport. Vielmehr wird hier die – wählen Sie Ihren Lieblingsbegriff – eigentliche, ehrliche, wirkliche, echte Siegerin schon vor dem Kampf bestimmt, und zwar im Diskurs. The winner should and will be: Julia Igel.
Interessanterweise lässt Igel anklingen, dieses ganze Tamtam sei doch von Khelif losgetreten worden. „Wenn sie wirklich zu 100 Prozent weiblich ist, kann sie im Frauensport antreten“, sagt Igel. „Wenn nicht, sollte sie aufhören, so laut darüber zu sein.“ Das ist bemerkenswerte Volte im üblichen Vor-Kampf-Ballyhoo des Profiboxens.
Ikram Kerwat, selbst frühere Weltmeisterin und jetzt Igels Trainerin, sagt in einem Promotionvideo, dass die beiden Frauen der Profiszene beweisen „dass es nicht immer eines männlichen Coaches bedarf“. Kerwat formuliert ein schönes Ziel: „Das ist wirklich eine Megastory, das ist sogar filmreif, meiner Meinung nach.“
Julia Igel sagt da, was sie am Boxen fasziniert, nämlich, „jemand zu werden, auf den man stolz ist, auf dem Weg, jemand zu werden, der man gerne sein will“.
All das ist richtig und klingt mehr als sympathisch. Interessant ist halt, wie die Kommentare ausfallen, wenn eine Sportlerin wie Imane Khelif etwas Ähnliches sagt.






