Nach Auftritt in „Madsen“-Musikvideo: Digitaler Hass gegen Grundschulkinder aus Scheeßel

Es hätte ein schöner Moment bleiben können – für rund 50 Dritt- und Viertklässler der Grundschule Scheeßel und die Rockband „Madsen“. Die Kinder hatten den Refrain zu „Auf die Barrikaden“ eingeübt: „Alle sind gleich, keiner bleibt / Keine Macht dem Hass, das ist unsere Zeit.“ Der Drehtag kurz vor Ostern war für alle Beteiligten ein Erlebnis. Dann kam der Ostersonntag.

Ein kurzer Ausschnitt aus Gesprächen mit den Kindern wurde unter anderem auf Facebook und Tiktok veröffentlicht. Vier Kinder erzählen darin, was sie wütend macht. „Wenn ein hellhäutiges Kind ein schwarzes Kind beleidigt“, sagt eines. Ein anderes: „Es macht mich wütend, wenn man Hilfesuchenden aus anderen Ländern sagt: Wir wollen euch hier nicht.“ Innerhalb weniger Stunden explodierten die Kommentarspalten – Drohungen, Beleidigungen, der Vorwurf der Indoktrination. Gerichtet nicht nur gegen die Band, sondern gegen Lehrerinnen, Eltern, Kinder.

Der Song fordert offene Grenzen, reproduktive Selbstbestimmung, queere Sichtbarkeit – und richtet sich explizit gegen den Nationalismus, den die AfD laut Madsen „mittlerweile salonfähig propagiert“. Frontmann Sebastian Madsen: „Wenn die sagen, das Land gehört uns, dann sagen wir naiv: nein.“

Der Refrain habe ihn auf die Idee gebracht, Kinder einzubinden. Was er am Drehtag erlebte, hat ihn beeindruckt: Ein Kind erklärte Demokratie anhand des Kunstunterrichts – wenn einer entscheide, welches Motiv gemalt wird, sei das doof. „Das waren bildlich einfache Formulierungen, dass wir alle dazulernen können.“

Der Angriff erreicht ein „neues Level“

Madsen und seine Bandkollegen sind an Hasskommentare gewöhnt. Seit 21 Jahren schreiben die Indie-Rocker aus dem niedersächsischen Wendland politische Songs. Die üblichen Muster kennt er: Beleidigungen, Kleinreden, der Vorwurf, „Systemlinge“ zu sein. Doch dieser Angriff war ein anderer. „Das hat für uns ein neues Level erreicht.“

Insgesamt zählte Bandmanager Benjamin Mirtschin 2.000 Kommentare auf allen Kanälen. Dass den Kindern dabei eine eigene Meinung abgesprochen wurde, erschüttert Madsen am meisten: „Wahrscheinlich haben viele, die da Hasskommentare geschrieben haben, sich nicht inhaltlich mit dem Video auseinandergesetzt.“

Ein Großteil des Hasses war nicht echt. Die Band ließ die Profile analysieren – Ergebnis: KI-generierte Accounts, Bots, koordinierte Verstärkung. „Mit Bots machen sich die Rechtsextremen größer, als sie sind“, sagt Madsen.

„Man kann das im Zweifel nicht gut unterscheiden, ob der Kommentar von einem echten Menschen stammt oder künstlich erzeugt ist“, erklärt Benjamin Winkler, Soziologe und Projektleiter für Schularbeit gegen Rechtsextremismus bei der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Alles, was mit Empörung und Emotionalisierung zu tun hat, geht viral und verbreitet sich durch die Algorithmen stärker.“

Eindeutig keine KI-generierten Bots: „Madsen“-Fans beim Open-Air-Festival „Rock am Ring“ 2024

Foto: Thomas Frey/dpa

Die Scheeßeler Grundschulleiterin Meike Nerding-Ehlbeck wies gegenüber der Kreiszeitung den Vorwurf der Indoktrination zurück: „Kinder im Grundschulalter haben eine eigene Meinung.“ Der Liedtext sei mit den Kindern im Vorfeld in angemessener Weise besprochen worden.

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Man kann das im Zweifel nicht gut unterscheiden, ob der Kommentar von einem echten Menschen stammt oder künstlich erzeugt ist.

Benjamin Winkler, Soziologe und Projektleiter für Schularbeit gegen Rechtsextremismus bei der Amadeu-Antonio-Stiftung

Inzwischen hat die Schule das Kapitel bewusst geschlossen. „Unser Schulalltag geht mit neuen Vorhaben weiter. Wir schließen das Projekt mit schönen Erinnerungen ab“, äußert sich die Schulleiterin wortkarg gegenüber der taz.

Social-Media-Posts gelöscht, Anzeige erstattet

Die Band hat die Social-Media-Posts mit der Interviews der Schülerinnen und Schüler nach Rücksprache mit der Schule gelöscht – nachdem eine Mutter signalisiert hatte, ihr sei damit unwohl. „Wir wollten nicht andere mit reinziehen. Vor allem keine Kinder“, sagt Madsen. Die Musiker haben mithilfe von HateAid, der Berliner Organisation gegen digitale Gewalt, Anzeige erstattet. Eine Sprecherin sagt, man erhalte derzeit ungeheuer viele Anfragen – die Kapazitäten seien kaum noch ausreichend.

Für Winkler zeigt der Fall ein größeres Problem: „Für Schulen gibt es gerade echt Druck, wenn demokratische Inhalte diskutiert werden. Es kommt schnell zu Empörungen, dass da angeblich indoktriniert wird.“ Er kann verstehen, dass Eltern ihre Kinder schützen wollen. „Gleichzeitig ist es schade, weil wir wollen, dass Kinder mündige Bürger sind, sich politisch bilden und äußern.“

Entscheidend sei, dass sich Schulen auf die Rechtslage berufen. „In den Schulgesetzen aller Bundesländer steht unter dem Bildungsauftrag, dass Schüler erzogen werden sollen, Vorurteile zu hinterfragen und sich gegen Diskriminierung zu wenden.“ Wenn Kinder sich gegen Rassismus aussprechen, sei das konform mit dem Schulgesetz. „Da kann sich kein Mensch dran stören – es sei denn, man würde sich als Rassist outen.“ Die Schule sollte nicht defensiv reagieren, betont Winkler, sondern sich offensiv dahinterstellen. Was sie brauche: Unterstützung von Schulaufsichtsbehörden, die die Rechtslage klarstellen und Beratung vermitteln.

Die Bundesregierung will mit dem „Gesetz gegen digitale Gewalt“ Deepfakes und Hass im Netz an die kurze Leine nehmen. Doch HateAid kritisiert, dass Betroffene bei Klagen bisher Tätern ihre Privatadresse offenlegen müssen – ein Sicherheitsrisiko, das abschreckt.

Auch auf die EU-Ebene setzt Winkler Hoffnungen: Der Digital Services Act könne Plattformen zur Verantwortung zwingen. Auch der 44-jährige Bandleader Sebastian Madsen fordert, Plattformen müssten endlich Verantwortung übernehmen. „Es ist wie reale Gewalt. Man muss das dringend in den Griff kriegen.“

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Es ist wie reale Gewalt. Man muss das dringend in den Griff kriegen.

Johannes Madsen, Bandleader

Was die Folgen betrifft, ist Winkler deutlich: „Wenn nichts getan wird, haben wir zunehmend eine Diskursdominanz von Rechtsextremen – und weniger Menschen, die sich engagieren.“ Studien belegten einen Einschüchterungseffekt: Viele reduzierten ihr öffentliches Engagement aus Angst oder weil sie dem Druck nicht standhielten.

Der Shitstorm zielte darauf „Keine Macht dem Hass“ zum Schweigen bringen – und erreichte schließlich das Gegenteil. Auf Madsens Statement zur Löschung des Kindervideos antworten Hunderte mit Zuspruch, Solidarität, Ermutigung. Winkler nennt das „Lovestorm“ – digitale Zivilcourage als Gegenmittel: „Wir müssen uns schützend hinter die Menschen stellen, die mit ihrem Gesicht gegen Diskriminierung eintreten. Dass sie wissen: Sie tun das nicht allein.“

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