Polizeiliche Kriminalstatistik: Was die Zahlen verschweigen

D ie Presse vermeldet, die Kriminalität sinkt. Aber: Sexualdelikte steigen, mehr Morde und Sexualverbrechen, Zahl der registrierten Ladendiebstähle zurückgegangen, kein Aufatmen beim Einzelhandel. Was steckt dahinter, wenn aus Good News doch wieder Bad News werden? Und was verschweigt die Statistik zu Kriminalität in Deutschland?

Am Montagmorgen war es wieder so weit: Die Polizeiliche Kriminalstatistik, kurz PKS, wurde präsentiert. Dem jährlich gleichen Schauspiel folgend präsentierten der Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, der Vorsitzende der Innenministerkonferenz Andy Grote und der Präsident des Bundeskriminalamts Holger Münch die Zahlen, die die Polizei im Jahr 2025 zu Ende ermittelt und an die Staatsanwaltschaft übergeben hat. Die Zahlen zum sogenannten Hellfeld der Kriminalität.

Man könnte es also ganz banal sehen: Ein Arbeitsnachweis der Polizei wurde vorgestellt. Nicht mehr und nicht weniger. Wenn in jedem anderen Betrieb zum Jahresanfang die Zahlen des letzten Jahres vorgestellt werden, ist das kein Staatsakt. Hier aber schon.

Dabei schränkt selbst das Bundeskriminalamt ein und beginnt erst einmal damit, was nicht in der PKS steht: Straßenverkehrsdelikte (etwa durch Verkehrsunfälle bedingte Fahrlässigkeitsdelikte, Verstöße gegen das Pflichtversicherungsgesetz und Kfz-Steuergesetz), Ordnungswidrigkeiten (etwa Falschparken), Staatsschutzdelikte (sind in einer gesonderten Statistik erfasst), Delikte, die nicht in den Aufgabenbereich der Polizei fallen, nämlich Finanz- und Steuerdelikte.

Und genau hier zeigt sich, was das BKA in der PKS nicht über Kriminalität sagen kann. Es fehlen Delikte, die im Rahmen von Wirtschaftsgeschehen passieren – der Cum-Ex-Fall war nie Teil der PKS, obwohl er die Staatsanwaltschaften und Gerichte seit Jahren beschäftigt und Ressourcen bindet. Warum? Ganz einfach, weil niemand zur Polizei gegangen ist und das angezeigt hat, sondern weil das den Finanzämtern aufgefallen ist und die sich direkt an die Staatsanwaltschaft gewandt haben.

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Die Taten der Un­ter­neh­me­r:in­nen bleiben im Hintergrund

Erst vor wenigen Tagen gab es hierzu wieder eine große Razzia, initiiert durch die Staatsanwaltschaft Köln. Aber entgegen der Zahlen, die die PKS berichtet, fand das keine große mediale Aufmerksamkeit. Während uns die PKS also die angezeigten Taten von Bür­ge­r:in­nen auflistet, bleiben die Taten der mächtigen Un­ter­neh­me­r:in­nen dabei im Hintergrund.

Die mediale Aufbereitung sorgt dafür, dass die Öffentlichkeit ein Bild von Kriminalität hat, das vor allem von Gewalt geprägt ist. Obwohl es strenggenommen hauptsächlich Eigentums- und Vermögensdelikte sind, die die Polizei festhält. Dazu gehört auch sexualisierte Gewalt. Die steigt in den letzten Jahren, ja. Und als Kriminologinnen möchten wir festhalten: Das ist eine gute Sache.



Bild: Privat

Nicole Bögelein

PD Dr. habil., Soziologin und Wissenschaftlerin am Institut für Kriminologie an der Universität zu Köln. Sie lebt in Köln.

Ja, das meinen wir ernst. Denn die vom BKA gleichzeitig vorgestellte Dunkelfeldstudie hat ergeben, dass gerade einmal sechs Prozent der Fälle sexualisierter Gewalt angezeigt werden. Dass die Polizei mehr Daten erfasst, heißt also überhaupt nicht, dass es mehr Fälle gibt. Im Gegenteil: Es gibt so viele Fälle, dass täglich darüber zu berichten wäre – so viele Menschen werden durch sexualisierte Gewalt geschädigt, dass es alltäglich ist.

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Mehr Menschen haben sich entschieden, sexualisierte Gewalt anzuzeigen

Aber in die öffentliche Debatte gelangt das nur, wenn die Zahlen im Hellfeld steigen. Dabei ist die einzige Aussage, die wir daraus ableiten können, eigentlich die: Mehr Menschen haben sich entschieden, sexualisierte Gewalt anzuzeigen. Darauf deutet jedenfalls der hohe Anteil angezeigter Taten hin, die vor dem Jahr 2025 passiert sind.

Trotzdem sind es immer noch erschreckend wenige. Mehr als neun von zehn betroffenen Menschen entscheiden sich gegen eine Anzeige. Weil sie sich schämen, weil sie befürchten, dass ihnen nicht geglaubt wird, weil die Tä­te­r:in­nen ihnen nahestehen und sie kein Fass aufmachen oder die Familie nicht gefährden wollen. Oder weil sie Angst vor dem oder der Tä­te­r:in haben.

Die PKS beantwortet, wer kontrolliert wird



Bild: Privat

Gina Rosa Wollinger

Soziologin und Professorin für Kriminologie und Soziologie an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW. Sie lebt in Köln.

Die zurückgegangenen Fallzahlen im Ladendiebstahl lassen übrigens genauso wenig auf ein Sinken schließen wie umgekehrt mehr Fälle sexualisierter Gewalt im Hellfeld auf einen Anstieg. Der Einzelhandelsverband geht von 100.000 unentdeckten Fällen pro Tag aus. Diejenigen, die erwischt werden, sind aber häufig – wie bei Verurteilungen an den niedrigen Tagessätzen, die sich am Einkommen orientieren, abzulesen ist – Menschen, die in prekären Umständen leben.

Die PKS beantwortet uns bei diesem Delikt also nicht die Frage, wer im Laden klaut. Sie zeigt uns, welche Gruppe von Menschen kontrolliert wird, wem La­den­de­tek­ti­v:in­nen eher zutrauen, etwas mitgehen zu lassen und diese Personen dann verstärkt beobachten. Das gilt nicht nur für diese Delikte und nicht nur für Ladenpersonal.

Menschen, die im Zusammenhang von Gewaltdelikten als nicht deutsch gelesen werden, werden häufiger angezeigt und auch die Polizei kontrolliert diese Gruppe stärker. Kritische Worte über die Polizei (Stichwort: übermäßige Polizeigewalt, Racial Profiling) fehlte übrigens in der Pressekonferenz naturgemäß auch.

Das BKA hat erstmalig gleichzeitig mit der PKS die Ergebnisse einer repräsentativen Dunkelfeldstudie vorgestellt. Das war wohltuend, da hier viele Aspekte eingeordnet wurden. Dennoch: Auch so werden die Delikte, die die Gemeinschaft als Ganzes schädigen, nicht aufgefunden.

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