
P aradiesisch wirkt die gebirgige Waldlandschaft der Karpaten, durch die sich der Zug schlängelt. Gemütliche Holzhäuschen, Kühe, ein Bach – nur Stromkabel stören gelegentlich die Idylle. Doch in jedem dieser Dörfer gibt es Gefallene, Menschen die 1.000 Kilometer weiter östlich an der Front getötet wurden.
Ich nippe an meinem „Hranoto-Med-Tschaj“, an meinem Granatapfel-Honig-Tee. Es handelt sich um ein Wortspiel: Hranatomet heißt auf Deutsch Granatwerfer. Ein Viertel des Kaufpreises fließt an die Armee.
Humor hilft, auch mit der grausamsten Realität zurechtzukommen. In der Ukraine hat sich in Anspielung an die Work-Life-Balance der Begriff War-Life-Balance für jenen widersprüchlichen Zustand eingebürgert, in dem man seit über vier Jahren lebt. Morgens bestellt man sich auf dem Weg ins Büro einen Cappuccino, geht seiner Arbeit nach und trifft sich abends mit Freunden auf einem Konzert. Doch dieser scheinbar normale Alltag wird immer wieder durch russische Angriffe unterbrochen – in den Frontstädten permanent, hier im Westen etwas seltener.
Eine Woche vor meiner Ankunft in Lwiw Ende März gab es einen massiven Luftangriff, bei dem eine russische Drohne die St.-Andreas-Kirche im Zentrum der Stadt beschädigte. Das Bauwerk aus der Spätrenaissance zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.
Luftschutzkeller im Städtischen Museum
Nur 200 Meter entfernt arbeitet meine Bekannte Svitlana Tymkiv im städtischen Museum, das sich in den Räumlichkeiten des Rathauses befindet. Im Untergeschoss gelegen, dient es zugleich als Luftschutzkeller für die Stadtbeamten. Besonders stolz ist Svitlana auf eine Vitrine, die mutmaßliches Diebesgut zur Schau stellt: alte Pässe, Streichholzschachteln, leere Portemonnaies – das Geld hat der Langfinger eingesteckt. Die Objekte fanden die Museumsangestellten bei Renovierungsarbeiten in einer Nische.
Svitlana führt mich durch die neue Ausstellung – die erste seit Beginn des großen Kriegs. Kuratiert wurde sie vom bekannten Autor und Soldaten Serhij Zhadan, der Teil der Charkiwer Khartiia-Brigade ist. Zu sehen sind dokumentarische Fotoarbeiten von der Front: müde Soldatengesichter und von Fischernetzen umhüllte Straßen. Einer der Fotografen ist George Ivanchenko. Im vergangenen Herbst wurden er und der französische Fotojournalist Antoni Lallican von einer russischen Drohne angegriffen. Lallican starb, Ivanchenko verlor ein Bein.
Die Räume des Museums werden schon lange als Schutzraum für Notfälle genutzt. Svitlana weist auf eine rostige Panzertür aus Sowjetzeiten. „Die führt ins Nirgendwo“, sagt sie verschmitzt.
Blumige Namen für russische Drohnen
„Geranien“ – die russischen Drohnen, die auch Lwiw erreichen, tragen nach sowjetischem Brauch blumige Namen. Während Luftangriffe unregelmäßig erfolgen, verlaufen andere Einbrüche des Kriegs zyklisch.
Um Punkt 9 Uhr wird die Schweigeminute für die Verstorbenen per Lautsprecher angekündigt. Der Verkehr kommt zum Erliegen. Manche Fahrer steigen aus ihren Autos und stehen mit nach unten gerichtetem Blick da. Lautes Ticken, eine lange Minute lang.
11.30 Uhr. Das Orchester spielt einen Trauermarsch. Manche knien, als die Särge aus der Kirche getragen werden, dahinter schluchzende Familienangehörige. Die uniformierten Kameraden der Verstorbenen rauchen, wirken gefasst. Jeden Tag verabschiedet man in Lwiw Gefallene.
Um Punkt 12 Uhr im Food-Court eines Einkaufszentrums. Erst denke ich, es sei Werbung. Doch die Durchsage fordert dazu auf, die Nationalhymne mitzusingen. „Noch sind der Ukraine Ruhm und Freiheit nicht gestorben …“
Alle erheben sich zur Nationalhymne im Food Court
Nacheinander erheben sich die Menschen um mich herum von ihren Stühlen. Niemand singt – das wäre vielleicht zu pathetisch. Aber alle stehen andächtig da, auch ich. Manche haben ihre Hand auf ihre Brust gelegt. Als die Hymne vorbei ist, setzen wir uns.
In mir macht sich Unruhe breit, ein tiefes Gefühl der Ungerechtigkeit über diesen Krieg. Der Hunger ist mir vergangen.







