Atomkraft, das werden ihre Fürsprecher*innen nicht müde zu betonen, ist emissionsarm. „Kernenergie zählt zu den saubersten Energiequellen, wenn man die gesamte Lieferkette betrachtet“, schreibt die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur IEA, nennt Atomstrom „eine Möglichkeit für den Energiesektor, seine Treibhausgasemissionen zu reduzieren“ und hält auch deshalb Deutschlands Atomausstieg für einen „historischen Fehler“. EU-Kommissionsvorsitzende Ursula von der Leyen bezeichnete bei einem Atomgipfel im März den europäischen Rückzug aus der Atomkraft als „strategischen Fehler“. Denn bei der Atomenergie handele es sich um eine „zuverlässige, bezahlbare Quelle emissionsarmer Energie“.
Und tatsächlich: Selbst Christoph Pistner, Leiter des Bereichs Nukleartechnik und Anlagensicherheit beim traditionell atomkraftkritischen Öko-Institut, sagt: „Betrachtet man ausschließlich die CO2-Bilanz pro erzeugter Kilowattstunde Strom, hat Atomstrom genauso wie Strom aus erneuerbaren Quellen einen geringen Fußabdruck.“ Zwar entstünden beim Abbau des Urans CO2-Emissionen, bei dessen Weiterverarbeitung zum Brennstoff, beim Bau des Atomkraftwerks, bei dessen Betrieb und bei der Entsorgung des Mülls – die seien aber vergleichbar wie bei Bau, Betrieb und Entsorgung von Windrädern oder Solaranlagen.
„Wenn so ein AKW steht, kann es hervorragend dafür sorgen, dass das Klima geschützt ist“, sagt auch Mathias Mier, Energieexperte beim Ifo-Institut. Er ist nicht grundsätzlich gegen Atomstrom: „Die bestehenden, sicheren Meiler abzuschalten, war ein Fehler“, sagt er. Aber aus ökonomischer Sicht sei es schon falsch gewesen, die Atomkraftwerke überhaupt zu bauen. Denn „die Frage ist: Wie teuer ist das, und gibt es Alternativen?“
Will die Menschheit schnell aufhören, CO2 in die Luft zu pusten und so die Erde zu erhitzen, muss die Stromerzeugung rasch und möglichst billig CO2-frei werden. Dafür gibt es neben der Atomkraft auch Strom aus Wind, Sonne und Wasser. „In Anbetracht dieser anderen Optionen ist Atomstrom in Europa viel zu teuer“, sagt Mier. Die Sicherheitsanforderungen seien sehr hoch. „In China machen die das anders“, sagt Mier, „da gibt es nicht die gleichen Umweltgutachten und keine demokratische Beteiligung.“
Das Preisargument sei noch aus einem anderen Grund irreführend, sagt Mier. Denn wenn zum Beispiel von 10 Euro Kosten pro Megawattstunde Atomstrom gesprochen wird – deutlich weniger als für fossilen Strom –, sei nur von den variablen Kosten die Rede, also: Wie viel kosten Brennstoffe, Hilfsenergie, Wasser und Chemikalien, um die nächste Megawattstunde zu erzeugen? Um die vollständigen Kosten eines Atomkraftwerks zu decken, inklusive der vielen Hundert Beschäftigten, Ersatzteilen, den hohen Investitionskosten, die beim Bau anfallen, und den Versicherungen für den Ernstfall seien mindestens 110 bis 140 Euro pro Megawattstunde nötig – ansonsten ist Atomkraft ein Verlustgeschäft und muss staatlich subventioniert werden – wie es auch in Deutschland der Fall war.
Warum werben Unionspolitiker*innen für einen Wiedereinstieg?
Dazu kommt: „Planung, Genehmigung und Bau eines Atomkraftwerks dauern sehr lang“, sagt Pistner vom Öko-Institut. Als die britische Regierung 2013 die nötigen Subventionen für den Bau des Atomkraftwerks Hinkley Point versprach, sollte das Kraftwerk 2023 in Betrieb gehen. Inzwischen ist von 2030 die Rede – mit verdoppelten Baukosten.
Atomkraftverteidiger*innen wie die IAEO preisen zudem die Grundlastfähigkeit von Atomkraftwerken. Sie können wie Kohlekraftwerke nahezu im Dauerbetrieb laufen, während Solaranlagen in der Nacht und Windräder bei Flaute keinen Strom erzeugen.
Aber: Je mehr Strom aus Wind und Sonne kommt, desto schlechter eignen sich die Atomkraftwerke als Kombination. „Atomstrom funktioniert sicher und günstig nicht gut mit Wind und Sonne“, sagt Mier. Weil Wind- und Sonnenstrom billiger als Atomstrom sind, müsste man die AKWs ständig hoch- und runterfahren. „Dann gehen sie schneller kaputt“, sagt Mier. Bessere Alternativen, die bei Dunkelheit und Flaute einspringen könnten, seien zunächst noch Gaskraftwerke, später dann Batteriespeicher, Biomasse oder CO2-freie Gasalternativen wie Wasserstoff.
Warum werben dann Unionspolitiker*innen wie von der Leyen, Markus Söder und Jens Spahn für einen Wiedereinstieg? „Weil sie keine Ahnung haben“, sagt Mathias Mier vom Ifo-Institut. „Ich weiß nicht, wer ihnen diese Flausen in den Kopf gesetzt hat.“






