Drogenhandel von Syrien nach Jordanien: Mit Lufangriffen gegen den Captagon-Schmuggel

Kampfjets der jordanischen Luftwaffe haben am vergangenen Wochenende Ziele in der südsyrischen Provinz Suweida angegriffen. Sie trafen Lagerhäuser und Gebäude, in denen regionale Drogenbarone mutmaßlich ihre Geschäfte abwickeln. In Suweida, das an Jordanien grenzt, leben hauptsächlich Drus*innen. „Die Armee wird weiterhin proaktiv und entschlossen auf jegliche Bedrohung für Jordaniens Sicherheit und Souveränität reagieren“, teilten die Streitkräfte dazu mit.

Laut dem syrischen Nachrichtenportal Suweyda24 galt einer der Angriffe der Garage einer Luxusvilla eines mutmaßlichen Drogenbosses im Dorf Orman. Der soll kurze Zeit später unversehrt in Videos aufgetaucht sein und jegliche Verwicklung in Drogengeschäfte bestritten haben.

Es ist nicht das erste Mal, dass Jordanien im Nachbarland Syrien bombardiert. Immer wieder hat die Luftwaffe des Königreichs in den letzten Jahren in der syrischen Grenzregion aus der Luft angegriffen und dabei auf den internationalen Drogenschmuggel gezielt.

Das nun getroffene Dorf Orman wurde bereits im Januar 2024 – also noch vor dem Sturz des Regimes von Diktator Baschar al-Assad – angegriffen. Damals starben zehn Menschen, unter ihnen zwei Kinder. Wie die taz damals berichtete, übte die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) starke Kritik am Vorgehen des Militärs.

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Der Schmuggel läuft oft über mit Helium gefüllte Drogenballons oder mit Drogendrohnen

André Bank, Syrienexperte

Billig herzustellen, teuer zu kaufen

Die Luftangriffe sind der Höhepunkt eines „unausgesprochenen Kriegs“, der sich seit Jahren an der jordanischen Grenze abspielt. Der reicht lange zurück: Unter dem Regime des Ex-Autokraten Baschar al-Assad hatte sich die Produktion von Captagon in Syrien zu einem florierenden Geschäft entwickelt. Captagon ist eine synthetische Droge; in den kleinen runden Pillen ist vornehmlich Amphetamin drin. Es ist billig herzustellen und relativ teuer in der Golfregion zu kaufen. Das „Kokain des armen Mannes“ nennt man es in der Region.

Für das Regime war Captagon eine wichtige Einnahmequelle: Seine Mitglieder, Einheiten des Militärs, selbst Assad-Bruder Maher sollen involviert gewesen sein. Die Vorwürfe wurden stets bestritten. Die Pillen aus Syrien landeten oft über die nördliche Grenze in Jordanien, versteckt in Lastkraftwagen, Obstlieferungen, Karosserien oder mithilfe von Drohne durch die Luft. Nach Recherchen der taz vor zwei Jahren – vor dem Sturz Assads – profitierten in Jordanien lokale Stämme, korrupte Beamte und kleinere Dealer davon.

Das Königreich war zunehmend besorgt, der Handel wurde zum Politikum. Jordanische Beamte und Forscher beschuldigten irgendwann die Islamische Republik Iran öffentlich, durch verbündete Milizen den Schmuggel zu unterstützen. Iran hatte Assad massiv unterstützt. Das jordanische Militär verschärfte dann seine Einsatzregeln. Seit 2022 gilt an der Grenze in solchen Fällen shoot-to-kill: schießen, um zu töten.

Der Schmuggel hält nach dem Sturz Assads an

Nach dem Fall des Assad-Regimes hatten die neuen syrischen Machthaber Lagerhäuser sowie Produktionsstätten der Droge im ganzen Land aufgedeckt. Pillenhaufen wurden medienwirksam verbrannt. Mit Jordanien stimmten die neuen Politiker Berichten zufolge eine gemeinsame Strategie ab.

Doch der Schmuggel war damit nicht zu Ende. Ex­per­t*in­nen zufolge hat sich die Produktion in die Grenzregionen verlagert, Suweida soll zu einem wichtigen Knotenpunkt geworden sein. „Der Schmuggel läuft oft über mit Helium gefüllte Drogenballons oder mit Drogendrohnen“, so Syrienexperte André Bank.

Über Teile des Gebiets haben weiter drusische Milizen die Kontrolle. Laut dem katarischen Sender Al Jazeera galten einige der aktuellen Luftschläge Orten, die mit der National Guard verbunden sind – einer drusischen Miliz unter Leitung des einflussreichen Scheichs Hikmat al-Hijri. Die Gruppe wirft hingegen der Zentralregierung vor, die Produktionsstätten befänden sich in deren Gebiet. Sie fordert eine Untersuchung und Entschädigungen für betroffene Zivilist*innen.

Seit einem Jahr gibt es Spannungen zwischen der neuen syrischen Zentralregierung und den Drus*innen, die sich immer wieder in Gewalt entladen haben. Laut Al Jazeera sind die aktuellen jordanischen Luftschläge in „völliger Koordination“ mit der syrischen Regierung erfolgt. Eine entsprechende Anfrage der taz an die syrischen Behörden blieb bislang unbeantwortet.

Drogenbosse, Jordanien, Syrien und Israel

Jordanien blickt offenbar mit großer Sorge auf das Machtvakuum in der Region und die Entwicklung des illegalen Drogenhandels. Gleichzeitig bemüht es sich um bessere Beziehungen zum Nachbarland. Im April besuchten hochrangige syrische Po­li­ti­ke­r*in­nen Amman – ein Treffen, das Außenminister Ayman Safadi „historisch“ nannte.

Der Geopolitikexperte Amer al-Sabaileh bestätigt, die Beziehungen zwischen beiden Ländern seien tendenziell gut. Im Schmuggel seien jedoch viele verschiedene Interessen und Akteure involviert. Die Luftangriffe sendeten vor allem den Schmugglern selbst eine klare Botschaft.

Komplizierter ist die Beziehung zwischen Syrien und Israel. Letzteres hat syrische Gebiete besetzt und immer wieder Ziele im Land bombardiert. Drusen-Anführer al-Hijri wird eine gewisse Nähe zu Israel nachgesagt, er selbst rief „internationale Mächte“ zur Hilfe, als im vergangenen Jahr Kämpfe zwischen Drusen und Sunniten begannen. Israel bombardierte dann Stellungen der neuen syrischen Regierung.

Insofern dürfte es der syrischen Regierung genehmer sein, dass Jordanien die Luftangriffe durchführt. Ein syrischer Angriff im drusischen Gebiet könnte Israel auf den Plan rufen. Jordanien hingegen hat schon lange Frieden mit Israel geschlossen – und immer wieder betont, es dulde keinen Drogenschmuggel mehr über seine Grenzen.

Ob die Luftangriffe den Handel stoppen können, ist indes fraglich. Die Ver­lie­re­r*in­nen dieser angespannten Lage sind die Be­woh­ne­r*in­nen der südsyrischen Gebiete. Suweyda24 berichtet: Die lebten in ständiger Angst, im Kampf zwischen Kriminellen und religiösen wie politischen Mächten als Kollateralschaden zu enden.

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