Psychologin über Verbitterung im Alter: „Das Erleben von Wut nimmt im Alter ab“

taz: Frau Kessler, was ist dran am Bild vom mürrischen Alten? Ist Verbitterung ein Altersphänomen?

Eva-Marie Kessler: Gegenfrage: Wann ist Ihnen im letzten Jahr so eine Person tatsächlich begegnet? Und haben Sie in den letzten zwölf Monaten keine meckernde Person um die 40 getroffen? Trotz vielfältiger Verlusterfahrungen ist die Mehrheit älterer Menschen erstaunlich zufrieden mit dem Leben. Wenn wir unsere Lebenszeit als begrenzt wahrnehmen, richten wir den Fokus nämlich auf Wohltuendes und Sinnhaftes, vermeiden Stress und Kräftezehrendes. In der Alternspsychologie sprechen wir vom Positivitätseffekt.



Bild: Jens Jeske

Im Interview: Eva-Marie Kessler

leitet als Psychologische Psychotherapeutin die Hochschulambulanz „Psychotherapie im Alter“ der Medical School Berlin. Im Projekt „Vision-Age“ (www.vision-age.de) bietet sie alterssensible Online-Gruppenpsychotherapie an.

taz: Das ist ja auch noch der Begriff „altersmilde“. Ist eigentlich also das Gegenteil der Fall? Werden Menschen mit dem Alter besonnener?

Kessler: Für keine Altersgruppe gibt es so viele – auch widersprüchliche – Stereotype wie für ältere Menschen. Natürlich kann und sollte man sich immer fragen, wie viel Wahrheit in Stereotypen, so auch Altersstereotypen, steckt. Aber damit kommt man der Wahrheit über die Vielfältigkeit des Alters nicht näher. Wenn man sich stark von Stereotypen leiten lässt, werden sie zur selbsterfüllenden Prophezeiung und wir behandeln ältere Menschen dann immer entsprechend.

taz: Wenn man im Alter Bilanz über das Leben, vielleicht auch über Versäumnisse, zieht, einsamer wird oder wütend auf die sich verändernde Welt ist – w äre das nicht Anlass, zu verbittern?

Kessler: Jeder Mensch braucht bei der Aufarbeitung der eigenen Biografie ein Gegenüber, das zuhört, Fragen stellt und einem so dabei hilft, sich selbst zu verstehen und zu akzeptieren. Wut ist tatsächlich aber eine sehr kräftezehrende Emotion. Unser physiologisches System wird mit dem Älterwerden unflexibler, der Blutdruck steigt in Stresssituationen schneller an. Älter werdende Körper reagieren darauf: Das Erleben von Wut nimmt im Alter nachweislich deutlich ab.

taz: Der typische Griesgram ist für mich nicht nur alt, sondern auch männlich. Sind Männer prädestiniert für Verbitterung?

Kessler: Auch dafür gibt es keine wissenschaftlichen Beweise. Depressionen etwa kommen bei Frauen – auch im Alter – fast doppelt so häufig vor wie bei Männern.

taz: Was ist mit Altersdepressionen? Legt nicht auch der Begriff nahe, dass Zufriedenheit im Alter auf der Kippe steht?

Kessler: Altersdepression ist ein irreführender Begriff, denn er suggeriert, dass Alter der Grund für Depression wäre. Man unterscheidet zwischen Late-Onset-Depressionen, die im Alter zum ersten Mal auftreten, und Early-Onset-Depressionen, die auch in der ersten Lebenshälfte schon bestanden. Beide Phänomene kommen etwa gleich häufig vor. Leichtere depressive Beschwerden sind bei älteren Menschen allerdings deutlich häufiger. Auch sie können behandlungsbedürftig sein, weil sonst das Risiko besteht, dass sie in eine schwerere Form umschlagen.

taz: Was können Angehörige tun, wenn sie merken, dass Partner:in, Schwester oder Vater ständig unzufrieden sind?

Kessler: Unserem Gegenüber dieses Verhalten zu spiegeln, kann ein Augenöffner sein. Wenn das „Meckern“ im Rahmen einer Depression vorkommt, ist es aber wichtig, keine Schuldgefühle zu erzeugen – nach dem Motto: „Jetzt hör einfach mal auf, du bemühst dich gar nicht, auch mal das Positive zu sehen“. Es muss die innere Situation des Betroffenen anerkannt werden – etwa: „Ich sehe, in welcher Lage du steckst“ – ohne dass man sich vom depressiven Weltbild anstecken lässt. Auch konkrete Hilfsangebote sind wichtig. Und: immer auch kleine positive Veränderungen wahrnehmen und dafür Anerkennung zeigen.

taz: Was muss passieren, damit man zufrieden älter wird?

Kessler: Als älterer Mensch steht man vor der Entwicklungsaufgabe, positive Erinnerungen im Leben, Erfolge, aber auch Enttäuschungen und Niederlagen wahrnehmen zu können. Die Versöhnung mit negativen Aspekten der eigenen Biografie ist wichtig, um nicht das Gefühl zu haben, noch einmal leben zu müssen, und darüber in Verzweiflung zu stürzen. Wenn man alles das unter einen Hut bekommt, führt das zu mehr Selbstakzeptanz und neuer Energie für die Zukunft.

taz: Wie hingegen entsteht Verbitterung?

Eva-Marie Kessler: Verbitterungsreaktionen treten auf, wenn Menschen Herabwürdigung erlebt haben, Vertrauensbrüche oder Ungerechtigkeit, sei es im beruflichen oder privaten Kontext. Wenn Verbitterung pathologisch wird, sprechen wir von einer „Posttraumatischen Verbitterungsstörung“ (PTED). Menschen mit einer solchen Störung werden oft als Querulanten – ja, vielleicht als Griesgram – wahrgenommen. Ihr Erleben ist beherrscht von Wut, Zorn, Feindseligkeit, Enttäuschung und Scham. Mir ist aber keine klare Evidenz dafür bekannt, dass PTED im Alter häufiger auftritt als in jüngeren Altersgruppen.

taz: In Ihrer Hochschulambulanz wird auch „Lebensrückblicktherapie“ praktiziert. Was hat es damit auf sich?

Eva-Marie Kessler: Dieser Therapieansatz ist vor allem geeignet bei Patienten:innen, die mit der Vergangenheit hadern. Für solche, die ständig Vergleiche ziehen zwischen dem Leben, wie es ist, und dem, wie es hätte sein können. Diese Pa­ti­en­t:in­nen suchen oft nach Erklärungen für ihr Gewordensein, ohne dabei eine befriedigende Antwort zu bekommen. Ziel ist es, Scham- und Schulderleben abzubauen und ein flexibleres, positiveres, differenziertes Narrativ vom Selbst zu entwickeln. Dazu lernen die Pa­ti­en­t:in­nen auch, negative autobiografische Erlebnisse in ihrer Bedeutung für die eigene Lebensgeschichte wahrzunehmen und zu verstehen.

taz: Kann man schon in jungen Jahren seelische Resilienz für das Alter aufbauen?

Eva-Marie Kessler: Zahlreiche Studien belegen, dass die Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Älterwerdens einen entscheidenden Einfluss auf das tatsächliche Älterwerden hat. Wir sollten deshalb schon früh anfangen, unser eigenes Altern lieben zu lernen.

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