NSDAP-Datenbanken von Spiegel und Zeit: Die Nazi-Dateien sind hilfreich – und keine Gegenwartsflucht

D as ist ein Fortschritt für die Aufarbeitung der NS-Geschichte: Pünktlich zum 81. Jahrestag der Befreiung von der Nazi-Herrschaft hat nun auch Der Spiegel eine leicht durchsuchbare Datenbank mit Millionen Mitgliedskarten der NSDAP online gestellt. Die Zeit hatte eine ähnliche Internetseite Anfang April veröffentlicht. Beide Redaktionen haben mithilfe von künstlicher Intelligenz die überlieferten Mitgliedskarteien der Nazi-Partei aufbereitet, die das US-Nationalarchiv im März im Netz publiziert hatte.

Es ist legitim, dass nur AbonnentInnen von Spiegel und Zeit die Datenbanken nutzen können. Zwar gehören die Karteikarten dem Staat. Aber die Datenbanken der JournalistInnen bieten einen echten Mehrwert: Wer im Bundesarchiv die Daten seiner Vorfahren finden will, muss dafür einen schriftlichen Antrag stellen und in der Regel lange auf das Ergebnis warten. Auch das hat viele bisher von solchen Recherchen abgehalten. Im Bestand des US-Archivs kann jedeR online suchen, aber die Seite ist oft überlastet und zu langsam. Selbst wenn die Suche erfolgreich ist, landet man oft bei einem Dokument mit mehreren Tausend Seiten digitalisierten Mikrofilmen. Bis man den gewünschten Eintrag gefunden hat, können Stunden vergehen.

Die beiden Redaktionen haben die Daten in wochenlanger Arbeit so aufbereitet, dass die Recherche viel einfacher ist. Besonders die Spiegel-Suche funktioniert sehr gut, teils besser als die der Zeit. Die oft schwer leserlichen handschriftlichen Einträge sind meist transkribiert. Erst so können Laien sie entziffern.

Diese Aufbereitung der Akten ist aufwendig, sie ist eine journalistische Leistung und dafür darf auch Geld verlangt werden. Wer nicht zahlen will, kann die NS-Kartei ja über die staatlichen Archive einsehen.

Zu viel versprochen

Allerdings verspricht Der Spiegel in der Überschrift seiner Seite mit der Datenbank zu viel: „Finden Sie hier heraus, was Ihre Familie unter Hitler getan hat“. Erstens ist die NS-Mitgliederkartei nicht vollständig. Rund 20 Prozent der ursprünglich 14 Millionen Karten existieren nicht mehr. Wenn der Großvater in der Datei nicht auftaucht, lässt sich nicht völlig ausschließen, dass er doch NSDAP-Mitglied war. Zweitens handelt es sich eben nur um eine Kartei der Partei. Viele derjenigen, die sich „unter Hitler“ zum Beispiel in der Wehrmacht die Hände schmutzig gemacht haben, gehörten aber nicht der NSDAP an. Von 1933 bis 1937 nahm die Partei wegen des großen Ansturms überhaupt keine und bis 1939 nur eingeschränkt Neumitglieder auf.

Gern wird eingewendet, viele Mitglieder seien keine überzeugten Nazis gewesen, sondern Mitläufer, die beispielsweise ihren kleinen Beamtenposten retten wollten. Nun ja: „alle Beigetretenen haben sich angepasst und damit indirekt das Regime gestützt, mindestens haben sie einen Antrag unterschrieben und Beiträge gezahlt“, wie Der Spiegel schreibt.

Wer wirklich herausfinden will, was die Vorfahren in der Nazi-Zeit getrieben haben, muss weiter recherchieren. Das Bundesarchiv hat auch Personalakten der SS zum Beispiel. In Landesarchiven etwa finden sich Dokumente aus den „Entnazifizierungsverfahren“ nach 1945. Oder vielleicht wissen auch noch lebende Verwandte etwas? Gerade ein Treffer in der NSDAP-Kartei könnte ein Anstoß für weitere Recherchen sein.

Lehren aus der Geschichte für die Gegenwart

Es wurde der Vorwurf erhoben, solche Nachforschungen dienten nur „der emotionalen Entlastung weißer Deutscher“ und seien ein „Spektakel zur Gegenwartsflucht“, also Ablenkung vom Rassismus heute. So pauschal ist diese Kritik in keiner Weise belegt.

Wahrscheinlich läuft es eher umgekehrt: Erinnerungskultur und Engagement gegen Rassismus in der Gegenwart schließen sich nicht aus. Nicht umsonst wettern heutige Rechtsradikale wie der AfD-Politiker Björn Höcke genau gegen diese Erinnerungspolitik. Wer sich mit der Verstrickung der eigenen Familie in das NS-Regime auseinandersetzt, könnte sensibler werden für autoritäres Denken und Rechtsextremismus in der Gegenwart. Wenn nicht nur anonyme Männer auf Schwarzweißfotos, sondern der eigene Großvater Teil des Systems war, verändert das womöglich den Blick auf die Geschichte – und auf die Verantwortung in der Gegenwart.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden
    • September 24, 2026

    Die wirtschaftsliberale PAM geht als Sieger aus den Parlamentswahlen in Marokko hervor. Die Wahlbeteiligung war historisch niedrig. mehr…

    Weiterlesen
    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort
    • September 24, 2026

    Beim berühmtesten deutschen Erntedankfest – dem Oktoberfest – laufen inzwischen viele in Landmode herum. Anders in Castell. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden

    • 8 views
    Parlamentswahl in Marokko: Fußballmanager könnte der nächste Premier werden

    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort

    • 9 views
    Zylinder oder kein Zylinder: Die richtige Tracht am richtigen Ort

    Aufregung in Irland vor Duell mit Israel: Unerwünschter Gegner

    • 8 views
    Aufregung in Irland vor Duell mit Israel: Unerwünschter Gegner

    Immer weniger Streuobstwiesen: Das Paradies macht Arbeit

    • 8 views
    Immer weniger Streuobstwiesen: Das Paradies macht Arbeit

    Sensationsfund in Maastrichter Kirche: Der Musketier vor dem Altar

    • 9 views
    Sensationsfund in Maastrichter Kirche: Der Musketier vor dem Altar

    Comedy-Serie „Brothers“ bei Apple TV: Sich halb feiern und sich halb aufs Korn nehmen

    • 8 views
    Comedy-Serie „Brothers“ bei Apple TV: Sich halb feiern und sich halb aufs Korn nehmen