Kundgebung zum Vatertag: „Ohne das Patriarchat geht es uns allen besser“

Auf dem nassen Boden vor dem Brandenburger Tor hocken Hunderte Menschen unter bunten Regenschirmen. Da ertönt eine Stimme aus den Lautsprechern: „Und jetzt bitte einmal alle aufstehen, die jemanden kennen, der Gewalt erfahren hat.“ Fast alle Teilnehmenden stehen auf. „Und bleibt stehen, wenn ihr das Gefühl habt, diese Person hat Gerechtigkeit erfahren.“ Jetzt hocken sich die meisten wieder hin.

Knapp 3.500 Menschen haben sich am Donnerstagnachmittag am Pariser Platz vor dem Brandenburger Tor zur Kundgebung des Bündnisses: „Männer gegen Gewalt“ versammelt. Auf den vom Regen aufgeweichten Schildern stehen Sätze wie: „Ohne das Patriarchat geht es uns allen besser“, „Sei kein Arsch. Schweigen schützt Täter“ oder „Sei ein Teil der Lösung“. Unter den Teilnehmenden sind viele Männer, auch einige Väter mit Kindern.

Das Bündnis hatte am Vatertag zur Kundgebung am Brandenburger Tor aufgerufen. Statt den Herrentag mit Alkohol und männlichen Ritualen zu verbringen, wollen die Veranstalter den Tag als Anlass nutzen, um über Männlichkeit, Gewalt und Verantwortung zu sprechen und Solidarität mit FLINTA*-Personen zu zeigen. Ihr Ziel, so schreiben sie es auf ihrem Instagram-Account: das Ende männlicher Gewalt. Das wird die Demo wohl nicht schaffen, sie ist aber vielleicht ein Stück in die richtige Richtung.

Auf der Bühne stehen politische Redebeiträge im Mittelpunkt. Ver­tre­te­r*in­nen der Initiative „Nur Ja heißt Ja“, Aurel Mertz, Daniela Sepehri oder das Berliner Zentrum für Gewaltprävention sprechen über Gewalt, Verantwortung und strukturelle Probleme. Zwischendurch wird die Kundgebung immer wieder von Livemusik unterstützt.

„Beschämend später“ Versuch

Mitorganisator Jakob Filzen beschreibt die Kundgebung als „beschämend späten“ Versuch, Männer stärker in die Verantwortung zu nehmen. Er selbst komme aus der Täterarbeit. Die Kundgebung verstehe er nicht als Lösung: „Es wäre trügerisch zu glauben, damit wäre etwas geschafft“, sagt Filzen. Es bleibt zu hoffen, dass die Demo wenigstens ein Minimum anstoßen wird.

Teilnehmer Samy (der seinen Nachnamen nicht nennen möchte) sagt der taz, er sei gekommen, um sich mit FLINTA*-Personen zu solidarisieren. Früher habe er sich in Online-Dynamiken bewegt, die ihn in Richtung sogenannter Incel- oder Pickup-Communitys hätten führen können. „Man klickt sich zwei Videos weiter und ist plötzlich in einer ganz anderen Welt“, sagt er. Heute versuche er bewusst gegenzusteuern und Verantwortung im eigenen Umfeld zu übernehmen. Mit einer solchen Demo sei es allein nicht getan, meint er, sie könne aber ein Anlass sein, Neues zu lernen, in Austausch zu kommen und das eigene Umfeld zu reflektieren.

Auch Luca und Lukas sagen, sie seien aus Solidarität gekommen: „Es gibt keine FLINTA*-Person in unserem Umfeld, die keine Gewalterfahrungen gemacht hat. Wenn FLINTA*-Personen einem auch nur irgendetwas bedeuten, muss man als Mann selbst Verantwortung übernehmen und an so einer Demo teilnehmen“, sind sie sich einig.

Der erste Redebeitrag auf der Bühne kommt von einer Vertreterin der Initiative „Nur Ja heißt Ja“. Sie spricht über Femizide und strukturelle Probleme im Justizsystem. Betroffene würden häufig nicht gehört oder selbst in die Verantwortung gezogen. Vor Gericht stehe oft weniger die Tat im Fokus als die Frage, warum der Betroffenen überhaupt geglaubt werden sollte. „Das ist Frauenhass“, sagt sie. Es reiche nicht, kein Täter zu sein – nötig sei strukturelle Veränderung. Applaus geht durch die Menge.

Dann spricht Battal, Singer und Songwriter sowie Experte für Gewaltschutz, über seine Kindheit in einem von häuslicher Gewalt geprägten Zuhause. Als Kind habe er erlebt, wie seine Mutter von seinem Vater misshandelt wurde. Sein Zuhause sei kein sicherer Ort gewesen, sondern „ein Kriegsgebiet“. Während er spricht, wird es auf dem Platz still.

Battal richtet sich dabei immer wieder explizit an die Männer im Publikum: „Gewalt gegen Frauen hat ein Geschlecht: Es sind überwiegend Männer und wenn ihr schweigt, schützt ihr diese Gewalt“, ruft er. „Unsere Geschichte hätte verhindert werden können.“ Er endet mit: „Fuck the patriarchy!“

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