Älterer Influencer erzählt vom Krieg: Der Matsche-Latsche-Effekt

Opa Werner, weißes Haar und prächtiger Schnauzer, sitzt mit einem Trinkhelm auf dem Kopf auf einer Jacht. Eine Dose baumelt links von seiner Schläfe, eine rechts. Er zieht einen Schluck Bier durch den Strohhalmschlauch und grölt den Refrain: „Hey Mausis, wie es aussieht, schmeckt Matsche Latsche einfach immer scheiße!“

Um ihn herum fliegen Sektkorken über die Reling, das Meer glitzert vor der Küste Mallorcas und die Partycrowd tanzt zum Ballermann-Beat. Es ist das Video zu seinem ersten Song („Hey Mausis“), zusammen mit dem Partyschlagersänger Kreisligalegende. Die zwei Männer sitzen auf der Liegefläche am Heck der Jacht und recken die Arme in die Luft: „Opa Werner in die Charts – VOR GTA 6!“

Wer diesen musikalischen Fiebertraum verstehen möchte, muss auf Tiktok ein Jahr zurückscrollen. Bis zum Sommertag, an dem er auf einem verschnörkelten Metallstuhl im Garten sitzt und seinen ersten Matcha Latte trinkt. Er trägt ein geringeltes Shirt und eine silberne Pilotenbrille.

Das Getränk auf dem Tisch vor ihm ist fast so grün wie die Nadelhecke im Hintergrund. Seine Hände zittern, als er das Glas anhebt. Die Plörre schwappt hin und her. „Ick probier’ jetzt das erste Mal mit 88 Jahren Iced Matsche Latsche“, spricht er in die Kamera und nimmt einen kleinen Schluck. „Dat schmeckt so nach Pappe“, murmelt er. Also, mit Eis habe das nüschts zu tun. Matsche, das könnt’s sein. Latsche? Dat wisse er nicht.

Noch ein Schluck. „Wisst ihr, wie dat schmeckt? Wie ’ne Lebensmittelvergiftung!“ Er schüttelt den Kopf. „Und das trinken diese Chayas heutzutage?“ Mit Berliner Schnauze, Rollator und unerwartet gedroppten Jugendwörtern katapultiert sich der Rentner auf die For-You-Pages der Gen Z. Über zwanzig Millionen Mal wurde das Video angeschaut.

Eine halbe Million Follower

Mittlerweile ist Opa Werner das Gesicht der Matcha-Kampagne von Lidl, schmückt deutschlandweit Werbeplakate und probiert für seine Videos so lange weiter Matcha Lattes, bis ihm einer schmeckt (ist noch nicht passiert).

Opa Werner wusste nicht, was Influencer sind, bis er selbst einer wurde. An seiner Aussprache davon hat das nichts geändert. Influencer, das klingt aus seinem Mund bis heute hochgradig ansteckend.

Sein Online-Auftritt ist Teil der „Rentner-WG“, einem Social-Media-Format, das aus einer Gruppe Se­nio­r:in­nen besteht, zusammengecastet von einer Kölner Social-Media-Agentur. In den von der Agentur produzierten Videos tanzen die Rent­ne­r:in­nen zu Ikkimel, besuchen gemeinsam Festivals oder spielen sich gegenseitig Streiche. Zusammengerechnet kommen die Accounts auf über eine halbe Million Follower. „Matsche Latsche“ ist längst als Wortmarke eingetragen.

Diesen Mai erfolgte die Social-Media-Krönung: Neben Heidi Klum, Pamela Reif und ZAH1DE trat Opa Werner auf dem Branchenevent OMR als Speaker auf. Das Thema: „TikTok-Star mit 88: Wie Opa Werner zum Influencer des Jahres wurde und was Brands daraus lernen können“.

Auf die Bühne kam Opa Werner im Anzug, mit Rollator und Manager. Während der Manager erzählte, wie Opa Werner genau zum Influencer des Jahres wurde und was Brands denn nun daraus lernen können, formte Opa Werner „Bla bla bla“-Handzeichen zum Publikum.

Zweiten Weltkrieg miterlebt

„Soll ich mal dazwischenfahren?“, fuhr er seinem Manager dazwischen und begann zu erzählen. In seinem früheren Leben, sagte er, sei es oft mal ruff-, mal runtergegangen, dann wieder ruff und wieder runter. 1937 in Ostberlin geboren, habe er den Zweiten Weltkrieg noch bewusst miterlebt.

In der DDR habe er eine Lehre als Handwerker gemacht und sie bereits mit 17 Jahren abgeschlossen – früher, als viele heute eine Ausbildung beginnen. 1955 sei er aus Ostberlin abgehauen. Danach habe er als Elektriker, Handelsvertreter und „Fahrradfritze“ gearbeitet.

Gegen Ende des Talks fiel es ihm schwer, aus dem tiefen Stuhl aufzustehen. Er stützte sich auf den Rollator. Die Moderatorin versuchte, ihn von der Bühne zu begleiten, doch Opa Werner blieb stehen und blickte zum Publikum: „Wisst ihr, ich hoffe, dass ich das noch lange weitermachen kann und …“ Der Applaus verschluckte den Rest. Seine Stimme brach, in den Augen ein gerührter Glanz. In der ersten Reihe wischte sich eine Frau Tränen aus dem Augenwinkel, in ihrer Hand ein Matcha Latte.

Trotz Trubel, sagt Opa Werner, sei er immer noch derselbe, noch der alte. Einer, der seinen Freunden Streiche spielt wie auf Klassenfahrt. Einer, der neues Zeug einfach ausprobiert und dabei hervorragend über sich selbst lachen kann. Einer, der zeigt, dass das Leben nicht aufhört, nur weil man langsamer wird.

Vielleicht sind seine Videos auch deshalb so erfolgreich bei der jungen Zielgruppe: weil allein durchs Zuschauen die Angst vorm Altern ein bisschen schrumpft. Opa Werner wird in diesen Tagen 89 Jahre alt. Auf dass ihm Matsche Latsche noch viele, viele Jahre nicht schmeckt.

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