Wales beginnt dort, wo England aufhört. Das grüne Mittelengland wird nach Westen hin immer üppiger, stille Flüsse mäandern durch tiefgrüne Wiesen, jahrtausendealte Wälder und beschauliche Kleinstädte. Dann ragen düstere Hügel auf, und auf einmal verdrängen kahle Berge das Grün, die Landschaft wird karg und leer. Man kann zwischen endlosen Steinmauern bis zum Meer fahren und nur noch Schafherden und Stauseen zu Gesicht bekommen.
Am 7. Mai hat die walisische Nationalpartei Plaid Cymru (Partei für Wales) die Regionalwahlen in Wales gewonnen. Das ist ein historischer Bruch. Anders als Schottland war Wales nie ein eigener moderner Staat, der wiederzuentdecken wäre. Wales ist, so das geflügelte Wort, kein „State“, sondern ein „State of Mind“.
Von England aus gesehen war Wales, dieses verregnete Land mit schiefergrauen Mauern und einem roten Drachen als Wappentier, immer der Inbegriff des Anderen. Als englisches Kind lernte man drüben, auf der walisischen Seite, im Schatten militärischer Sperrgebiete Bergwandern ohne Wege und Survival ohne Landkarten. Waliser galten als härter und ausdrucksstärker, sie waren die besseren Rugbyspieler und konnten besser singen.
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Man las in der Schule den großen zeitgenössischen Dichter Dylan Thomas und bewunderte die Kraft seiner Sprache, aber dass er Waliser war, blieb irrelevant, und über Wales an sich lernte man nichts. Das Walisische ist gelebte Identität, aber es verbirgt sich, nicht zuletzt hinter der Sprache. Schon „Cymru“ richtig auszusprechen, den walisischen Namen für Wales, überfordert viele Nichtwaliser. Wie gehen sie wohl mit Rhun ap Iorwerth um, dem neuen Regierungschef von der Partei Plaid Cymru?
Eine Ära geht zu Ende
Plaid Genedlaethol Cymru, wie die Nationale Partei von Wales bei ihrer Gründung 1925 mit vollem Namen hieß, löst jetzt die britische Labour-Partei ab, die Wales politisch seit über einem Jahrhundert dominiert. Eine Ära geht zu Ende. Denn als parlamentarische Vertretung der britischen Arbeiterbewegung entstand Labour einst in den Kohlerevieren von Südwales, das einst größte Bergbaugebiet der britischen Inseln, wo heute keine Kohle mehr gefördert wird, aber sich immer noch endlos geduckte Reihenhaussiedlungen die schmalen Täler zwischen den Hügeln entlangziehen: Taff Valley, Ebbw Valley, Cynon Valley, und wie sie alle heißen.
Dass weite andere Teile von Wales so menschenleer erscheinen, liegt auch daran, dass die Bevölkerung im 19. Jahrhundert in die neuen Minen- und Hafenstädte abwanderte. Eine Tradition der gemeinschaftlichen Selbstorganisation entstand dort, maßgeblich getragen von den protestantischen Freikirchen, den sogenannten Nonkonformisten, damals ein wichtiger kultureller Organisator der Arbeiterschaft. Sie predigten die Integrität des Individuums, was mit rigiden Moralvorstellungen einhergehen kann, aber auch mit dem Streben nach einer besseren Welt.
Nicht trinken, keine Schulden machen, den heiligen Sonntag achten einerseits – Ablehnung von Unrecht und Wucher, Verachtung arroganter und verschwenderischer Eliten andererseits. Individuelle und kollektive Rechtschaffenheit predigte man wortgewaltig in den grauen Steinkapellen von Wales. Das, mehr als jede politische Ideologie, war die Wurzel der organisierten Arbeiterbewegung Großbritanniens, die 1893 mit der Gründung der Independent Labour Party (ILP) begann und im Kohlerevier von Wales den Schritt zur modernen Massenpartei tat.
Die Arbeiter müssen ins Parlament
In Merthyr Tydfil am oberen Ende des Taff Valley stellte das Labour Representation Commitee, ein gemeinsamer Ausschuss von ILP, linken Zirkeln und Gewerkschaften, 1900 erstmals einen Parlamentskandidaten auf. ILP-Gründer Keir Hardie, ein aus Schottland zugewanderter Bergmann, wurde so der erste Labour-Abgeordnete im britischen Unterhaus.
Ein Eisenbahnerstreik in Taff Valley erregte zugleich Aufsehen: Das Oberhaus in London verurteilte 1901 als letzte Instanz eine streikende Eisenbahnergewerkschaft zu Schadenersatz an die Arbeitgeber. Gewerkschaften, so die Begründung, seien als zugelassene Vereinigungen haftbar. Spätestens ab diesem Zeitpunkt war klar: Die Arbeiter müssen ins Parlament.
So wurde 1906 aus dem losen Bündnis des Labour Representation Committee die Labour Party. Ab 1922 hielt sie die Mehrheit aller Wahlkreise in Wales, ununterbrochen bis heute. Großbritanniens erster Labour-Premier Ramsay McDonald vertrat im britischen Parlament einen walisischen Wahlkreis, ebenso der letzte Labour-Premierminister vor der Thatcher-Ära, Jim Callaghan. Die größte Errungenschaft Labours in Großbritannien, die Gründung des kostenlosen staatlichen Gesundheitsdienstes NHS nach dem Zweiten Weltkrieg, ging auf Gesundheitsminister Nye Bevan zurück, einen walisischer Bergmann. Und als Wales 1999 ein eigenes Regionalparlament in Cardiff bekam, am unteren Ende des Taff Valley, stellte Labour dort selbstverständlich die Regierung.
Jenseits der Apparate von Labour
Es war wie ein Naturgesetz. Jahrzehntelang. Bis zur Niederlage in diesem Jahr. Wobei die Labour-Hochburgen von Wales sich anders als die in England nicht massiv den Rechtspopulisten von Reform UK zuwenden.
Reform-Chef Nigel Farage weiß um die Bedeutung von Wales. In Merthyr Tydfil stellte er vor den britischen Parlamentswahlen 2024 das Wahlprogramm seiner Partei vor. Bei den Regionalwahlen 2026 holte Reform UK trotzdem nur zwei der sechs Sitze des örtlichen Wahlkreises. Plaid Cymru bekam drei. Labour gerade mal einen.
Tritt Plaid Cymru nun langfristig an Labours Stelle als die Partei, die den walisischen „State of Mind“ vertritt?
Labours Perspektive ist gesamtbritisch. Man wählt Labour, um Zugriff auf die Hebel der Macht in London zu erhalten. Doch die undogmatische Linke hat schon immer auch eine andere linke Erzählung gesucht, jenseits der Apparate von Labour und den Gewerkschaften.
Die widerborstige Dimension walisischer Identität
Der Waliser Raymond Williams prägte als Vordenker der britischen Neuen Linken der 1960er Jahre einen noch heute einflussreichen progressiven Begriff von Kultur. Er verstand sie weder als Hochkultur noch als Folklore, sondern als Gesamtheit der „sozialen Erfahrung“. Williams besann sich spät seiner walisischen Wurzeln. Aus dem fernen Cambridge heraus entwarf er Grundsätze der gemeinschaftlichen Selbstorganisation, betrieb Erwachsenenbildung und unterstützte Plaid Cymru.
Gegründet wurde die walisische Partei 1925 von einem Baptistenprediger zur Förderung der walisischen Sprache. Manche empfanden das zunächst als zu unpolitisch und verlangten eine sofortige Unabhängigkeit – ein Randthema, vergleichbar mit dem militanten baskischen Separatismus, Anschläge auf Ferienhäuser im Besitz von Engländern inklusive. Dazu gehört die Erinnerung an den walisischen Widerstandskämpfer des 14. Jahrhunderts gegen die englische Eroberung, Owen Glendower – Glyn Dwr auf Walisisch – den noch Kubas Fidel Castro als Vorbild des Guerillakriegs rühmte.
Ausdruck findet diese widerborstige Dimension walisischer Identität bei dem Poeten R. S. Thomas, einem grimmigen Prediger, der auf Englisch schrieb, aber Walisisch dachte. In seinem „Welsh Testament“, einem Manifest der Abgrenzung, tritt Thomas dem Wohlfühl-England entgegen: „Du bist Waliser, sagten sie / Sprich zu uns, halte deine Felder frei / Vom Benzingeruch, vom lauten Rattern / Heißer Traktoren: wir brauchen Frieden / Und Ruhe. / Ist ein Museum / Frieden? fragte ich. Bin ich der Hüter / Der Relikte des Herzens, Staub blasend / In meine eigenen Augen? Ich bin ein Mensch / Ich wollte nie die eintönige Rolle / Die das Leben mir zuschrieb“.
Wo die Wirtschaft für die Menschen arbeitet
All das ist neben der gemeinschaftlichen Selbstorganisation die zweite Wurzel des lang verschütteten Nationalgefühls, mit dem Wales nun aus seiner „eintönigen Rolle“ ausbricht. Plaid Cymru steht programmatisch gar nicht so weit von Labour entfernt, aber die Partei entwickelt ihre Politik für Wales, nicht für die Londoner politische Bühne. Als Rohstofflieferant für England hat Wales ausgedient, jetzt geht es um „Wertschöpfung, die in unseren Gemeinschaften bleibt, statt aus Wales abzufließen“, steht im aktuellen Parteiprogramm – ein Wales, wo „die Wirtschaft für unsere Menschen und unsere Gemeinschaften arbeitet, nicht umgekehrt“.
Plaid Cymru dümpelte jahrzehntelang dahin, im Londoner Parlament stellt die Partei bis heute nur vier Abgeordnete. Aber in Wales bildete sie seit Entstehen des Regionalparlaments 1999 stets die Hauptopposition zu Labour. Je mehr Labour sich von seinen Wurzeln in der Arbeiterbewegung löste und auch die alten Arbeitermilieus verschwanden, desto mehr fasste Plaid Cymru auch in alten Labour-Hochburgen Fuß und nahm die alten Impulse auf, für die einst Labour gegründet wurde und für die Labour jetzt ausgedient hat. Dass im autonomen Wales offiziell Zweisprachigkeit herrscht, hat ohnehin die Verfechter des Walisischen in den Mainstream geholt.
Rhun ap Iorwerth, neuer Regierungschef von Wales, in seiner Antrittsrede
Jetzt ist es geschafft. Am Dienstag hat das Regionalparlament in Cardiff den Wahlsieger Rhun ap Iorwerth zum „First Minister“ von Wales gewählt. Seine Antrittsrede begann der Plaid-Cymru-Chef auf Walisisch. Die Nation zu führen, „die mir so viel bedeutet“, sei „die größte Ehre meines Lebens“, sagte der 53-Jährige, der seinen Nachnamen mit dem letzten mittelalterlichen Fürsten von Gwynedd in Nordwales teilt. „Es hat sich etwas bewegt in der Seele von Wales“, befand Iorwerth schließlich auf Englisch: „Ein neues Selbstvertrauen, eine neue Hoffnung, ein neuer, weiterer Horizont.“ Wenn Wales ein „State of Mind“ ist, dann hat soeben eine Bewusstseinserweiterung stattgefunden.







