Krimi aus der Thatcher-Ära: Die Stärke der Schwachen

Was ist stark, was ist schwach? Die Mutter des Glasgower Bosses Declan in der Serie „Legends“ sagt zu ihrem Sohn, als sich die Dinge final zuspitzen: „Dein Vater trank, weil er schwach war. Und als ich ihm sagte, dass er schwach sei, trank er noch mehr. Aber es war mir egal. Weil ich dich hatte. Und ich konnte sehen, dass du anders warst. Ich konnte sehen, dass du nie schwach sein würdest. Nicht, wenn es drauf ankam. Du hast es weit gebracht, Declan. Und es ist mir egal, wie du es geschafft hast. Mir ist nur wichtig, dass du es jetzt nicht wegwirfst.“

Der Monolog der Mutter ist nur einer der schauspielerischen Höhepunkte in dieser außergewöhnlichen Serie über die frühen britischen 1990er Jahre, die davon erzählt, wie ausgerechnet der britische Zoll im Auftrag der Thatcher-Regierung die Heroinschwemme stoppen soll.

Nicht, weil das Land an ihr kaputtgeht; sondern weil ein Krieg, auch und gerade ein „Krieg gegen die Drogen“, sehr gut davon ablenkt, was die Politik Thatchers dem Land antut.

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Legends

„Legends“, sechs Folgen, bei Netflix

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Der Zoll ist eine schwache, bürokratische Behörde, Extramittel gibt es keine. Aber wenn er es nicht schafft, wenn er den Job nicht übernimmt, wird ihm die Zuständigkeit entzogen. Das will kein Chef. Und so wird ein Auswahlverfahren durchgeführt, das Menschen anspricht, die im dumpfen Behördenalltag nicht aufgehört haben, einen Sinn zu suchen, den Thrill, der einen sich lebendig fühlen lässt. Sie gehen undercover, lernen Legenden, „Legends“ eben, auswendig, Lebensläufe, mit denen sie sich im kriminellen Milieu der Drogenmafien bewegen können sollen.

Sollen: Denn jedes unbedachte Wort, jede falsche Geste kann von nun an tödlich sein. Das ist so dermaßen spannend inszeniert, dass die schwachen Nerven des Rezensenten oft versagen, er nicht hinschauen kann.

Solche Ich-und-dus

Dabei hat er doch einst Szenen aus „Donnie Brasco“, einem, wenn nicht dem Klassiker des Undercover-Genres, sich immer wieder ansehen können: etwa den Moment, als FBI-Undercoveragent Donnie mit Mafiosi-Kollegen ein japanisches Restaurant besucht und vom Besitzer aufgefordert wird, sich die Schuhe ausziehen – was er unter keinen Umständen tun kann, weil in den Schuhen das Abhörmikro steckt.

Vorbei, ich bin zu schwach – und die Szenen in „Legends“ sind noch härter; weil die Protagonisten so normal sind, so ich und du sind. Solche Ich-und-dus, die aber dann über sich hinauswachsen, Todesmut zeigen, und dabei aber zivil bleiben, auf eine sehr britische Art.

Das Herausforderndste an „Legends“ ist vielleicht eben das: dass hier Schwerstkriminalität bekämpft wird, aber der Rahmen der Rechtsstaatlichkeit gesetzt bleibt, was nicht heißt, dass er nicht auch mal gesprengt würde. Aber er ist weiterhin da, als Bezugspunkt, als Rückkehrort.

Und diese Einschränkung, diese Schwäche erweist sich letztlich als die wahre Größe, als der Weg zum Erfolg, der immer nur ein vorübergehender sein kann. „Legends“ ist konservativ, weil die sechsteilige Serie zeigt, dass ohne Opfer nichts erreicht werden kann, dass Einzelne einen Weg bis zum bitteren Ende gehen müssen; und es ist progressiv, weil die Gesellschaft als Ganzes sich immer den Rückweg offen halten muss, damit das Opfer nicht umsonst war.

Es ist eben nicht egal, wie man etwas schafft. Gut, dass auch Declan das am Ende erfährt, als der große Sturm aufzieht.

  • informationsspiegel

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