Trauma Dumping: Kostenlose Therapie ist over

M eine Freundinnen und ich sitzen in einer Kneipe und verbringen die erste Stunde des Abends damit, die Psyche eines Typen zu sezieren, den keine von uns wirklich kennt. Wir überlegen, wie A. mit dem umgehen soll, was er ihr beim ersten Date serviert hat: die Trennung seiner Eltern, Bindungsängste, eine Ex-Freundin mit „Knacks“ und einen Monat Microdosing, der ihm angeblich „die Augen geöffnet“ habe.

Anderes Setting, ähnliche Situation: Ich will bei einer WG-Party nur kurz eine rauchen, schon steht ein Typ neben mir und breitet sein gesamtes Innenleben vor mir aus, obwohl ich seinen Namen erst seit fünf Minuten kenne. Trotzdem bin ich von jetzt auf gleich zur Chefanalytikerin seines Kindheitstraumas geworden, ohne dass er eine einzige Rückfrage gestellt hätte.

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Während wir Frauen emotionale Lasten eher mit Freund*innen und Familie teilen, fahren viele Männer eine andere Strategie: Sie behalten sie entweder für sich oder laden sie bei der erstbesten Frau ab, die lange genug empathisch nickt. Dabei haben sie doch selber Freunde – mit denen wird nur lieber gesoffen oder über Fußball und die richtige Bouldertechnik diskutiert. Aber wenn es um Sorgen und Nöte geht, kommen sie gern zu uns.

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Wer Trauma-Dumping betreibt, ist nicht an Nähe, sondern an einer unbezahlten Gesundheitsleistung interessiert

Ja, ich weiß: Wir befinden uns in einer Zeit, in der Männer endlich lernen, sich zu öffnen und über ihre Gefühle zu sprechen. Das ist auch wichtig und richtig so. Das Problem ist auch nicht die Verletzlichkeit, sondern der Rahmen. Denn wer ungefiltert seinen Ballast abwirft und damit Trauma-Dumping betreibt, ist nicht an wirklicher Nähe und dem Aufbau einer tragfähigen Beziehung interessiert, sondern an einer unbezahlten Gesundheitsleistung.

Manchmal wirkt die Offenlegung auch wie eine präventive Entschuldigung für späteres Fehlverhalten. Damit meine Freundinnen und ich schon mal Verständnis für Dinge entwickeln, die sich die jeweiligen Männer erst noch erlauben werden. Sie servieren uns ihre Traumata vorab, damit wir später nicht mehr sauer sein dürfen, wenn sie sich wie Arschlöcher verhalten. Nach dem Motto: „Ich hab dich ja gewarnt, ich bin halt kaputt.“

Und zack in der Carerolle

Aber mit dem Wissen kommt Verantwortung. Denn sobald meine Freund*innen und ich die psychische Verfassung der Männer kennen, fällt es uns schwer, nicht darauf einzugehen. Und so rutschen wir immer weiter rein in die Carerolle, in die Therapeutinnenrolle, in die „Frau, die das schon aushält“-Rolle. Es ist die Fortführung einer langen Liste von unbezahlter Arbeit: Beziehungs-, Aufklärungs-, Haus- und Erziehungsarbeit – zu der nun auch noch der Kummerkasten hinzukommt.

Vielleicht sollten wir Frauen öfter hinterfragen, warum wir das mitmachen, warum es sich im ersten Moment vielleicht sogar ganz gut anfühlt, gebraucht zu werden. Aber ehrlich gesagt, habe ich keine Lust, die Verantwortung schon wieder nur bei uns zu suchen. Wie wäre es stattdessen damit, wenn ihr Männer einfach mal damit aufhört, den Kram ungefragt bei uns zu deponieren?

Und mal ehrlich: Würdet ihr das alles auch einem anderen Typen erzählen, den ihr gerade erst kennengelernt habt? Wohl kaum. Doch wir haben keine Lust mehr, die psychologische Müllabfuhr für Männer zu sein, die sich nicht trauen, unter ihresgleichen verletzlich zu sein. Also hört auf, euren emotionalen Ballast nur an uns Frauen auszulagern – vor allem nicht, wenn ihr uns eigentlich gar nicht kennt.

Fangt lieber an, einander bessere Freunde zu sein. Traut euch, diese emotionale Tiefe auch in eure Männerfreundschaften zu bringen. Davon hätten am Ende alle mehr.

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