
D ie Kinoleinwand leuchtet auf und eine junge Frau namens Nomali sprintet darüber. Als sie eines der alarmgesicherten Artefakte an sich nimmt, beginnt ein Countdown. Nomali rennt, slided und springt durch einen komplizierten Parkour. Als sie bei einem Hindernis abrutscht, stöhnt das Publikum gestresst. Doch sie schafft es ganz knapp und rettet sich ins Fluchtfahrzeug. Erleichterte Jubelrufe.
Ich bin im Filmrauschpalast, einem kleinen Kino in Moabit in Berlin. Seit vier Jahren finden hier im Monatstakt „Gamerausch“- Veranstaltungen statt, bei denen anstelle von Filmen Videospiele gezeigt werden, ein:e Freiwillige:r sitzt am Controller. So ein emotionales Publikum wie hier findet sich beim Filmeschauen selten. Das liegt daran, dass der Ausgang der Szene ungewiss ist. Vielleicht vergleichbar mit einem Fußballspiel, wobei Fußball bei mir emotional verhältnismäßig wenig auslöst.
=”” span=””>
„Relooted“
Studio Nyamakop, ca. 14,99 Euro
=”” div=””>
Das Spiel des heutigen Abends, „Relooted“ von dem südafrikanischen Studio Nyamakop, ist politisch brisant. „Looten“ heißt in der Gamingsprache, etwas zu erbeutet, und es ist eigentlich positiv konnotiert. Das ist in diesem Spiel anders. „Relooted“ spielt in einer Zukunft, in der es nicht nur fliegende Autos gibt, sondern auch eine Vereinbarung zwischen den politischen Großmächten, die regeln soll, dass alle gestohlenen afrikanischen Artefakte an deren rechtmäßige Besitzer zurückgegeben werden. Umgesetzt wird diese Vereinbarung aber nicht. Also schließt sich Nomali mit anderen zusammen, um die einst „gelootete“ Raubkunst eigenmächtig zurückzuholen. Alle Artefakte, die im Spiel vorkommen, gibt es wirklich.
Ich schäme mich für meine Vorfahren
=”” span=””>
„Gamerausch“
findet etwa alle vier Wochen mit wechselnden Spielen im Filmrauschpalast in Moabit statt.
Tickets ca. 12 Euro. Der nächste „Gamerausch“ ist für den 6. Juni 2026 geplant.
=”” div=””>
An diesem Abend mit dabei ist der Bildungsaktivist und Afrofuturist David Zabel. „Relooted“ schaffe es, ein Bild von Südafrika zu vermitteln, das nicht stereotyp arme Menschen in Lehmhütten zeigt, sondern einen positiven Zukunftsentwurf des Landes, sagt er. Afrofuturismus ist eine Ästhetik, die die Realität für Menschen der afrikanischen Diaspora mit Science-Fiction oder Fantasy verbindet. Aber nicht afrofuturistisch, sondern afrikafuturistisch sei das Spiel, präzisiert der Entwickler Ben Myers, der zum Ende des Abends zugeschaltet wird. Der Unterschied ist, dass Afrikafuturismus den afrikanischen Kontinent selbst, seine Kultur und Geschichte in den Mittelpunkt stellt.
Als Zabel erklärt, dass wir im nächsten Kapitel einen Schädel zurückrauben, der während der Kolonialzeit für rassistische Pseudoforschungszwecke entführt wurde, wird mir ein bisschen schlecht. Ich bin wütend und schäme mich für meine Vorfahren. Als ich in der Pause das Publikum mustere, lese ich die meisten weiß. Gemeinsam sitzen wir hier und werden uns unserer historischen Verantwortung bewusst oder bewusster.
Der Abend fühlt sich nach Solidarität an. Wir fiebern nicht nur gemeinsam mit Nomalis Crew mit, sondern stehlen die Raubkunst gemeinsam. Wir sind zusammen kriminell, um Gerechtigkeit wiederherzustellen.






