Rio Reiser-Schau in Husum: Mit der Bibel in die Schlacht

Am 26. August packt wohl einige Leute bis heute eine gewisse Wehmut. An jenem Tag im Sommer 1996 ist schließlich Rio Reiser gestorben, im nordfriesischen Ort Fresenhagen. 30 Jahre später widmet der Museumsverbund Nordfriesland im Nissenhaus in Husum dem Ton-Steine-Scherben-Frontmann die Ausstellung „Rio Reiser – aufgewacht und rebelliert“.

Die stimmt allerdings eher selten schwermütig: Eine Tischtennisplatte lädt zum Pingpong ein, an einem Tisch kann man „Mensch ärgere dich nicht“ spielen. Das mag manchen möglicherweise überraschen, hat aber ein ganz konkretes Ziel: Soziale Begegnungen sollen gefördert werden.

Nicht nur so zum Spaß. Es geht darum, zu demonstrieren, wie wichtig den Scherben gemeinsam verbrachte Zeit war. Sie suchten nach einer Gemeinschaft fernab der bürgerlichen Kleinfamilie. Zunächst in der Haus­be­set­ze­r:in­nen­sze­ne Berlin-Kreuzberg, ab 1975 in einer Kommune auf einem Bauernhof in Fresenhagen, ernannt zur „Freien Republik“.

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Die Ausstellung

„Rio Reiser – aufgewacht und rebelliert“, Nissenhaus, Herzog-Adolf-Straße 25, Husum, täglich außer montags, 11-17 Uhr. Bis 7. März 2027

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Gerade über ihr Leben auf dem Land erfährt man in der Schau einiges. Die NDR-Dokumentation „Scherben in Friesland“ wird auf großer Leinwand gezeigt, Fotos zeigen den Eingang ihres Bauernhauses, ihren Proberaum, ihre Tiere oder Rio Reiser im Bett.

Ein unbekannter Star

Spannend ist, wie solche Aufnahmen mit Anekdoten von Zeit­zeu­g:­in­nen gepaart werden. In den 1980er Jahren meldeten sich drei Punks auf eine Anzeige „Schlagzeugbecken zu verkaufen“. Als sie das Instrument in Fresenhagen abholten, stand Rio Reiser vor ihnen. Sie hatten jedoch keine Ahnung, wer der gebürtige Berliner war, und wollten sich auch gar nicht weiter mit ihm oder seiner Musik beschäftigen. Schließlich hatten sie völlig andere Interessen.

Solche Erinnerungen tragen entscheidend dazu bei, dass die Ausstellung nicht in die Nostalgiefalle tappt. Obwohl Rio Reiser und die Scherben einst mit Liedern wie „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ oder „Keine Macht für niemand“ den Nerv der Zeit trafen, kannten nicht wenige diese Musiker überhaupt nicht.

Erst mit seiner Solosingle „König von Deutschland“ erreichte Rio Reiser 1986 plötzlich die breiten Masse. Wie sich dieser Hit, den der Sänger schon zuvor mit anderen Strophen bei ein paar Auftritten der Scherben im Repertoire hatte, entwickelt hat, verdeutlichen einige Textentwürfe, teils handgeschrieben, teils getippt. Ebenso würdigt eine Installation dieses Stück.

Hinter einem Zaun sieht man eine umgekippte Bank, einen roten Samtumhang, wie ihn Rio Reiser im „König von Deutschland“-Video getragen hat, sowie eine Krone. Die Bildschirme dahinter liefern Impressionen aus der Hausbesetzer:innenszene. Sie spiegeln eine Zeit, in der es regelmäßig zu brachialen Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht kam.

Das Thema Widerstand bahnt sich in der Ausstellung stetig seinen Weg. Sei es dank einem Schnappschuss, der Rio Reiser 1976 bei einer Demo gegen das Atomkraftwerk Brokdorf zeigt, oder mittels einer aussagekräftigen Installation. Zwei Sessel, ein Tisch und ein Röhrenfernseher symbolisieren ein heimeliges Wohnzimmer.

In der „Tagesschau“ berichtet Karl-Heinz Köpcke über die Anti-AKW-Demo in der Wilstermarsch. Innen- und Außenperspektive vermischen sich. Während man es sich daheim gemütlich macht, eskaliert draußen ein gesellschaftlicher Konflikt.

Immer wieder merkt man: Reiser war ein Idealist, der die Hoffnung auf eine bessere Gesellschaft nicht aufgab – selbst wenn in seinem Alltag Utopie und Überforderung hart aufeinanderprallten. Zugleich war Demokratie für ihn nichts Selbstverständliches. Sie musste ständig aufs Neue verteidigt werden.

Tarot, Horoskope und Campino

Einen Blick auf den privaten Rio gönnt einem eine Installation mit einer Badewanne, hinter der ein riesiges Reiser-Foto hängt. Tatsächlich hat der Liedermacher zum Schluss täglich gebadet und dabei in der Bibel gelesen. Der Institution Kirche stand er zwar kritisch gegenüber, doch er war spirituell.

Mit der Frage, wie er nach einer Wirklichkeit jenseits des Sichtbaren suchte, beschäftigt sich in der Ausstellung die sogenannte lila Koje. Auf der einen Seite hat Rio Reiser in der Heiligen Schrift Inspiration gefunden, andererseits glich er wichtige Entscheidungen mit Horoskopen ab. Tarotkarten verweisen darauf, welche Rolle Esoterik zuweilen im Kreativprozess spielte. So wurde 1981 „IV (Die Schwarze)“ mithilfe eines ausgeklüngelten Tarotkartensystems geschrieben: Songs wie „Der Turm stürzt ein“ belegen das.

Für Ingwer Albert ergibt sich aus all diesen Exponaten ein stimmiges Bild. Der Schleswig-Holsteiner hat früher mit dem fußballbegeisterten R.P.S. Lanrue beim MTV Leck gekickt und in Fresenhagen des Öfteren mit den Scherben gefeiert. Natürlich kannte er auch Rio Reiser.

Ob dem Musiker selbst diese Schau gefallen hätte? Alberts Antwort: „Sie wäre Rio zu kommerziell gewesen.“ Vermutlich hätte er sich an den Lobhudeleien von Kollegen wie Danger Dan, die auf eine Wand geschrieben wurden, gestoßen. Wenn Campino Rio Reiser zum „größten deutschen Rocksänger überhaupt“ deklariert, wird die Heroisierung auf die Spitze getrieben. Das hätte nicht sein müssen. Jenseits davon aber bekommt man einen guten Einblick in Rio Reisers Kosmos.

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