D ie menschliche Intuition funktioniert ganz gut. „Nastassja Kinski, Falsche Bewegung, Nacktszene“, gab ich in die Suchmaschine ein, um mir die Filmszene anzusehen, und merkte sofort, dass das falsch war. Einerseits, weil ich damit einen Inhalt zu finden versuchte, der ein Kind sexualisiert zeigt, andererseits, weil ich Kinski damit unrecht tat.
Kinski sagte in der Süddeutschen Zeitung, dass sie den Regisseur Wim Wenders seit zehn Jahren darum bittet, die zweiminütige Szene aus dem Film „Falsche Bewegung“ zu entfernen. Man sieht die damals 13-Jährige in der Rolle der Mignon nur in Unterhose. Der 30-jährige Hauptdarsteller Rüdiger Vogler legt sich, ebenfalls Unterhose tragend, auf sie. Er ohrfeigt sie erst, streichelt sie dann.
Entfernt hat Wenders die Szene nicht, den Film jedoch inzwischen zurückgezogen. Er ließ über seine Stiftung bekanntgeben, dass er ihn erst wieder veröffentliche, wenn er gemeinsam mit Kinski zu einer einvernehmlichen Lösung gekommen sei, wie der Film erscheinen solle.
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Beim Deutschen Filmpreis, wo Wenders den Preis für sein Lebenswerk bekam, fragte er: „Darf man? Kann man? Soll man vielleicht eine Szene schneiden, wenn es einer Schauspielerin, die ich sehr verehrt habe und verehre, wehtut?“ Es ist der Versuch, aus der simplen Frage, ob man eine unter fragwürdigen Umständen entstandene kinderpornografische Szene zeigen sollte, eine komplexe zu machen.
Es gibt Stimmen, die, wie Wenders, darin einen Präzedenzfall sehen. Wenn man diesen Film schneidet, dann könnten wir bald in einer Welt leben, in der Filme, die moralisch fragwürdige Inhalte zeigen, beschnitten, zensiert, gelöscht werden. Jeder Film, so beschwören es jene, die diese Position vertreten, müsse dann an die heute geltenden Maßstäbe politischer Korrektheit angepasst werden. Und das wäre nicht nur kompliziert, das wäre fatal.
In diesem Fall ist das nicht so. In „Falsche Bewegung“ geht es nicht um politische Korrektheit, sondern um den Schutz von Minderjährigen.
Kinski war nicht darauf vorbereitet, sich auszuziehen, musste die Szene mehrfach abbrechen, fühlte sich unwohl und wurde von niemandem geschützt. „Taxi Driver“ nennt sie selbst als Beispiel dafür, wie man die Geschichte einer minderjährigen Person erzählt, die von älteren Männern sexualisiert wird, ohne dabei den unverzeihlichen Fehler zu begehen, den die Männer in diesen Geschichten machen.
Passivität und Machtlosigkeit
Das Kind nämlich tatsächlich zum Opfer sexualisierter Gewalt werden zu lassen, und das auch noch filmisch zu verbreiten.
Er würde das heute nicht mehr so drehen, 1975, das war eine andere Zeit, betonte Wenders in seiner Rede. Das stimmt. Zwei Jahre später unterschrieben französische Intellektuelle wie Simone de Beauvoir, Gilles Deleuze, Jean-Paul Sartre oder Roland Barthes einen offenen Brief zur Entkriminalisierung pädophiler Handlungen. Ja, es war eine andere Zeit, und trotzdem: Dieser Brief war falsch. Und falsch war und ist es immer noch, Kinder sexualisiert darzustellen.
Darf man also? Kann man? Sicher. Bloß wollte Wenders bisher offenkundig nicht. Noch 2016 sagte er in einem Brief an Kinski, dass er nicht wisse, was „unter einer Lösung des Problems (das es gar nicht gibt)“ zu verstehen sei. Deshalb muss aus einer ziemlich simplen Frage auch eine komplexe werden, die Revision der gesamten Filmgeschichte bedeuten könnte.
Wenders hätte als Autorenfilmer, der die Macht über seine Werke hat, genauso gut sagen können: „Das ist mein Film, ich entscheide über ihn, hier hat niemand (außer etwa Kinski) mitzureden – und deswegen lösche ich die Szene.“ Die Frage nach außen zu kehren, das ist es doch erst, was den Anschein erwecken lässt, als könnte bald jeder Film zur Zensur offenstehen, wenn nur genug Menschen davon getriggert sind.
Die Passivität, mit der er den Sachverhalt beim Filmpreis schildert, bezeugt diese inszenierte Machtlosigkeit. Er sagt: „Es gibt in dem Film eine Szene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski, die mit bloßem Oberkörper gefilmt wurde.“ – Nein, Sie, Wim Wenders, haben eine Nacktszene mit der 13-jährigen Nastassja Kinski in den Film geschrieben, die es in der Buchvorlage nicht so gab, und die Szene aufgenommen.
„Es gibt ein Aufbegehren, dass man eine Szene schneiden möge“, sagt er. Nein, die von ihnen „verehrte“ Nastassja Kinski, bittet Sie, Wim Wenders, die Szene zu löschen. Eine Szene in einem Film, über den Sie entscheiden können.
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Wenn der Fall „Falsche Bewegung“ bedeutet, dass Szenen, in denen schutzlose Kinder sexualisiert dargestellt werden, aus Filmen entfernt werden, dann sollen die Tore dafür weit offenstehen. Das ist nämlich keine Kunst, kein ästhetisches Gut und auch kein Mahnmal.
Das sind Ausdrücke patriarchaler Perversion, die keine Denkmäler verdienen. Wir werden nicht verlernen, dass Pädophilie falsch ist oder dass Frauen Männern am Set ausgeliefert sind und waren, weil wir die 13-jährige Kinski nicht mehr nackt betrachten können.







