1.565 Tage Krieg in der Ukraine: Familiengeschichten und kulturelles Gedächtnis

S olange ich denken kann, wollte ich einen Familienstammbaum erstellen. Jetzt bin ich schon fast 30 und habe das immer noch nicht geschafft. Und meine Großeltern, die mir etwas zur Familiengeschichte hätten erzählen können, leben nicht mehr.

Ich habe also beschlossen, es nicht weiter auf die lange Bank zu schieben. Was auch am großen Krieg in der Ukraine liegt. Als russische Truppen mein Heimatdorf im Gebiet Cherson besetzten, hat meine Mutter alle Familienfotos, Dokumente und Schmuck, alles von besonderem Wert für unsere Familie, im Garten vergraben. Im Fall eines russischen Raketeneinschlags in unser Haus wären wenigstens diese Dinge erhalten geblieben.

Yuliia Shchetyna

29 Jahre, ukrainische Journalistin und Produzentin aus der Region Cherson. Lebt in Kyjiw. Master in Kulturwissenschaften. Seit 2022 arbeitet sie an einem Nachrichten- und Analyseprojekt über das Leben der Menschen im Süden der Ukraine während des Krieges. Als Produzentin hat sie das Geschichtsprojekt „Deokupowana istoriia“ (Befreite Geschichte) über russische Mythen im Süden der Ukraine erstellt.

Bei meinen Recherchen habe ich mit der Linie meines Vaters begonnen. Aus irgendeinem Grund waren die Gräber seiner Großeltern immer unbeschriftet geblieben. Deshalb wollte ich als erstes richtige Gedenktafeln für sie machen, mit Namen, Geburts- und Sterbedaten. Klingt ganz einfach, oder? Aber alles, woran sich mein Papa noch erinnert, ist, dass seine Oma Nina hieß und sein Opa Iow. Und wie er als Fünfjähriger mit seiner Oma zum Milchholen ging. Das war alles.

Zuerst habe ich mit meiner Mama zusammen alle älteren Verwandten befragt. Doch die konnten sich kaum noch an etwas erinnern. Dann haben wir im Archiv der Kolchose unseres Dorfes nachgefragt. Ein großes Glück, dass es das überhaupt noch gab.

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über leben

Für die Menschen in der Ukraine ist der Krieg zum Alltag geworden. Trotz der Todesangst vor Luftangriffen und Kämpfen geht das Leben weiter: Die Menschen gehen zur Arbeit, zur Schule und zur Uni. Sie lieben, lachen, heiraten, bekommen Kinder, machen Urlaub. Sie trauern, sorgen sich – und hoffen auf Frieden. ➝ zur Kolumne

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Erste Hinweise auf meine Urgroßeltern im Kolchosarchiv

Nach einer Woche in dem kalten, uralten Archivraum wusste ich: Meine Urgroßmutter hieß Nina Hryhoriwna. In den 1950er- und 1960er-Jahren hat sie Baumwolle und Hopfen verarbeitet und Truthähne gehütet. Mit Urgroßvater Iow war es schwieriger. Im Kolchosarchiv fanden wir nichts. Und die Verwandten konnten sich gar nicht an ihn erinnern.

Aber dann fand ich die Daten von ihrer Tochter Paraska, die 1933 während des Holodomor starb. Die Namen derer, die während dieser künstlichen Hungersnot umgekommen sind, werden im Holodomor-Museum in Kyjiw gesammelt. Einige sind schon digitalisiert. Und dort habe ich in der Liste meines Dorfes Paraska Iowna Shchetyna gefunden.

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Mir wurde klar, dass ich bei weiteren Archiven anfragen musste, um mehr über meine Vorfahren herauszufinden. Aber das ist problematisch. Denn als die russischen Truppen Ende 2022 aus dem Gebiet Cherson abzogen, nahmen sie wertvolles Archivmaterial mit. Ich möchte gar nicht darüber nachdenken, dass die einzigen Informationen über meine Vorfahren jetzt vielleicht für immer und ewig irgendwo in Russland sind.

Hilfe im Internet

Ich verbringe mittlerweile fast jeden Abend mit Recherchen. Auch über die Familie meiner Mutter. Mein Großvater mütterlicherseits hieß Semen Jemeljanowitsch Staruschyk. Ich wusste nur, dass er mit meiner Oma in Enerhodar gelebt und im AKW Saporischschja gearbeitet hatte. Und dass er als Kind im Krieg aus Wolhynien in die Gegend um Cherson gekommen war.

Dann gab ich einfach mal Jemeljan Starushyk bei Google ein. Und machte eine spannende Entdeckung: Es zeigte sich, dass jemand anders aus unserer Familie auch schon genealogisch unterwegs gewesen war. Und so haben wir jetzt einen vollständigen Stammbaum meiner Mutter, der bis 1790 zurückreicht.

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Ich stehe erst am Anfang meiner Recherchen. Aber schon jetzt macht mich das unglaublich glücklich. So, als würde ich eine Verbindung zu meinen Vorfahren aufbauen und besser verstehen, wer ich selber bin.

Russland versucht mit seinen verbrecherischen Methoden nicht nur uns unser Land, sondern auch unsere Erinnerungen, unsere Archive und unsere Geschichte zu stehlen. Aber wir sammeln diese Geschichte trotzdem, anhand von Fotos, Dokumenten und Familienerinnerungen. Und die lehren uns wichtige Werte: den Respekt vor der Familie, der Heimat und der Geschichte unseres Landes.

Und zu wissen: Selbst wenn das Imperium versucht, unsere Vergangenheit und unsere Familiengeschichten auszulöschen, wir holen sie uns zurück. Mit jedem Namen, jedem Datum und jedem Zweig unserer Familie.

Aus dem Ukrainischen: Gaby Coldewey

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