Start der Fußball-WM: Poesie und Bauchgefühl

Deutschland steckt im Reformstau, da kommt die Fußball-WM doch wie gerufen, um endlich mal alle Sorgen zu vergessen! Über die Zeit der schiefen Vergleiche und Binsenweisheiten.

Mit seinem „Fußball-Sonett Nr. 4“ liefert der Schriftsteller Ror Wolf eine treffliche Analyse dessen, um was es während der 104 Partien der längsten Fußball-WM der Männer aller Zeiten in den nächsten fünf Wochen geht: die Verpollerung von Sprache. „Die spielen viel zu eng und viel zu breit“, heißt es da. Ist das lächerlich? Aber nein, Wolfs fußballerisches Klein-Klein bildet gelebte Sport-Wirklichkeit per Alltagspoesie ab: Eine kollektive Grammatikgemengelage, in der 80 Millionen friedfertige BürgerInnen „quasi“ über Nacht zu volltrunkenen Hooligans des Satzbaus werden.

Es gibt keine kleinen Fußballnationen mehr, deshalb stolpern wir Großkotze durch die Metaphern wie die unsortierte Abwehr der deutschen Elf bei Standardsituationen im eigenen Strafraum. Bis zum Finale am 19. Juli gilt: Totgesagte Werbeslogans passen besser zum Spielgeschehen.

Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Eben, Sprache wird auch zwecks höherem Schwachsinn erweitert, durch Stummel-, Halb- und Nebensätze. Versprecher, schiefe Vergleiche und Binsenweisheiten sind auch sehr unterhaltsam. Oder technische Schwierigkeiten bei Live-Schalten und versehentlich angestellte Mikrofone. Fußball-Spezialwissen oder gegoogelte Ferndiagnosen. Ob „die Wade der Nation“ je wieder heil wird, hängt schließlich davon ab, wie viel Zeit „den Nagelsmännern“ am Handy gewährt wird. Also, DFB, lass dich nicht lumpen!

Denn wir Bundesfußballfans haben ein Recht, teilhaben zu können an den lyrischen Höhenflügen auf Social Media. Von des Kickers berauschter Statusmeldung hängt das Wohl eines ganzen Landes ab, das sich momentan im Reformstau plagt. Und auf etwas Ablenkung hofft. Jetzt besteht die 100-prozentige Chance, dass wir Dichter und Denkerinnen während des Liveübertragungsmarathons alle Sorgen vergessen und durch existenzphilosophische Kabinettstückchen von ExpertInnen schlauer werden. Wenn Lothar Matthäus ins Mikrofon stanzt: „Diesen Schock muss er vom Kopf her verarbeiten“, dann müssen die Normal-Zusehenden die Fußball-WM vom Bauch her verarbeiten.

In der Hitze von Houston, Chicago, Mexiko-Stadt und Toronto muss den Spielern ausreichend Flüssigkeit verabreicht werden. Und wir Daheimgebliebenen trinken aus Trost gleich mit: Bier, Wein, Schnaps. Nüchtern kann man den medialen Schwachsinn eh nicht ertragen. Deshalb rechtzeitig gekühlte Getränke bereithalten. Fressalien von BBQ-Chicken-Pizza bis Smokey-Bacon-Chips auf dem Paradekissen auslegen. Und immer schön die Nerven bewahren: Die Wahrheit liegt immer noch auf dem Platz.

Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Unser nächstes Ziel: 50.000 – wir brauchen nur noch 290 Freiwillige, dann haben wir es geschafft! Setzen Sie jetzt ein Zeichen für die taz und machen Sie mit. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei!

Jetzt unterstützen

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Schließung von Parks: Sperrstunde für den Pöbel
    • June 12, 2026

    Das Tempelhofer Feld ist nachts geschlossen, der Görlitzer Park war es zeitweise. Der Entzug von Stadtgrün ist eine Machtdemonstration, die sich gegen arme Menschen richtet. mehr…

    Weiterlesen
    Kyjiw-Biennale in Berlin: Kunst im Angesicht der Katastrophe
    • June 12, 2026

    Die Kyjiw-Biennale macht Station im KW Institute for Contemporary Art Berlin. In welcher Form kann die Kunst nach mehr als vier Jahren Krieg sprechen? mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Schließung von Parks: Sperrstunde für den Pöbel

    • 10 views
    Schließung von Parks: Sperrstunde für den Pöbel

    Kyjiw-Biennale in Berlin: Kunst im Angesicht der Katastrophe

    • 8 views
    Kyjiw-Biennale in Berlin: Kunst im Angesicht der Katastrophe

    Cosmo-Radio und Repräsentation: Die Lücke wird größer

    • 10 views
    Cosmo-Radio und Repräsentation: Die Lücke wird größer

    Die Wahrheit: Monster im Privatjetstream

    • 10 views
    Die Wahrheit: Monster im Privatjetstream

    Verfassungsschutzbericht Niedersachsen: Junge Rechtsextreme jetzt noch unberechenbarer

    • 11 views
    Verfassungsschutzbericht Niedersachsen: Junge Rechtsextreme jetzt noch unberechenbarer

    SpaceX geht an die Börse: Ein Imperium wie zu Kolonialzeiten

    • 11 views
    SpaceX geht an die Börse: Ein Imperium wie zu Kolonialzeiten