Kyjiw-Biennale in Berlin: Kunst im Angesicht der Katastrophe

Im Juni 1941 fiel die deutsche Wehrmacht in der Ukraine ein. Unter dem Decknamen „Unternehmen Barbarossa“ sollte dieser Überfall sich als zermürbender Abnutzungskrieg bis zum 8. Mai 1945 ziehen. Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine hingegen dauere jetzt schon länger als der deutsch-sowjetische Krieg, stellt Vasyl Cherepanyn, Kurator der Kyjiw-Biennale, bei der Eröffnung seiner Ausstellung am 10. Juni im Berliner KW – Institute for Contemporary Art fest. Über vier zähe, verheerende Jahre ist die gesamte Ukraine nun im Kriegszustand.

Welche Form kann die Kunst da überhaupt noch finden angesichts dieser „Katastrophe, die alles andere ausblendet“, wie die aus Donezk kommende Kuratorin Alona Karavai mal sagte? In Venedig zeigt gerade der ukrainische Mäzen Viktor Pinchuk in einer Ausstellung, dass die Gegenwartskunst dafür ganz nah an die Realität heranrücken kann. Wenn dort etwa Zhanna Kadyrova die tatsächlichen, trotz Zerstörung und Tod gedeihenden Zimmerpflanzen aus ausgebombten Wohnungen aufstellt. Oder das Duo Khimei & Malashchuk in einem Video einen Roboterhund laut über Scherben und Schutt durch ein kriegszerstörtes Schulgebäude laufen lässt.

Nun, auf der Berliner Station der durch Europa wandernden Kyjiw-Biennale mit dem Titel „A Bird That Cannot Fly“, ist die Kunst auf eine Metaebene gerückt. Ist der Ukrainekrieg – oder vielmehr Krieg und Zerstörung im Allgemeinen – ein Grundzustand geworden, aus dem sich die Ästhetik schält? In den Amiga-Computervideos von Samia Halaby treten abstrakte Formen in einen territorialen Wettstreit. In einer mit rotem Velourstoff ausgestatteten Kammer macht Gulnur Makhazonova das schwer hängende Material zum Träger verdrängter Erinnerung.

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Die Ausstellung

A Bird That Cannot Fly: Kyjiw-Biennale 2026, KW Institute for Contemporary Art, Berlin, bis 13. September. Diskurs- und Veranstaltungsprogramm unter www.kw-berlin.de/

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Hinter dem schmalen Eingang im Erdgeschoss des Kunsthauses KW scheint die Zeitrechnung zwischen einem Himmel voller Satelliten, Bomben und Datennetzen und der Zerstörung auf dem Boden eine andere, blickt man auf die meterhohe Videoprojektion von Lesia Vasylchenko. Sie ist wie eine dunkle Halluzination. Glutrot hinter dichten quellenden Wolken geht die Sonne auf. Ein romantisches Motiv, wirkte es nicht wie eine nukleare Explosion. Darunter verwebt Vasylchenko Filmmaterial von 1918 bis 2025 zu einer zusammenhängenden Zeitspanne. Alles koexistiert in einer Nacht: Stromausfälle, Beschüsse, Menschenmengen.

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Die surrealistischen Augen

Von einer Rückwand aus verfolgen die Augen der Grande Dame der rumänischen Avantgarde, Geta Brătescu, auf einem surrealistischen Holzhocker das Geschehen. Brătescu, die unter Ceaușescus repressiven Regime lebte, zog sich in die utopische Welt der Fantasie zurück. Wie auch die Figuren in Dana Kavelinas wunderbar skurrilem Stop-Motion-Film „Grey Earth“ kurz der Realität entfliehen können. Eine Kuh, Opfer der industriellen Landschaft, und ein Soldat, Opfer der ebenso industriellen Kriegsmaschinerie, verlieren sich in Erinnerung und Traum.

Man kann hier in dieser konzentrierten Ausstellung eine Idee davon kriegen, wie Vasyl Cherepanyn als künstlerischer Leiter vielleicht auch die kommende Berlin Biennale kuratieren wird: politisch, nachdenklich, einen düsteren, technoiden Weltzustand anmahnend, aber ohne Wahrheitsanspruch, der einer politischen Kunst gerne anhaftet. Hier ist vieles rätselhaft, die Gegenwart wird aus einer ungläubigen Perspektive erfasst.

Selbst der in der politischen Kunst ideologisch umkämpfte Nahostkonflikt taucht als uneindeutige Erzählung auf. In Assaf Grubers zweiteiliger Videoprojektion „Miraculous Accident“ überlagern sich Erinnerungen und Weltbilder. Gruber verfolgt in diesem traumhaft zwischen Gegenwart, Vergangenheit und Briefwechseln changierenden Filmen die romantische Beziehung zwischen Edyta, einer jüdischen Schnitt-Dozentin an der Filmhochschule in Łódź, und dem marrokanischen Filmstudenten Nadir. Edyta muss infolge des Sechstagekriegs 1968 das kommunistische Polen verlassen und zieht nach Haifa, Nadir kehrt ins krisengeplagte Marokko zurück. Entwurzelung und der Druck der politischen Geschichte verunmöglichen ihre Beziehung.

Wo die Vögel nicht fliegen können

Künstlerinnen aus Osteuropa, Zentralasien und dem Mittelmeerraum sind in dieser Ausstellung versammelt. Regionen, die von Krieg, Repressionen und – seit dem Zusammenbruch der UdSSR – von gesellschaftlichen Umwälzungen geprägt sind. Dort, wo Vögel nicht so recht fliegen können, um einmal die Metapher des Ausstellungstitels zu bedienen.

Humorvoll ist Aykan Safoğlus unvollendetes Puzzle auf dem Boden. Es zeigt den medienbekannten Wal Tichka, der um 1991 im Schwarzen Meer herumstreunte, die gerade zerfallenden politischen Grenzen entlang des Gewässers freiheitlich überquerte. Ein androgyner Jüngling reitet auf dem Wal, läuft auch quer gegen jede Aneignung. Was sagt uns das, gegen Ende eines Parcours dieser abstrakten politischen Ausstellung? Dass sich zumindest die Bilder und die Fantasie dem politischen Druck entziehen können.

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