Die Wahrheit: Blubbern, Brodeln, Pladdern, Plumpsen

Aus dem Fett von Buckelwal Timmy hätte man doch eigentlich auch billige Sonnencreme machen können, denke ich mir, während ich auf dem Balkon einen Artikel über die Resteverwertung des unglücklichen Verstorbenen durch die Dänen lese.

Neunhundert Liter Biodiesel holen die – siehe Architektur und Design – gewohnt praktisch und stilvoll zugleich veranlagten Nordmenschen aus dem toten Möchtergernfisch. Die Menge bestätigt der Geschäftsführer einer Tierkörperbeseitigungsfirma aus Mecklenburg-Vorpommern, die den Zuschlag für die Verarbeitung erhalten hätte, wenn er dort verendet wäre.

So aber haben bekloppte Millionäre den Sterbenden in das ohnehin schon prosperierendere Nachbarland geschleppt, und mit diesem Akt der Tierquälerei auch noch die deutsche Wirtschaft nachhaltig geschädigt. Denn nun steht der darbende Michel mit langem Gesicht und leerem Geldbeutel an der Zapfsäule, aus dem kein Tropfen Timmy rinnt.

Feuriges Bällebad für böse Erwachsene

Ob die Verursacher wohl dafür in die Hölle kommen? Oder nicht doch eher die Dänen? Oder gar ich selbst, weil ich den Gedanken mit der Sonnencreme geäußert habe?

Schließlich sind wir mit Abstand das pietätvollste Volk der Erde. Unsere Bevölkerung ist derart sensibel im Umgang mit weder wurst- noch schnitzelfähigen Tieren, dass sie das Netz mit Beleidigungen und Morddrohungen gegen Fachleute überschwemmt, sobald ihr deren Ratschläge eben nicht pietätvoll genug erscheinen.

Auf die Hölle bin ich eh supergespannt. Die klassische Vorstellung ist ja die, dass man dort bis zum jüngsten Tag, also eine nicht nur für uns Mathe-Deppen schwer vorstellbare Zeitspanne, die niemals endet, unter Höllenqualen (daher wahrscheinlich der Name) in so einer Art Lagerfeuer vor sich hin brennt und brutzelt. Das tut natürlich irre weh, und alle schreien die ganze Zeit höllisch rum: „Waaahhh, aaaahhhh, raaaahhh!“

Da hilft auch keine Sonnencreme. Und weil dort Milliarden Leute schrill vor sich hinquieken, weil ja doch jeder schon mal irgendwas scheißes gesagt, gedacht, oder getan hat, erweckt das den Eindruck eines gigantischen Bällebads, bloß mit Feuer statt mit Bällen, und statt lebenden artigen Kindern toben dort tote böse Erwachsene herum, beziehungsweise Post-Erwachsene muss man ja angesichts ihres Aggregatzustands fast schon sagen.

Und das geht immer so weiter. Weil, die Insassen verbrennen ja nicht wirklich, so dass sie von den Flammen auch nicht verletzt werden, geschweige denn daran sterben. Aber vielleicht haben sie da ja heutzutage schon so eine upgedatete Version, bei der die Leute mit dem Rettungshubschrauber ins Unfallkrankenhaus Marzahn kommen, wo sie von den dortigen Transplantationsspezialisten wieder zusammengeflickt werden. Anschließend werden sie aus dem Einzelzimmer der Intensivstation in die Hölle zurückgeflogen, zum Weiterbrennen.

Höllenlaute aus der Keramik

Und dann alles wieder von vorn. Diese Variante stelle ich mir psychisch sogar noch belastender vor als einfach oldschool vor sich hin zu schmurgeln, wobei man ja wenigstens noch in Gesellschaft wäre.

Doch die eigentliche Hölle unserer Tage sind Flughafentoiletten. Angekommen um halb elf Uhr Ortszeit am Flughafen Schönefeld, spielt sich dort der schiere Wahnsinn ab. Statt eines Fegefeuers erwartet den Sünder eine lange Reihe von Klokabinen.

Alle sind besetzt. Und aus allen Kabinen auf einmal kommen die grässlichsten Geräusche: Langgezogene, durch die nicht zufällig wie eine Tuba geformte Keramik hundertfach im Hall verstärkte Fürze; dazu Blubbern, Brodeln, Pladdern, Plumpsen, Quetschen, Stöhnen, Brummen, Ächzen, Grunzen, Schreien. Laute unendlicher Qual, Scheißen wie am Marterpfahl. Und der Gestank, heilige Mutter Pottes, was für ein infernalischer Gestank. Das Große Olfaktorium in Kack Moll von Stuhlgang Amadeus Klozart. Ob Bauarbeiter oder Geschäftsmann, hier sind sie alle gleich: Männer auf dem Klo.

Dammbruch gleich nach der Landung

Am schlimmsten ist es vom Morgen bis zum Vormittag, wenn die Interkontinentalflüge, aber auch die Frühflüge aus Europa eintreffen. Das hat zum einen mit der vom Flugzeugfrühstück animierten Peristaltik zu tun, die nach der Ankunft sämtliche Dämme brechen lässt. Erschwerend hinzu kommt, dass viele der ankommenden Fluggäste so weit nur irgend möglich unterwegs einen Besuch der engen Flugzeugtoilette vermieden haben.

Weil sie sich, so wie ich das nämlich immer tue, bei jedem Flug zwanghaft vorstellen, dass das Flugzeug genau dann abstürzt, wenn man da drin sitzt und kackt. Und hinterher wird man mit runtergelassener Hose, untrennbar zusammengemanscht mit Klochemikalien und Exkrementen in der völlig deformierten Scheißhauszelle von den Bergungstrupps entdeckt. Oder auch nicht.

Aber nehmen wir an, sie finden die „Brownbox“, wie sie im Retterjargon heißt: Mitsamt der liege ich dann am Rand der Absturzstelle in so einem übergroßen forensischen Plastikbeutel, etikettiert mit „John Doe Defecating“. Mehr wissen sie nicht, denn mein Ausweis war ja im Handgepäck unter dem Vordersitz meines Platzes. In dem wie eine plattgetretene Coladose zerdrückten Blechhaufen wird die einstige Weltikone der Hochkomik dann auch anonym bestattet.

Unschöne Vorstellung. Sollte man von da aus per Dringlichkeitsüberweisung direkt weiter in eine herkömmliche Hölle verlegt werden, macht das das Kraut am Ende auch nicht mehr fett.

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