
Mit ihrer Science-Fiction-Erzählung entwirft die Teilnehmerin des Projekts MENA Green Panter der taz panterstiftung eine Zukunftsvision, die gesellschaftliche Entwicklungen und menschliche Fragen auf besondere Weise beleuchtet.
Wir schreiben das Jahr 2050. Die Luft über In Salah, der bedeutendsten Stadt in den Oasen von Tidikelt, auch genannt „Die Quelle des Heils“, flimmert noch immer vor Hitze. Doch die Stadt im Süden von Algerien brennt nicht mehr – sie lebt. Früher war die Stadt in der Sahara einer der heißesten Orte der Erde. Heute ist sie ein Knotenpunkt der Zukunft – die globale Hauptstadt der Klimaanpassung. Und im Zentrum dieser Transformation steht ein Name, der längst Legende ist: Ahmed Dabo, sie nennen ihn den modernen Alchemisten.
Alles begann mit Sand. Unscheinbare Siliziumpartikel, die seit Jahrtausenden vom Wind geformt wurden, wurden unter Ahmeds Händen zu etwas völlig Neuem. Er „knackte den Code der Wüste“, wie es später in Lehrbüchern heißen sollte, und verwandelte Sand in denkende Strukturen – mikroskopische Netzwerke, die wie neuronale Systeme arbeiteten. Die Dünen selbst wurden zu einem riesigen, verteilten Gehirn.
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Wie die arabische Welt der Zukunft begegnet
Im Jahr 2050 droht der Region der Klimakollaps. Gibt es nur noch Hitze? Oder auch Hoffnung? 25 Journalistinnen aus 16 arabischsprachigen Ländern haben im Rahmen des zweijährigen Projekts MENA Green Panter (2024–2026) der taz panterstiftung erfrischende Antworten erarbeitet. Am 17. Juni 2026 findet der taz panter talk in Berlin dazu. Eine Podcastfolge dazu gibt es im Format Freie Rede. Alle Texte, die im Rahmen dieses Projektes erschienen sind, können Sie hier lesen.
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Oasen entstehen nicht mehr zufällig – sie werden berechnet, gesteuert, genährt. Sonnenlicht, einst der größte Feind, ist zur treibenden Kraft eines integrierten Ökosystems geworden. Wärme wird gespeichert, verteilt, transformiert – in Wasser, Energie, Leben.
Ahmed begann damit im Jahr 2025. Damals war er nur ein junger Mann mit einer Idee und einer fast störenden Überzeugung: Dass die Wüste kein Problem war, sondern ein unbeschriebenes Versprechen. Die Menschen erinnern sich noch an die ersten Jahre. An den jungen Ahmed, der durch die engen Gassen von Ain Salah ging und exotische Samen verteilte, die er von einer Reise aus Japan mitgebracht hatte. „Veränderung beginnt an den Wurzeln“, sagte er damals. „Und wächst bis in die Wolken.“ Niemand ahnte, wie wörtlich er das meinte.
„Heute exportieren wir kalten Wind.“
Ein leiser Summton durchzieht die Gassen der Oasenstadt. Unter der Oberfläche von In Salah arbeiten die Scorp-Bots – autonome, Skorpionen gleichende Maschinen, entwickelt von jungen Ingenieurinnen und Ingenieuren aus Algerien, Tunesien und Ägypten. Sie bewegen sich wie Schatten durch den Sand, graben Tunnel, injizieren Nanofeuchtigkeit in den Boden. Nachts steigen sie an die Oberfläche. Mit magnetischen Bürsten reinigen sie Solarfelder, lautlos, präzise – ohne einen einzigen Tropfen Wasser zu verbrauchen. Unterirdische Netzwerke transportieren temperierte Luft bis nach Europa. Sandstürme werden nicht mehr gefürchtet – sie werden geerntet, ihre statische Energie wird gespeichert und umgewandelt. „Früher wollten wir alternative Energie nutzen“, sagt Ahmed Dabo. „Heute exportieren wir kalten Wind.“
Sein Labor – eine Struktur aus Glas, Metall und lebendigem Sand, die wie ein Raumschiff in den Dünen verankert ist, eine Schule, ein Spielplatz, ein Schlachtfeld der Ideen. Die neueste: Bäume, die doppelt so schnell wachsen wie früher und zehnmal mehr Kohlendioxid binden. Ihre Stämme sind mit Sensoren durchzogen, ihre Blätter Teil eines Netzwerks. Wenn eine einzelne Palme Wassermangel signalisiert, reagiert das System innerhalb von Sekunden. Eine Drohne hebt ab, betrieben mit grünem Wasserstoff, und gießt aus der Luft. Kein Tropfen zu viel.
Junge Menschen aus ganz Nordafrika – aus Mauretanien, Libyen, Marokko, Tunesien – strömen nach In Salah: Das Silicon Valley der Sahara. Die Stadt hat sich verändert, doch Ahmed ist auch im Alter der Junge geblieben, der er mal war. Oft steht er allein am Rand der Dünen, barfuß im Sand und erinnert sich, wie es einst war: an Temperaturen von über 50 Grad, an Winde, die Landschaften verschluckten, an Palmen, die starben.
„Andere sahen darin einen Feind“, sagt er.
Ahmed Dabo lächelt.
„Ich sah eine leere Seite.“
Er hat sie beschrieben.
Aicha Ould Habib, Autorin und Journalistin aus Algier, Wissenschaftsjournalistin mit Spezialisierung auf die Themen Gesundheit, Umwelt und Klima.






