Album „KitschKrieg Zwei“: Sie sind pünktlich

Der Absatz der Edelmarke Mercedes und seiner Benziner in den USA und in China sinkt stetig, ergo werden die Abgesänge auf das „Made in Germany“-Gütesiegel lauter. Aber: KitschKrieg, zwei deutsche Produzenten, die lange in Berlin gewohnt haben und dann in die USA gegangen sind, arbeiten nun mit erfolgreichem Mainstreampop dagegen an.

Mit dem Chemnitzer Rapper Trettmann haben KitschKrieg auf ihrem Debütalbum noch Nena und Peter Fox im Dancehallsound paraphrasiert, ebenso Untergrundrap. Gerade ist ihr neues Album „KitschKrieg Zwei“ erschienen. Schon ist der Song „Gut Genug“ mit dem Indie-Duo Blumengarten und der Starrapperin Shirin David wieder in aller Munde. Ein Falsett-Hook mit Deephouse-Anmutung, dazu ein paar schöne Töne. Und eine Ode auf die Selbstgenügsamkeit. Schadet ja nie, ist süß und lässt sich prima mitsingen.

Deutschland ist verwundert: KitschKrieg bringen Pop nach DIN-Norm in die USA und werden dort gefeiert. Die Feuilletons freuen sich, pflichtschuldig werde hohe Klickzahlen erwähnt. Dazu Gastauftritte von Lizzo, Wiz Khalifa, Heidi Klum, die Starriege summt und tanzt für den Hit „Gut Genug“. TikToker machen dann Clips, Streamer streamen dazu auf Twitch. Ein viraler Erfolgsmoment, den – sind wir ehrlich – der Rest des Albums nicht einlöst. Ja, warum denn nicht?

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KitschKrieg

KitschKrieg: „KitschKrieg Zwei“ (Sony Music)

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Aus der Manufaktur

So, wie sich KitschKrieg zuletzt inszeniert haben, wirkt der vermeintliche US-Hype, der Erfolg dieser Musik „Made in Germany“, wie eine self-fulfilling prophecy. Ihre Ästhetik ist glatt, minimalistisch und schwarzweiß. Die Dritte im Bunde der Band, Art Directorin Awhodat, zeichnet für Fotos und Videos verantwortlich. Bei KitschKrieg wirkt seit jeher alles handgemacht, und musikalisch liefern KitschKrieg dazu auch Manufaktur-Sound.

Zwei Alben in den letzten Jahren nannten sie „German Engineering“, versammelten dort aber britische Rapper und KollegInnen aus aller Welt. Über ihre Sessions in den USA erzählen sie gerne: Wenn die Rapper zu spät gekommen sind, haben KitschKrieg nicht gewartet. Beim nächsten Mal waren die Künstler dann auf die Minute pünktlich. Deutsche Tugenden als Produktionsmodus. Schon lustig, auch nicht sauer aufstoßend, weil KitschKrieg natürlich keine Nationalisten sind. Ihre Musik ist geprägt von der Reggae-Dancehall-Kultur. Sie kommen von Soundsystems, von Clashes, ihr Oeuvre ist mehr durchdrungen von Sounds aus Jamaika, internationalem Nischenrap und afrikanischer Clubmusik als von Grönemeyer und Konsorten.

„Made in Germany“ ist bei ihnen ein Meme, das sie wie das Klisschee von Deutschsein ausspielen. Der internationale Hype mit „Gut Genug“ wiederum ist ein Symptom der Globalisierung von Pop durch Streaming, den auch KitschKrieg vorantreiben. Alles ist überall hörbar, Mikrogenres aus Südafrika wie Singeli knacken plötzlich die deutschen Clubs. Oder, etwas greifbarer: „Despacito“ läuft selbstverständlich im Hitradio, obwohl viele Leute den spanischen Text gar nicht verstehen.

Paul-Kalkbrenner-artig

Solides „German Engineering“ macht alles rund. Und so plätschert und dudelt die Musik von KitschKrieg melancholisch vor sich hin. Paul-Kalkbrenner-artiger, flächiger Allround-Sound, wenig Schnickschnack, Synths, die verdächtig nach Trance klingen. Dazu wunderbar schwuler Deutschrap von Baran Kok über Ticker, die Drogen auf Raves verchecken. Ganz viel junger Deutschpop, der hier auflebt, weil KitschKrieg musikalische Kosmopoliten sind und keine abgehalfterten Hitproduzenten. Wahrscheinlich könnten die beiden sogar Helene Fischer amtlich klingen lassen.

Präzision und Kraft des Flows als künstlerisches Prinzip lassen die Songs ineinander übergehen wie Kapitel eines Hörbuchs. Was da erzählt wird? Viel Großstadtblues auf Textebene, aber die ist eh nicht so wichtig. Stars auf dem KitschKrieg-Album sind KitschKrieg. Sogar Samples zweier anderer „Made in Germany“-Exportschlager tauchen auf: Blümchen und Kraftwerk. Ein riesiger Kontrast, aber im KitschKrieg-Kontext passt es perfekt.

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