
Auf der großen Einkaufsstraße gibt es ein Cremegeschäft. Einen Laden, der ausschließlich Creme führt. Creme für alle Felle und alle Hauttypen: Gesichtscreme, Handcreme, Fußcreme, Salatcreme. Selbst die Sonne kann man sich eincremen. Falls sie einem irgendwo herausscheint.
Dass die dort bloß Creme haben, das nehme ich jedenfalls an. Ich war noch nie drin im Laden. Und trotzdem bin ich jeden Tag da. Um mich einzucremen. Am Eingang gibt es nämlich mehrere Cremespender, wo man sich gratis eincremen kann. Das lass ich mir natürlich nicht nehmen. Täglich creme ich mich ein mit Pasten über Pasten, die duften so anders nach Blüten und Früchten, die haste noch nicht probiert. Soll ja gut sein für die Haut. Gesicht, Hände, Füße, Bauch. Ja, auch den Rücken. Ich selbst komme da allerdings nicht so gut ran. Bin ich Krake, oder was?
Und deswegen ist es gut, dass ich das nicht zu Hause tun muss. Zu Hause den Rücken eincremen? Nee, da kannste gleich mit der Nummer in den Zirkus gehen. Und da haste ja jemanden, der dich eincremt. Der von Kopf bis Fuß auf Schmieren eingestellt ist.
Oder du machst das eben auf der Straße. So wie ich vor dem Cremegeschäft. Gut, dass das auf der großen Einkaufsstraße liegt, wo immer jemand vorbeikommt. Es sei denn abends. Nach Feierabend ist niemand mehr auf der großen Einkaufsstraße. Aber da bin ja auch ich nicht dort. Weil: Die räumen nachts die Cremeflaschen ins Cremegeschäft. Nicht, dass sich jemand die ungefragt mitnimmt.
Hände sanft und weich wie Dehnungsfugen
Ich hatte extra Schraubendreher und Zange dabei, aber alle waren fort. Cremepullen genauso wie Passanten. Muss ich also tagsüber machen das Eincremen. Vor allem den Rücken. Da kann ich mir selbst aussuchen, wen ich bitte, mir den Rücken einzucremen. Ein jeder soll ja da auch nicht Handauflegen dürfen bei mir! Bauarbeiter mit rauen Pfoten etwa sollten sich die erst mal selbst geschmeidig schmieren. Und das kann dauern. Bis die Hände sanft und weich wie Dehnungsfugen sind, ist die Ausbildung zum Krakenmenschen abgeschlossen.
Nee, es sollte schon ein Mitglied der Crème de la Crème sein. Bestenfalls eine adlige Person. Oder jemand aus dem höheren diplomatischen Dienst, was in der Regel das Gleiche ist. Wenn nicht dasselbe. Solche Leute haben doch ihre ersten 20 Jahre damit verbracht, sich einzucremen. Wenn sie nicht gerade Tennis gespielt oder die Stute gestriegelt haben.
Und da hört es bei mir auf. Will ich mich von jemandem eincremen lassen, der geübt ist in der Pferdepflege? Jetzt gar nicht despektierlich gemeint. Da bestehen ja oft verwandtschaftliche Verhältnisse zwischen Schloss und Stall. Realistisch betrachtet muss ich ohnehin zugeben: Die Wahrscheinlichkeit, so jemandem in der Einkaufsstraße zu begegnen, könnte eher gering sein. Und wenn wirklich mal, dann ist das Ross, auf dem Durchlaucht zu sitzen geruht, zweifelsohne zu hoch für eine bequeme Becremung meiner bildungsbürgerlichen Haut.
Und käme ich mir nicht auch arg schäbig vor mit meinem ungepflegten Rücken? Auf den ich solch schlechten Zugriff habe und bei dem ich nicht einmal davor gefeit bin, dass dort sprießt und schwillt, was als Ausdruck meiner inneren Unreinheit missdeutet werden könnte. Vom irregeleiteten Falschhaarwuchs mal ganz abgesehen.
Bitte einmal Probeeinrieb
Ob das Cremegeschäft auch Enthaarungspaste führt? Sollte ich mal hineingehen und um einen Probeeinrieb bitten? Oder wäre er dann flugs hin, mein Status als anonymer Eincremer, und ich müsste Stellung beziehen zur Produktlinie. „Hier, der Herr, hätten wir einen Body Cleanser aus dem Extrakt von gerösteten Sesamsamen für die anspruchsvolle Rückenhaut Ü50, der erzeugt einen samtigen Schaum. Für Ihre – ich sehe schon – lang vernachlässigten Hände empfehle ich einen verjüngenden Balsam aus Erdnussfasern und Süßholzwurzelextrakt. Das hat so einen angenehmen holzigen Duft in der Nase, da möchte man selber gleich die Axt schwingen, nicht wahr? Und übrigens, Ihre Naseninnenflächen sollten Sie regelmäßig mit dieser nährstoffreichen Komposition hier aus Quittenkernöl, Geranienblättern und Bergamotteschalen bestreichen …“
Während ich dieses Beratungsgespräch so imaginiere, tritt zu mir an die Cremespender ein kräftiger Bartträger mit grauem Zopf und knarzender Lederjacke, die einen Duft von Milchsäure, Sandstein und altem Käse verströmt. Er zapft sich drei kräftige Stöße in die Hände und beginnt, sich Gesicht, Bart und Hände großzügig einzufetten. Dabei seufzt er genießerisch. Ratlos starre ich ihn an. Nach einer Weile hält er mir seine nach Lakritz und Zwiebeln riechenden Pranken entgegen, alles noch voller Creme. „Soll ich?“, fragt er. „Das reicht für uns beide.“
„Nee, lass mal“, sage ich. „Das gefährdet bloß meine Street Credibility. Und die Leute denken am Ende gar, ich verkehre in Cremeläden. Dabei ist sanft-seidige Haut echt nicht so meins.“






