Rassistische Vorfälle nach WM-Aus: Ein Hitlergruß, Anfeindungen und eine Verfolgungsjagd

Jonathan Tah schreitet zum Elfmeterpunkt. Er übernimmt Verantwortung. Als sechster deutscher Schütze läuft er an, schießt – und verfehlt. Der Ball fliegt über das Tor. Paraguay verwandelt den entscheidenden Elfmeter, Deutschland scheidet aus. Im Sechzehntelfinale. Ausgerechnet im Elfmeterschießen versagen der deutschen Mannschaft die Nerven. Dabei galt gerade dieses Format lange als „deutsche Spezialität“: Seit der Einführung des Elfmeterschießens bei Weltmeisterschaften 1982 hatte Deutschland alle vier Duelle vom Punkt gewonnen.

Für Jonathan Tah steht der Fehlschuss sinnbildlich für das Scheitern. Dass er Deutschland in der Verlängerung mit einem Kopfballtreffer vermeintlich zum Sieg geführt hatte, der nach Videobeweis aberkannt wurde, zählt nach dem Abpfiff kaum noch. Ebenso rückt in den Hintergrund, dass auch Kai Havertz und Nick Woltemade ihre Elfmeter nicht verwandelten. Stattdessen richtet sich der öffentliche Zorn auf Tah. Für viele steht der Schuldige schnell fest – schließlich sei er angeblich „nicht deutsch“. Unter seinem Instagram-Beitrag häuften sich rassistische Beleidigungen und Anfeindungen.

Tah wurde in Hamburg geboren, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater stammt aus der Republik Côte d’Ivoire. Dennoch sprechen ihm einige die Zugehörigkeit zu Deutschland ab. In rechten Kreisen taucht in diesem Zusammenhang oft der Begriff „Passdeutscher“ auf. Von einer „passdeutschen Fußballnationalmannschaft“ sprach die AfD-Bundestagsabgeordnete Christina Baum bereits 2022. Solche Narrative grenzen Spieler mit Migrationsgeschichte aus und schaffen einen Resonanzraum für rassistische Anfeindungen, die sich nach dem Schlusspfiff auch auf den Straßen entladen.

WM-Veranstaltungen werden zu Orten rechtsextremer Anfeindungen. So war es schon beim Spiel gegen die Elfenbeinküste. Beim Public Viewing in Berlin-Friedrichshain skandiert ein Zuschauer rassistische Parolen. Bei einem Autokorso in Kassel wird ein Hitlergruß aus dem Auto mit rechter Symbolik gezeigt.

Baustellenzäune als Wurfgeschosse

Von einer rassistischen Verfolgungsjagd nach dem deutschen WM-Aus gegen Paraguay wird aus Chemnitz berichtet. Da kommen Erinnerungen an das Jahr 2018 auf, als es nach dem tödlichen Angriff auf einen Deutschen zu ausländerfeindlichen Hetzjagden kam. Ein Tiktok-Video aus Chemnitz zeigt nun eine Gruppe Männer, die rot-weiße Baustellenzäune aus Plastik als Wurfgeschosse benutzen. Das Video wurde vom Recherchekollektiv Vue Critique aufgegriffen. Das berichtet wiederum vom Public Viewing in Chemnitz, bei dem rund 2.000 Menschen das WM-Spiel verfolgten.

Schon während der TV-Übertragung, so das Recherchekollektiv, wurden Menschen rassistisch und antisemitisch beschimpft, Sitzplätze verweigert. Die Security des Veranstalters griff ein. Die Betroffenen wurden schließlich nach Hause geschickt. Nach dem Spiel rannte die mutmaßlich rechte Gruppe den Betroffenen hinterher. Au­gen­zeu­g*­in­nen berichten, dass die Täter sich absprachen, telefonierten, um andere dazu zu holen und ihre Route zu besprechen.

Die Polizei Sachsen traf erst nach den Ausschreitungen am Tatort ein. Sie ermittelt wegen des Verdachts der Volksverhetzung und gefährlichen Körperverletzung.

Zuvor hatte die Security der Gastronomie versucht, für Ordnung zu sorgen. Im Raum steht jedoch nun der Vorwurf, dass diese die Angegriffenen nicht wirklich geschützt haben. Dem Recherchekollektiv von Vue Critique zufolge berichteten Augenzeug*innen, ein Mitarbeiter der Security habe eine Person aus der mutmaßlich rechten Gruppe persönlich gekannt. Er sei darüber hinaus bekannt, einst bei einer ehemaligen Securityfirma aus dem Chemnitzer rechtsextremen Milieu tätig gewesen zu sein.

Kein Vertrauen zur Polizei

Auch der regionalen Tageszeitung Freie Presse und einer Opferberatungsstelle vor Ort liegen solche Berichte vor. Ihrem Aufruf sowie dem öffentlichen Statement der Gruppe „Chemnitz Nazifrei“ folgten in den vergangenen Tagen viele Augenzeug*innenberichte. Chemnitz Nazifrei schätzt ein, dass zu solchen antifaschistischen Strukturen ein „anderes Vertrauensverhältnis“ wie zur Polizei herrscht.

Auch dieser Vorfall in Chemnitz zeigt, dass die politisch motivierte Ausgrenzung von Sport­le­r*in­nen mit Migrationsgeschichte ein gesellschaftliches Klima schafft, in dem Rassismus schnell handgreiflich werden kann. Dass diese Entwicklung nicht erst während der aktuellen Weltmeisterschaft eingesetzt hat, zeigen auch Daten der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball Nordrhein-Westfalen (MeDiF-NRW). Diese registrierte im Frühjahr des vergangenen Jahres knapp 2.500 Diskriminierungsvorfälle – ein deutlicher Anstieg gegenüber den Vorjahren.

Ein Zusammenhang zwischen dem Erstarken rechter Akteure, der politischen Instrumentalisierung des Fußballs und den rassistischen Vorfällen rund um die deutsche Nationalmannschaft liegt nahe. Nach dem Ausscheiden postete Björn Höcke, der Vorsitzende der AfD-Fraktion in Thüringen, ein Foto des deutschen Weltmeisterteams von Sepp Herberger und schrieb dazu: „1954 – elf Freunde sollt ihr sein, aus Gründen:)“. Die Entwicklung zeigt: Die AfD wirkt.

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