
Es ist laut am Boxhagener Platz: Ein Mann entsorgt geräuschvoll seinen Glasmüll, Hunde bellen, Autos rauschen vorbei, aus einem Restaurant schallt Techno. Hier sitzt Henric Wietheger vor einem Späti auf einer Bierbank und nimmt seinen Podcast „Lauter nette Leute“ auf. Ein kleines grünes Schild, das auf der Tischkante steht, fragt: Lust auf einen Plausch?
Im Späti sitzen und quatschen – das kennen Berliner:innen schon von Sara Arslans Youtube-Videoformat „Take Me Späti“. Wietheger möchte aber keine Gäste einladen, sondern spontane Begegnungen einfangen. In ungezwungener Umgebung sollen so aufrichtige Gespräche entstehen, die er danach ungekürzt in seinem Podcast veröffentlicht.
„Ich spreche die Menschen nicht an“, sagt der Podcaster. „Sie sollen sich nicht bedrängt fühlen.“ Bis jemand von allein stehen bleibt und mit Wietheger sprechen will, können manchmal Stunden vergehen. „Man muss Sitzfleisch haben“, sagt er lachend. Es kommt auch schon mal vor, dass er stundenlang irgendwo sitzt und niemand mit ihm spricht. Aber das seien Ausnahmefälle. Seit Oktober 2025 veröffentlicht Wietheger alle zwei Wochen eine neue Folge. Seine Mission: „Die Leute sollen Lust bekommen, solche Gespräche auch selbst im Alltag zu führen.“
Für gute Gespräche spielt der Ort eine wichtige Rolle: Zwar muss genug los sein, aber die Leute sollen die Chance haben, etwas verweilen zu können. Parks bieten sich an, U-Bahn-Stationen eher nicht. Während Wietheger wartet, dass jemand stehen bleibt, raucht er eine Zigarette nach der anderen. Bei den Gesprächen mit den Leuten sei er immer noch ganz aufgeregt. Er spüre richtig, wie sein Herz am Anfang ganz schnell klopfe. Im Laufe der Unterhaltung lege sich das aber.
„Früher habe ich immer einen Fragebogen als Vorbereitung dabei gehabt“, sagt der Podcaster. „Mittlerweile bereite ich nichts mehr vor. Es gibt immer etwas zu reden.“ Bei den Gesprächen geht es ihm vor allem darum, eine Verbindung mit den Menschen zu finden. „Die gibt es immer, überall“, ist Wietheger überzeugt. Deswegen auch der Name des Podcasts und der Ausflug nach Berlin. „Die Leute sagen über Wiener:innen, dass sie nicht so zugänglich seien, aber das stimmt überhaupt nicht.“ Das Gleiche habe er auch über Berliner:innen gehört. Er sei jetzt hier, um das Gegenteil zu beweisen.
Keine gespaltene Gesellschaft
Tatsächlich bleibt am Dienstag auch schnell jemand stehen: Ein junger Mann aus Melbourne, der sich als Louis vorstellt. Er spreche nur Englisch, für Wietheger allerdings kein Problem: „Wenn du mein Englisch abkannst, können wir gern plaudern.“ Bevor Wietheger aufnimmt, informiert er seinen Gesprächspartner über die Rahmenbedingungen: „Wir sprechen hier in dieses Mikrofon, du kannst dir diese Kopfhörer hier aufziehen und danach werde ich das, mit deiner Zustimmung, ungeschnitten veröffentlichen.“
Louis hat große Lust zum Plaudern mitgebracht: Er habe schon immer bei einem Podcast mitmachen wollen. Wietheger greift seine Energie direkt auf und verwickelt den jungen Mann in ein tiefgründiges Gespräch über dessen Familie und Erziehung. Es geht um Liebe, Sexualität, Freundschaft und das Erwachsenwerden. Trotz der schweren Thematik bleibt das Gespräch angenehm, die beiden können miteinander lachen. Wietheger fragt Louis zum Abschluss nach einer Mitteilung an die Welt und einer Song-Empfehlung. Das mache er mit jedem Gesprächspartner, sagt der Podcaster.
Henric Wietheger, Podcaster
„Ich finde, es gehört sich einfach, dass wir miteinander sprechen“, sagt Wietheger. Die Erzählung, dass die Gesellschaft gespalten sei, stimme seiner Meinung nach nicht. Die Gespräche erfüllen ihn, er will sie auch weiterhin führen. Für die Zukunft plant er, in die ländlichen Regionen Österreichs zu gehen, zum Beispiel ins Burgenland. Aber auch eine erweiterte Deutschlandtour könne er sich vorstellen. Bis nächste Woche sei er allerdings noch in Berlin unterwegs und freue sich auf ehrliche Gespräche.






