Kaum etwas ist so sehr in Verruf geraten über die letzten Jahre wie der Humor. Genauer gesagt: der deutsche Fernsehhumor. Das letzte traurige Beispiel ist erst wenige Wochen her, da versuchte Dieter Nuhr über das Thema Femizid, Verzeihung: über die vermeintliche „Pauschalisierung von Männern als potenzielle Gewalttäter“ einen Witz zu machen, indem er den Frauen empfahl, „es wäre nicht schlecht, wenn man den Partner vor dem Geschlechtsverkehr erst mal kennenlernen würde“.
Welches Gesicht zu diesem „Witz“ Maren Kroymann, Esther Schweins oder Hella von Sinnen gemacht hätten, kann man sich nach „Was haben wir gelacht“, der Dokumentation von Eva Müller und Isabel Schneider, nur allzu gut vorstellen. Es als Augenrollen zu beschreiben, wäre wohl noch untertrieben.
Dabei merkt man dem Film in seiner Anlage an, dass er ursprünglich als Projekt einer Fortschrittsbeobachtung angelegt war. Früher war es schlimm, dann wurde es besser. Die (west-)deutsche Fernsehunterhaltung wurde bis in die 1980er Jahre fast ausschließlich von Männern repräsentiert. Hans-Joachim Kulenkampff, Wim Thoelke, Hans Rosenthal – sie alle hatten zwar die eine oder andere Assistentin an ihrer Seite.
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„Was haben wir gelacht“. Regie: Eva Müller und Isabel Schneider, Deutschland 2026, 96 Min.
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Aber das waren meist brave, gut gekleidete Figuren mit Vornamen wie „Heike“ und einem Durchhalte-Dauer-Lächeln auf dem Gesicht, vor allem in den raren Momenten, in denen die locker plaudernden Herren sie mit Worten wie „unser reizendes Fräulein Gabi“ und anderen übergriffigen Komplimenten ins Rampenlicht zitierten.
Sexismus war überall
In den 90ern änderte sich etwas; mit Frauen wie Hella von Sinnen, Gaby Köster, Maren Kroymann, Esther Schweins und Bettina Böttinger eroberten weibliche Stimmen und von weiblichen Perspektiven geprägter Humor immer mehr Sendeplätze. Es war an der Zeit gewesen. Aber ist seither alles gut? Mitnichten.
Das ist das Tolle an dem Film „Was haben wir gelacht“: Er beginnt wie eines der zum Klischee gewordenen Doku-Features, in denen ein paar Figuren abwechselnd, aber alle in der gleichen Position vor schwarzem Hintergrund gefilmt, von ihren Erinnerungen an eine gewisse Zeit erzählen. Die Anfänge waren hart, sie mussten sich durchsetzen, Sexismus war überall. Aber sehr bald schon wird es komplizierter.
Ja, am Anfang steht ein klassisches: „Wir hatten ja nüscht“. Gefragt nach ihrem ersten Vorbild für weiblichen Witz nennen fast alle der Interviewten ihre eigene Mutter. Sie lebten in einer Welt, in der Humor als Männersache galt. Hella von Sinnen kann sich noch heute in Rage darüber reden, wie man sie behandelt hat, als sie als „Putzfrau Schmitz“ in Kölner Karnevalssitzungen die Runde machte.
Nicht unbedingt leicht zu ertragen
Wenn sie dran war, hätten die Herren oft den Saal verlassen, um Würstchen zu essen. Manche Veranstalter wollten ihr gleich das Geld geben, ohne Auftritt, weil sie in der Büttenrede einer Frau beim Karneval keinen Sinn sahen. „Es war so respektlos!“, ruft Hella von Sinnen noch heute in die Kamera. Und erzählt auch, wie anders der Empfang bei Damensitzungen war.
Eva Müller und Isabel Schneider verlassen sich in ihrem Dokumentarfilm aber nicht nur auf die Erinnerungen ihrer Protagonistinnen. Sie liefern Beweismaterial. Und das betrachten sie an vielen Stellen zusammen mit den Interviewpartnerinnen. Daraus entsteht eine Dynamik, die „Was haben wir gelacht“ auf völlig überraschende Weise spannend – und übrigens nicht unbedingt leicht zu ertragen macht.
So zeigen sie etwa einen Ausschnitt aus einer Talksendung der späten 90er. Es ist das als „niveauvoll“ geltende „Nachtcafé“ mit Wieland Backes. In dem meint ein „Karnevalsexperte“, erkennbar an seinem Outfit mit Narrenkappe, einer sehr beherrscht bleibenden Hella von Sinnen erklären zu müssen, warum sie „im Karneval gescheitert“ sei. Ihren vehementen Einspruch, sie sei alles andere als gescheitert, glaubt er einfach ignorieren zu können.
Es gibt viele solcher Momente in diesem Film, in denen man quasi gemeinsam mit Filmemacherinnen und Protagonistinnen ausgewählte Ausschnitte aus dem Fernsehen von vor 25, 30 Jahren anschaut und einem wirklich die Spucke wegbleibt. „Witzig ist das, worüber die Mehrheit lacht“, woraus eiskalt geschlossen wird: „Wenn nur Frauen lachen, ist es nicht witzig.“ Der grassierende Sexismus der Herren von damals ist das eine. Aber dass man das alles für so völlig normal gehalten hat, dass man es hingenommen hat, das andere.
Mit den schmierigen Alten wie Peter Frankenfeld („Ach sind die zwei entzückend – darf ich mir die ausleihen?“) und Konsorten hält sich „Was haben wir gelacht“ nicht lange auf. Sehr viel aufschlussreicher ist es, den als fortschrittlich geltenden Humor von Moderatoren wie Thomas Gottschalk und Harald Schmidt einer Neubetrachtung zu unterziehen.
Esther Schweins mag nicht hinschauen
Das Begrapsche von Gottschalk mag schon öfter thematisiert worden sein. Wenn man wie hier im Zusammenschnitt sieht, wie er wirklich jeder Frau ans Knie geht, wird deutlich, wie viel Unwohlsein das bei den Betroffenen auslöste.
Esther Schweins windet sich, während sie sich selbst an der Seite von Gottschalk betrachtet. Man sieht ihre Anstrengung und ihren Willen, mitzumachen, um sich eben keine Blöße zu geben. Wenn das der Humor war, musste man mitlachen, um nicht als humorlos zu gelten, erklärt Maren Kroymann treffend an anderer Stelle.
Einerseits feiert „Was haben wir gelacht“ seine Heldinnen: Hella von Sinnen, die so schön hemmungslos und anarchisch war. Gaby Köster, die das Proletarische und Kölsche nicht länger den Karnevalsherren überlassen wollte. Esther Schweins, die den Spagat zwischen Schönsein und Komik lächelnd bestehen musste. Bettina Böttinger, die sich nicht in Normen von Weiblichkeit pressen lassen wollte. Und Maren Kroymann, die in ihren Sendungen wie „Nachtschwester Kroymann“ erstmals weibliche Tabuthemen wie Menstruation, Abtreibung oder sexuelle Gewalt ansprach.
Harald Schmidts widerliche Witze
Andererseits bringt das Betrachten der alten Aufnahmen immer wieder Sand in das Getriebe der Fortschrittserzählung. Mit einfachem Kopfschütteln über den Sexismus eines Harald Schmidt ist es nämlich nicht getan.
Der stellte in einer Nummer einmal die Frage an sein Publikum, was die Zeitschrift Emma, eine Flasche Eierlikör, eine Kloschüssel und Bettina Böttinger gemeinsam hätten. „Kein Mann würde sie anfassen wollen.“ Böttinger hatte den Mut, später in die Sendung von Schmidt zu gehen, nur um ihm vor laufender Kamera zu erklären, wie sehr sie das verletzt habe und dann aufzustehen und zu gehen. „Ich schaue das nicht gern an“, kommentiert Böttinger heute. Maren Kroymann nennt es großartig und mutig.
Köster und von Sinnen kommen rüber als Frauen, die verdientermaßen stolz sind auf das Geleistete. Böttinger, Schweins und Kroymann sind nachdenklicher und selbstkritischer. Sie thematisieren auch das eigene „Mitmachen“.
Selbstkritische Rückschau
In einem Fall sieht man Kroymann dabei zu, wie sie einen eigenen Sketch von damals neu überdenkt: Es geht um Verona Feldbusch, die von vielen als Beginn eines Backlash empfunden wurde. Alice Schwarzer wirft ihr vor, mit ihrem sexy Outfit „die verfügbare Frau“ zu spielen, „fifties“ zu sein. Aber der kommerzielle Erfolg und das Selbstbewusstsein Feldbuschs widerlegten das zugleich.
Sowohl Schweins als auch Kroymann imitierten Feldbusch und ihr „Da werden Sie geholfen“-Gehabe. In einer Nummer ging Kroymann weiter und legt ihr noch die Ohrfeige von Dieter Bohlen als geschäftssteigerndes Gebaren aus.
Das kommt ihr heute nicht mehr richtig vor. In ihren Überlegungen zur Haltung ihrer Generation gegenüber Frauen wie Feldbusch scheint ein interessantes und zwiespältiges Thema auf, dem man eigentlich einen weiteren Dokumentarfilm widmen müsste. Bitte also: „Was haben wir gelacht 2!“






