Eine Begegnung im Gerichtssaal: Allein der Zufall entscheidet, ob Träume wahr werden

Z wei aufgeregte junge Frauen sitzen in einem Gerichtssaal in St. Georg, im Verwaltungsgericht Hamburg. Die Angst, etwas Falsches zu sagen oder zu tun, sieht man ihnen an. Ab und zu wackelt nervös ein Fuß.

Eine von ihnen bin ich. Es ist der zweite Tag meines Schulpraktikums bei der taz-Redaktion in Hamburg und ich darf zu einem Gerichtstermin mitgehen. Es ist das erste Mal, dass ich ein Gericht betrete oder gar einen Prozess miterlebe.

Für die andere junge Frau steht weitaus mehr auf dem Spiel als ein mehr oder weniger guter Eindruck bei einem Schulpraktikum: ihre Zukunft.

Ich bin 18, sie ist 19 Jahre alt.

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Als sie über ihre Erfahrungen im griechischen Flüchtlingscamp berichtet, schreibe ich in mein Notizbuch: 1x tägl. Essen, tiefgefroren. Ich dagegen habe gestern drei frisch zubereitete Mahlzeiten gegessen.

Ich schreibe mit, während sie zu ihrer Kindheit und Fluchtgeschichte, ihren Ambitionen und ihrem Bildungsweg befragt wird. Wieder bemerke ich ihre Unsicherheit und Nervosität. In mein Notizbuch schreibe ich „1x tägl. Essen, tiefgefroren“, als sie über ihre Erfahrungen im griechischen Flüchtlingscamp berichtet. Ich dagegen habe gestern drei frisch zubereitete Mahlzeiten gegessen.

Ich notiere weiter: „kein Zugang zu Ärzten im Flüchtlingscamp“. Ich war im vorigen Monat wegen einer Erkältung beim Arzt. Jetzt geht es um ihre Bildung. Ich notiere „Klägerin Analphabetin, nur die 2. Klasse in Afghanistan abgeschlossen“. Ich habe zwölf Jahre Schule hinter mir, ein weiteres wird noch folgen. Ich kann auf mehreren Sprachen problemlos schreiben.

Nun geht es darum, dass das Mädchen offenbar bereits mit einem in Hamburg lebenden Afghanen nach islamischem Recht verheiratet ist. „Klägerin weiß nicht, wann und wie genau der Ehemann nach Deutschland kam“, schreibe ich mir auf. Die Vorstellung, in einem Jahr bereits verheiratet zu sein, scheint mir unvorstellbar und unwirklich; geschweige denn, mit jemandem, den ich wenig kenne.

Unsere Leben könnten nicht unterschiedlicher sein

Mir wird immer bewusster, dass unsere beiden Leben sich nicht stärker voneinander unterscheiden könnten. Dabei müssten sie das gar nicht: Sie möchte gern ein Praktikum beim Zahnarzt machen, ich mache bereits eins bei der taz. Sie hat einen Traumberuf, Zahnärztin, und ich habe einen, Journalistin. Sie ist gerade volljährig, ich bin gerade volljährig. So unterschiedlich sind wir doch gar nicht, denke ich.

Nun sind wir beide in diesem kleinen Gerichtsaal gelandet. Nur, dass ich ein supercooles Praktikum erlebe – und sich für sie entscheidet, ob sie von ihrer Familie getrennt und in eine ungewisse Zukunft nach Griechenland abgeschoben wird. Das Glück ist eindeutig auf meiner Seite.

Aber warum? Die Antwort ist klar: Es ist Zufall. Es ist reiner Zufall, dass sie in Afghanistan wenige Jahre vor der erneuten Machtübernahme der Taliban geboren wurde und ich in einer Zeit des Wohlstands in Deutschland.

Zufall spielt die entscheidende Rolle

Mir wird klar, dass das Schmuddelwetter in den letzten Tagen vielleicht gar nicht so schlimm war. Die Schule ist vielleicht doch nicht so nervig und mein Heimatort gar nicht so eine Zumutung, wie ich manchmal behaupte.

Aufgewühlt verlasse ich den Gerichtssaal. Meine Dankbarkeit bringt nur weder der 19-jährigen Afghanin etwas, noch irgendeiner anderen jungen Frau, in dessen Leben der Zufall nicht ganz so mitgespielt hat. Ich fühle mich hilflos. Ich bin wütend darüber, dass eine Kombination aus Ländergrenzen, Gerichten und Willkür entscheidet, welche junge Frau ihre Träume verwirklichen darf und welche nicht.

  • informationsspiegel

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