Berlin auf X: Projektionsfläche für Rechtsextreme

Auf der Suche nach Themen verschlägt es Jour­na­lis­t:in­nen mitunter auch auf unseriöse Seiten, wie dem Netzwerk X, ehemals Twitter, das von Elon Musk zu einem rechten Hetzmedium umgebaut wurde. Diese Geschichte ist natürlich längst auserzählt und X als Informationsmedium gestorben. Wer etwas auf sich hält, bespielt längst die Konkurrenz. Und dennoch lohnt ein Blick durch die X-Brille, um zu wissen, wie Algorithmen den Blick auf Berlin formen; Algorithmen, die anders als etwa bei Tiktok kaum von dem tatsächlichen Userverhalten abhängen.

Man muss also mit dem Schlimmsten rechnen, wenn man in das Suchfeld das Schlagwort „Berlin“ eingibt. Und dann ist man doch überrascht, dass es noch schlimmer kommt. Als prominentester Beitrag erscheint zunächst ein Thread von Jens Winter, gerade noch Propagandist des rechtspopulistischen Blogs Nius, der den neuen CDU-Spitzenkandidaten Stefan Evers aufgrund seiner Homosexualität in die Nähe von „Kindesmissbrauch“ rückt. Extra ausgegraben hat Winter ein Bild von Evers auf einem CSD-Truck. Na dann. Wenigstens interessiert es keinen: Die Likes bewegen sich im zweistelligen Bereich.

Deutlich besser läuft da schon ein Bild von einem AfD-Direktkandidaten in Mitte, Julian Adrat. Der postet ein nichtssagendes Foto aus der S-Bahn, schreibt dazu über verschleierte Mädchen und eine Personengruppe „enthemmtes Woke-Volk, darunter Kurzgeschorene (sic!) Frauen mit Regenbogensocken“. Der Mann, der Berlin im Parlament vertreten will, fühlt sich wie in einer „Freakshow“. Selbiges würde er vermutlich auch über an einem See tanzende schwule Männer sagen, wie sie in einem Video eines tschechischen Pornoduos zu sehen sind.

Gleich mehrere anonyme Accounts verbreiten eine Polizeimeldung, die es sogar bis in seriöse Medien geschafft hat. Tenor: „Kind misshandelt Welpen. Polizei rettet ihn.“ Ein User fragt ganz harmlos: „Was sollen wir nur mit Berlin machen?“ Dem Rassismus in den Kommentarspalten ist damit Tür und Tor geöffnet, da geht es dann um „Kulturkreise, in denen Tierquälerei völlig in Ordnung geht“. Andere fühlen sich in ihrem Berlin-Hass bestärkt: „Berlin muss eingeschläfert werden. Nur Welpen dürfen übrig bleiben“, schreibt einer.

Man versteht nur „Ausländergewalt“

Als Projektionsfläche wird die Stadt auch von ausländischen Rechtsextremisten missbraucht, wie dem Briten Tommy Robinson, dem 2 Millionen Menschen folgen. Ein Video mit einem Mann, der oberkörperfrei und latent aggressiv durch die U-Bahn tanzt, wird von ihm überschrieben mit: „In der Zwischenzeit in der Weimarer Republik, ich meine Berlin …“ Ob die 500.000 Menschen, denen es ausgespielt wurde, wissen, was Robinson meint, sei dahingestellt, aber irgendwas mit „Ausländergewalt“ mögen sie verstanden haben.

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Berlin ist einfach die weltweit größte forensische Psychiatrie mit offenem Vollzug

X-User

Was man sonst noch findet: Bilder vom Karneval der Kulturen oder Grillwiesen, die suggerieren, dass Berlin die Deutschen ausgegangen sind: Spott über Pali-Demonstant:innen oder die Meldung über eine Geiselnahme in einem Supermarkt.

5 Minuten X und das Berlin-Bild ist fertig: Eine Stadt versinkt im Chaos, voll von marodierenden Ausländerhorden und schwulen Politikern. Oder wie einer schreibt: „Berlin ist einfach die weltweit größte forensische Psychiatrie mit offenem Vollzug.“ Ein Satz, der richtig wird, wenn man Berlin durch X ersetzt.

  • informationsspiegel

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