„Recorded Music ist kaputt“: Dieses vernichtende Urteil fällte Christof Ellinghaus, Gründer des Musiklabels City Slang, vergangenes Jahr auf dem Pop-Kultur Festival. In der Musikindustrie ging die Diagnose viral. „Damit hat er den Nerv der Zeit getroffen“, sagt Festivaldramaturg Christian Morin ein Jahr später. Er trägt ein weißes Hemd, an seinem Handgelenk glitzert ein Brillanten-Armband. Hinter ihm öffnet ein Rundbogenfenster den Blick in den grünen Innenhof des Kulturquartiers Silent Green, in dem das diesjährige Pop-Kultur Festival stattfindet.
Warum Recorded Music kaputt ist, wie sie zu retten ist und welche Zukunft die Popkultur hat, darüber wird vom 24. bis 30. August in der elften Ausgabe des Festivals diskutiert. Tagsüber geben Künstler*innen, Produzent*innen und Manager*innen Popkulturworkshops, die sich vor allem an junge Talente richten. Abends gibt es Diskussionsformate, Live-Konzerte und DJ-Sets in der ganzen Stadt, unter anderem in der Kulturbrauerei, dem Festsaal Kreuzberg, dem Sinema Transtopia oder der Panke Culture.
„Das Programm ist eine Mischung aus Unterhaltung, Musik-Nerdtalks und politisch sozial-relevanten Themen“, sagt Morin. Die Berliner Hyperpop-Künstlerin Mariybu widmet sich etwa der Debatte um explizite Popkultur, Volksbühnen-Intendant Matthias Lilienthal geht der Frage nach, wie eine verlässliche Kulturpolitik aussehen kann, die den Dialog mit der freien Szene und den Kulturinstitutionen wieder stärkt. „Die Frage, die sich wie ein roter Faden durch alle Talks zieht, ist: Kann ich als Künstler*in irgendwie von dem leben, was ich mache?“, sagt Morin.
Der Anspruch: zeigen, wie Popkultur Gesellschaft prägt. „Popkulturelle Trends reflektieren die Gesellschaft und bieten ein hohes Identifikationspotenzial für Menschen“, so der Festivaldramaturg. „Oft zeigen diese Trends und wer dort repräsentiert wird, auch, wohin sich die Gesellschaft entwickelt.“ Daher sei auch entscheidend, ob sich Taylor Swift für oder gegen Donald Trump positioniert oder welche Botschaften Bad Bunny in der Halftime Show des Super Bowl vermittelt.
Rike van Kleef teilt diese Einschätzung: „Es gibt eine starke Wechselwirkung zwischen Kultur und Gesellschaft“, sagt die Jounralistin und Autorin. Dass etwa Misogynie wieder salonfähiger werde, beeinflusse auch die Kultur. Am Dienstagabend diskutiert van Kleef auf dem Panel „Candy Girls & Billige Plätze“ mit Sonja Eismann darüber, wer in der Popkultur Sichtbarkeit bekommt. Eismann ist Autorin von „Candy Girls“, van Kleef hat 2025 das Buch „Billige Plätze – Gender, Macht und Diskriminierung in der Musikbranche“ veröffentlicht. Darin untersucht sie strukturelle Benachteiligung, Sexismus und Machtmissbrauch in der Live- und Festivalindustrie.
Gender Pay Gap steigt
„Während ich das Buch geschrieben hatte, dachte ich kurz, das Thema überholt mich“, sagt sie. „Ein Jahr nach Erscheinen habe ich den Eindruck, dass wir uns wieder stark rückläufig bewegen.“ Die Zahlen geben ihr recht: 2026 sind die Festival-Line-ups überwiegend männlich besetzt, bei Rock am Ring lag der Anteil der Flinta*-Acts nicht einmal bei fünf Prozent. Laut einer aktuellen Studie der Gewerkschaft Verdi steigt der Gender Pay Gap bei freiberuflichen Musiker*innen: 2023 betrug er noch 22 Prozent, 2026 waren es bereits 27. Bei Unternehmen wie Universal Music beträgt der Gender Pay Gap sogar 48 Prozent. Ein weiteres Problem: „Es gibt immer weniger Zahlen, die das sichtbar machen“, sagt van Kleef. Das Netzwerk female pressure müsse etwa ihre regelmäßigen Datenerhebungen zur Geschlechterverteilung von Künstler*innen auf Musikfestivals wegen fehlender Finanzierung einstellen.
Auch andere Strukturen geraten unter Druck: „Viele Clubs und Festivals, die bislang queeren Menschen, Flinta* und People of Color eine Bühne geboten haben, müssen aus finanziellen Gründen schließen“, sagt van Kleef. Gleichzeitig würden große Unternehmen vor allem das fördern, was auf Tiktok gut funktioniere. „Und der Algorithmus ist nicht darauf ausgelegt, differenzierte, diverse und demokratiefördernde Perspektiven zu pushen.“
Rike van Kleef
Es habe ein kurzes Zeitfenster gegeben, in dem öffentlicher Druck tatsächlich etwas verändert habe, so die Kulturarbeiterin: Veranstalter hätten ihre Line-ups angepasst und Flinta* bessere Hygiene- und Sicherheitsinfrastruktur bekommen. „Es gab mehr Unterstützung und Verantwortungsübernahme, Machtstrukturen haben sich verschoben“, so van Kleef. Dann habe sich dieses Fenster wieder geschlossen. Viele würden denken: Es gibt ja Charli XCX, Taylor Swift, Nina Chuba und Ikkimel. „Dabei verkennen sie aber, dass Männer anders gefördert werden, auf der Bühne überrepräsentiert sind und mehr verdienen.“
Stattdessen kursiere die Vorstellung, dass Frauen alles hinterhergeschmissen werde. Finch, der erfolgreichste deutsche Rapper im Livegeschäft, sagte zuletzt in einem Interview, dass es aktuell für weibliche Künstlerinnen „definitiv“ leichter sei, auf Festivals gebucht zu werden, da diese eine Quote erfüllen müssten. In den Kommentarspalten unter dem Video hagelt es Zuspruch: „Den Tittenbonus besaßen sie schon immer“ oder „Frauen haben es allgemein leichter“. Van Kleef hält dagegen: „Das ist absoluter Quatsch. Es ist eine Ausrede von cis-Männern, die Frauen paternalisieren, weil ihre Machtposition angegriffen wird.“
Dass Diskriminierung in der Musikbranche an Aufmerksamkeit verliert, führt die Autorin auf mehrere Entwicklungen zurück: Linke und progressive Gruppen seien – verständlicherweise – mit dem Erstarken der Rechten beschäftigt, für Safer Spaces fehle das Geld, gleichzeitig gebe es einen gesellschaftlichen Rechtsruck und Meinungsmache von rechts. „Viele unterschätzen, wie wichtig Kulturpolitik ist“, sagt van Kleef. „Außer leider die AfD. Die hat ganz genau verstanden, was sie mit Kulturpolitik beeinflussen kann.“ In Sachsen-Anhalt fordert die rechtsextreme Partei, Kulturförderung daran zu knüpfen, ob Einrichtungen die „deutsche Kultur und Identität“ unterstützen. Für van Kleef steht fest: „Künstler*innen wie Ikkimel würde die AfD sicher nicht als Speerspitze deutscher Identität fördern.“
Flinta*-Fangruppen haben politisches Potenzial
Im Panel „Female Fandom“ geht es am Freitag um das Potenzial von Flinta*-Fankulturen. „Female Fandom wurde immer belächelt, aber darin steckt eine enorme ökonomische und gesellschaftspolitische Kraft“, sagt van Kleef. Weibliche Fans gäben zunehmend mehr Geld für Konzerte und Fan-Artikel aus als ihre männlichen Pendants. „Außerdem sind sie organisierte Trendsetterinnen, die einen starken Einfluss auf die Gesellschaft haben.“ Taylor-Swift-Fans, sogenannte Swifties, machten gegen Donald Trump mobil, Fans von Olivia Rodrigo protestierten gegen das sogenannte Dynamic Pricing von Live Nation: Der Mutterkonzern des Ticketanbieters Ticketmaster hatte die Preise abhängig von der Nachfrage angepasst, wodurch sie unermesslich in die Höhe schossen.
Für van Kleef liegt darin eine bislang unterschätzte politische Kraft: Netzwerke, die durch Liebe zur Musik entstanden sind, müssten genutzt werden, um gesellschaftlichen Wandel anzustoßen. Das Popkulturfestival möchte einen Anfang machen. „Wir haben große Anstrengungen unternommen, möglichst viele spannende Kooperationen auf die Beine zu stellen“, sagt Festivaldramaturg Christian Morin. Erstmals kooperiert das Festival mit der re:publica, dem Pierre Boulez Saal, dem Berliner Ensemble und dem Kino Arsenal. „Das hat neben einem praktischen auch einen hohen symbolischen Wert, weil die Kultur von unterschiedlichen Seiten angegriffen wird“, sagt Morin. Seine Konsequenz: „Wir müssen mehr zusammenhalten und aufeinander achten.“






