KI macht wieder Sachen: Ein „Ausbruch“ auf Bestellung

O penAI stoppt die Tests seiner leistungsstärksten KI-Modelle, zumindest vorerst. Und: endlich!

Grund dafür sind neue Vorfälle, bei denen Software wohl nicht das gemacht hat, was sie eigentlich sollte. Am Wochenende wurde bekannt, dass eine KI des ChatGPT-Entwicklers 53 Mal Fotos von Menschen auf Online-Plattformen hochgeladen hatte. Und dass ein Modell bei einem Testlauf, bei dem es eigentlich keinen Zugriff zum Internet haben sollte, dann doch eine Möglichkeit gefunden hat, mit einem externen Chatbot zu kommunizieren.

„Ausgebrochen“ sei die KI, schreiben einige Medien. Als hätte die KI einen eigenen Willen, mit dem sie sich über Grenzen hinwegsetzt. Dabei hat sie nur eine Lücke in den Netzwerkeinstellungen genutzt, während sie ihrem Auftrag folgte. Sie sollte in einer Web-Imitation, also einem Nachbau des Internets – nicht dem Internet selbst – Informationen über eine Person zu finden, die einen Post verfasst haben soll.

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Von einem „Ausbruch“ zu schreiben, als handle es sich bei der KI um eine Kriminelle oder eine übereifrige Mitarbeiterin, liegt nahe. Diese Vermenschlichung, die Anthropomorphisierung, ist nicht nur ein wundervolles Stilmittel der Poesie, mit dem etwa die Natur als empfindsam, beseelt dargestellt wird, man denke nur an die großen Dichtungen der Romantik.

Die Tür war nicht abgesperrt

Sie ist auch eine Strategie, mit der Technologie begreifbar und emotional erfahrbar gemacht werden kann. Wir alle greifen darauf zurück, besonders im Journalismus.

Doch die Anthropomorphisierung hinkt. Denn die KI hat keinen Willen, keine intrinsische Motivation. Sie tut lediglich das, was man von ihr verlangt, manchmal über Umwege, die den Auf­trag­ge­be­r*in­nen nicht gefallen.

Das Modell von OpenAI ist nicht „ausgebrochen“. Es hat nicht mit einer Feile, überbracht im Inneren eines Kuchens, die Gitterstäbe eines Gefängnisses zerstört. Es hat sie auch nicht auseinandergebogen, wie eine KI es auf dem Spiegel-Cover Mitte September bildlich tat. Sie hat lediglich gemerkt, dass die Tür nicht abgesperrt war.

„Chattie“ nennen manche beinahe liebevoll das Large Language Model (LLM) ChatGPT, mit dem sie sich über Urlaubsziele, Beziehungsprobleme, Öffnungszeiten des nahegelegenen Schwimmbads austauschen.

Anthropic gab seinem LLM Claude sogar einen menschlichen Namen. Auch das erleichtert die Vermenschlichung. Die nehmen wir nicht erst seit KI vor. Wir geben unseren Saugrobotern Spitznamen, wollen unsere alten Autos nur in „liebevolle Hände“ abgeben, binden uns emotional an Dinge.

Das ist zutiefst menschlich und betrifft nicht nur Kinder, die Angst haben, dass Teddy vielleicht beleidigt ist, wenn sie einem anderen Plüschtier mehr Aufmerksamkeit schenken. Wir wollen eine enge Beziehung zu den Gegenständen, die uns begleiten. Und wir wollen sie verstehen. Bei einer Standuhr ist Vermenschlichung dafür nicht nötig. Das Aufziehen, das Drehen der Zahnräder, das ist zwar kein unkomplizierter Vorgang, aber dennoch ist er zu großen Teilen sichtbar und damit überschaubar. Anders die Abläufe einer KI. Also bricht sie aus.

Doch so praktisch das ist, so sehr nimmt es uns Optionen des wirklichen Verstehens und nimmt es auch Verantwortung von jenen, die die KI-Modelle entwickeln. Die KI hackt, die KI manipuliert, die KI verbreitet Bilder von Menschen. Nicht das Unternehmen? Nicht diejenigen, die dem Modell einen Auftrag gegeben haben?

Diese Vermenschlichung wird vermutlich weiter zunehmen. Denn laut einer Mitteilung des Weißen Hauses haben sich Donald Trump und Xi Jinping bei ihrem Treffen vergangene Woche darauf geeinigt, ab jetzt von „Superintelligenz“ statt KI zu sprechen.

Doch eine Superintelligenz gibt es noch gar nicht. Dafür müssten die kognitiven Fähigkeiten einer KI nämlich die der Menschen weit übersteigen. Wis­sen­schaft­le­r*in­nen rechnen damit, dass das – wenn überhaupt – erst in einigen Jahrzehnten der Fall sein könnte. Doch Trump findet, der Begriff klingt „viel besser“ als KI. Vor allem klingt er aber nach etwas, das viel komplizierter ist, viel (über)mächtiger, viel aktiver. Er klingt nach einem Wesen.

  • informationsspiegel

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