Daniel Barenboim im Gespräch: „Unsere Friedensbotschaft muss lauter sein denn je“

taz: Daniel Barenboim, 1999 gründeten Sie mit dem palästinensisch-amerikanischen Pianisten und Literaturwissenschaftler Edward Said und dem damaligen Intendanten des Kunstfests Weimar, Bernd Kaufmann, das West-Eastern Divan Orchestra (WEDO). Ein Sinfonieorchester, das zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Mu­si­ke­r:In­nen besteht. Als Symbol der Hoffnung für Dialog und eine friedliche Lösung im Nahostkonflikt. Diese scheint angesichts der aktuellen Lage weit entfernt. Welche Rolle kann denn aus Ihrer Sicht die Musik in diesem Konflikt einnehmen?

Daniel Barenboim: In der aktuellen Situation fragen wir uns natürlich nach der Bedeutung unserer gemeinsamen Arbeit im Orchester. Allein die Tatsache, dass arabische und israelische Musikerinnen und Musiker bei jedem Konzert ein Pult teilen und zusammen musizieren, ist für uns von immensem Wert.

taz: 2004 kritisierten Sie in Ihrer Dankesrede anlässlich Ihrer Auszeichnung mit dem Wolf-Preis in der Knesset Israels Besatzungspolitik. Sie spendeten Ihr Preisgeld für die musikalische Früherziehung von palästinensischen und israelischen Kindern. Wie soll es angesichts der aktuellen Lage Versöhnung geben?

Im Interview: 

Daniel Barenboim, geboren am 15. November 1942 in Buenos Aires, ist ein argentinischer Pianist und Dirigent. Er leitete u. a. das Chicago Symphony Orchestra, die Mailänder Scala und die Staatsoper Berlin (1992–2023). 1999 war er Gründungsmitglied des West-Eastern Divan Orchestra, das sich für friedliche Lösungen im Nahostkonflikt einsetzt; 2012 gründete er in Berlin die Barenboim-Said-Akademie. Barenboim hat als bislang einzige öffentlich bekannte Person sowohl die israelische als auch die palästinensische Staatsangehörigkeit. 2025 gab Barenboim bekannt, dass bei ihm Parkinson diagnostiziert wurde.

Barenboim: Unsere Friedensbotschaft muss lauter sein denn je. Die größte Gefahr ist doch, dass alle die Menschen, die sich so sehnlichst Frieden wünschen, von Extremisten und Gewalt übertönt werden. Jegliche Analyse, jegliche moralische Gleichung, die wir aufsetzen, muss aber als Basis dieses Grundverständnis haben: Es gibt Menschen auf beiden Seiten. Humanität ist universell, und die Anerkennung dieser Wahrheit auf beiden Seiten ist der einzige Weg. Das Leiden unschuldiger Menschen, egal auf welcher Seite, ist absolut unerträglich.

taz: Kommende Woche wird erstmals Ihr West-Eastern Divan Festival in Berlin stattfinden. Mit welchem Ziel?

Barenboim: Wir möchten mit diesem Festival die Vision und die Werte des West-Eastern Divan Orchestra und der Barenboim-Said-Akademie einem breiteren Publikum näherbringen. Die Menschen sind doch hungrig nach analogen, positiven Erfahrungen und Konzerte sind ein großartiger Weg, Leute zusammenzubringen – auf der Bühne, aber auch abseits davon. Wir zeigen die Vielfalt unserer Arbeit und motivieren das Publikum dazu, sich unserer Vision anzuschießen und weiter für Menschlichkeit, Frieden und Gemeinschaftlichkeit zu kämpfen.

taz: Im April 1990 dirigierten Sie die Berliner Philharmoniker auf Ihrer ersten Israel-Tournee. 2001 spielten Sie dort mit der Staatskapelle Berlin als Zugabe Wagners „Tristan und Isolde“, mit dem Sie jetzt auch Ihr Festival eröffnen. Damals ein Skandal, weil Wagner als bekennender Antisemit in Israel nicht aufgeführt wird. Weshalb haben Sie, selbst Künstler mit jüdischen Wurzeln, Wagner gewählt und warum den „Liebestod“?

Barenboim: Vorspiel und der Liebestod aus „Tristan und Isolde“ wurden als Zugabe nach einer 40-minütigen Podiumsdiskussion gespielt. Ich stellte den Menschen, die gehen wollten, frei, dies zu tun. 20 bis 30 Personen, die keine Wagner-Musik hören wollten, verließen daraufhin den Saal. Die übrigen applaudierten dem Orchester so begeistert, dass ich das Gefühl hatte, wir hätten etwas Positives bewirkt.

taz: Was reizt Sie an Wagners Werk?

West-Eastern Divan Festival

West-Eastern Divan Festival. 11. bis 18. November 2026 in Boulez-Saal, Philharmonie und Berghain jeweils in Berlin

Barenboim: Was mich fasziniert und auch zu diesen komplexen Kontexten passt, nach denen Sie fragen: Wohl kein anderer Komponist in der Geschichte hat in seinen Werken versucht, derart offensichtlich unvereinbare Elemente zu verbinden. Die Eigenschaften, die Wag­ne­ria­ne­r:In­nen so begeistern, sind oft dieselben, die seine Gegner abschrecken: beispielsweise seine Neigung zu Extremen in jedem Aspekt der Komposition.

taz: Warum polarisiert diese Musik?

Barenboim: Wagners Musik ist manchmal einfach, aber niemals kompliziert, sondern komplex. Das ist ein subtiler Unterschied. Kompliziertheit bedeutet in diesem Sinne etwa den Einsatz unnötiger Mechanismen oder Techniken, die den Sinn der Musik verschleiern könnten. Diese sind in seinem Werk nicht vorhanden. Komplexität hingegen zeigt sich in Wagners Musik stets in Form von Vielschichtigkeit. Deshalb kehre ich immer wieder zu ihm zurück.

taz: Ihr Festival endet mit einem Konzert im Berliner Berghain. Was genau ist da geplant?

Barenboim: Das Berghain ist natürlich einer der bekanntesten Techno-Clubs der Welt und damit ein natürliches Zuhause für elektronische Klangwelten, ob die nun von DJs oder klassisch geschulten Musikern geschaffen werden. Ben Goldscheider und Bilal Alnemr, langjährige Mitglieder des West-Eastern Divan Orchestra und Absolventen der Barenboim-Said-Akademie, sowie Martin Adámek werden Werke für Soloinstrument und Live-Elektronik von Pierre Boulez und Mark Simpson interpretieren – das wird sicher spannend.

taz: 1942 wurden Sie in Buenos Aires als Kind jüdischer Eltern geboren, 1952 wurden Sie israelischer Staatsbürger und 2008 erhielten Sie die symbolische palästinensische Ehrenstaatsbürgerwürde für Ihren Beitrag zur Aussöhnung im Nahostkonflikt. Wie wichtig sind Ihnen Begriffe wie „Heimat“ und „Identität“?

Barenboim: Ich glaube, in unserem Jahrhundert kann man nicht nur, man sollte sogar mehrere Identitäten haben. Ich bin seit meiner Kindheit Argentinien sehr verbunden. Israel sowieso. Und Palästina auch, weil ich zutiefst überzeugt bin, dass das israelische und das palästinensische Volk ein gemeinsames Schicksal haben. Berlin ist mein Zuhause – und die Musik.

taz: Sie wurden als Wunderkind am Klavier gefeiert. Mit 7 Jahren traten Sie in Buenos Aires öffentlich auf, mit 13 konzertieren Sie in London und Paris und mit 16 bei den New Yorker Philharmonikern. Wie war dies rückblickend für Sie?

Barenboim: Es war ganz normal für mich. Wissen Sie, ich habe mein erstes Konzert im August 1950 gegeben, also stehe ich nun seit bald 80 Jahren auf der Bühne. Von diesen 80 Jahren hatte ich wahrscheinlich etwa 60 Jahre lang keine Lust zu üben. Es war mir eine Last – es gab vieles, was ich lieber getan hätte. Aber mit anderen zu musizieren, hat mir immer große Freude gemacht und das tut es immer noch.

taz: Musik war für Sie nie ein unpolitischer Rückzugsort. Hat Kunst eine politische Verantwortung?

Barenboim: Musik und Kunst sind ein organischer Teil unserer Welt und unseres Seins und können nicht in einer Blase existieren. Jeder Künstler muss für sich selbst entscheiden, inwieweit er oder sie sich politisch äußern will. Jedoch darf man Kunst und Musik nicht politisch instrumentalisieren.

taz: Beim Festival treten Studierende und junge Musiker der Barenboim-Said-Akademie auf. Was möchten Sie dem Nachwuchs mitgeben, der heute in einer politisch und gesellschaftlich polarisierten Welt arbeitet?

Barenboim: Ich bin überzeugt, dass wir weitermachen und dafür den größeren Kontext des Konflikts im Blick haben müssen. Unsere Musikerinnen und Musiker des West-Eastern Divan Orchestra, unsere Studentinnen und Studenten in der Barenboim-Said-Akademie, sie sind fast alle unmittelbar betroffen. Viele der Musikerinnen und Musiker leben in der Region, und auch die anderen haben viele Verbindungen in ihre Heimat. Dies bestärkt mich in meiner Überzeugung, dass es nur eine Lösung dieses Konflikts geben kann: auf der Grundlage von Humanismus, Gerechtigkeit und Gleichheit – und ohne Waffengewalt und Besatzung. Wir müssen, wollen und werden weiter daran glauben, dass Musik uns unserer Menschlichkeit einander näherbringen kann.

taz: Anfang 2025 gaben Sie Ihre Parkinson-Erkrankung bekannt; aber auch, dass Sie so lange dirigieren, wie möglich. Was möchten Sie noch erreichen?

Barenboim: Ich muss persönlich nichts mehr erreichen, aber ich möchte Musik machen, solange ich kann.

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