BND-Akten ausgewertet: Der Agent in Jerusalem

Konrad Adenauer wusste, wie viele Nazis in der Bundesrepublik Karriere machten. Sie waren Politiker, Juristen, Lehrer, Architekten oder Unternehmer.

Doch Bundeskanzler Konrad Adenauer, obwohl selbst ein NS-Verfolgter, verteidigte diese mehr oder weniger nahtlose Weiterbeschäftigung vieler NS-Täter. Wenn man kein reines Wasser habe, schütte man das dreckige nicht weg, sagte er 1952. Die Bundesrepublik könne ohne sie nicht wiederaufgebaut werden. Ob Adenauer damit auch seinen engsten Mitarbeiter und späteren Kanzleramtschef, Hans Globke, meinte?

Über Hans Globke, den Bundesnachrichtendienst (BND) und deren Einmischung in den Eichmann-Prozess in Jerusalem hat der Historiker Klaus-Dietmar Henke ein umfangreiches Buch vorgelegt. Und das hat es in sich.

Das Buch

Klaus-Dietmar Henke: „Vergangenheitsabwehr. Adenauers Staatssekretär Hans Globke, der BND und der Eichmann-Prozess“. Ch. Links Verlag, Berlin 2026, 672 Seiten, 50 Euro

Die NS-Vergangenheit von Kanzleramtschef Globke ist aktenkundig, schon zu seiner Zeit im Nachkriegs-Bonn wurden immer wieder Vorwürfe gegen den Juristen erhoben. Globke hatte bereits im Preußischen Innenministerium gearbeitet und anschließend im Nationalsozialismus Karriere gemacht. 1936 wurde sein Kommentar zu den „Nürnberger Gesetzen“ veröffentlicht. Hiermit wurde Juristen ein praktischer Leitfaden zur Anwendung der entmenschlichenden Gesetze an die Hand gegeben.

Wegbereiter der antisemitischen Gesetzgebung

Globke war damit einer der Wegbereiter der antisemitischen Gesetzgebung und ihrer Umsetzung im Nationalsozialismus. Dies dürfte einigen Deutschen schon in den 1960er Jahren bekannt gewesen sein, schließlich sorgten DDR-Propagandakampagnen für die Verbreitung der Vorwürfe gegen Globke.

Die bahnbrechende Erkenntnis aus Henkes Buch ist eine andere: Hans Globke und der Bundesnachrichtendienst haben 1961 einen Agenten im Eichmann-Prozess in Jerusalem platziert. Die Aufgabe dieses Agenten: die Namen von prominenten westdeutschen Ex-Nazis wie Globke aus dem Verfahren heraushalten. Das ergibt sich aus BND-Akten, die Henke 65 Jahre später als erster Historiker ungeschwärzt untersuchen konnte.

Die Bundesrepublik und Männer wie Globke hatten 1961 viel zu verlieren: Man rehabilitierte sich gerade auf internationaler Bühne, hatte einige Jahre zuvor ein Wiedergutmachungsabkommen mit Israel abgeschlossen und konnte keine negative Berichterstattung gebrauchen. In Zeiten des Wirtschaftswunders und eines Imagewandels zu einem geläuterten Deutschland mussten sie Debatten über NS-Verstrickungen westdeutscher Eliten dringend verhindern.

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Henkes Erkenntnis: Hans Globke und der BND haben einen Agenten im Eichmann-Prozess platziert

Man ließ sich „Persilscheine“ ausstellen

Für Globke und andere ging es zudem um ihre Jobs. Viele hatten ihre Biografien beschönigt und sich von Bekannten „Persilscheine“ ausstellen lassen, die ihre Rolle im Nationalsozialismus schönfärbten. Auch Globke hatte sich einen Werdegang als Widerstandskämpfer zurechtgelegt, ein pflichtbewusster Beamter, der Schlimmeres verhindert hatte.

Den bundesdeutschen Behörden und Globke war schnell klar, wie brisant die Entführung Eichmanns nach Israel und der daraus folgende Prozess in dieser Hinsicht werden könnte. Eine ausführliche öffentliche Auseinandersetzung hätte die biografischen Schönfärbereien schnell entlarven können. Daher unternahm der BND zahlreiche Versuche, das Verfahren und dessen Wahrnehmung schon im Vorhinein zu beeinflussen.

Der erfolgreichste sollte im Januar 1961 gelingen: Sie schleusten den jungen Juristen Dieter Wechtenbruch ins Team von Eichmanns Verteidiger Robert Servatius ein. Als V-Mann „V-7461“ und mit dem Decknamen „Laqueur“ belieferte er den BND mit Prozessunterlagen und Informationen zur Verteidigung.

Fokus der Verteidigung auf Eichmann

Dabei gab er öffentlich ein anderes Bild ab, um seine Agententätigkeit zu verschleiern: Während des Verfahrens äußerte er sich kritisch gegenüber Adenauer und der Elterngeneration. Eichmann selbst bezeichnete er als „Würstchen“. Zeitgleich befolgte er seine wichtigste Aufgabe: dafür zu sorgen, den Fokus der Verteidigung auf Eichmann zu halten und keine Debatten über Täterschaft anderer zuzulassen.

Als Eichmanns Verteidiger Servatius überlegte, eine Zeugenvernehmung Globkes zu beantragen, brachte ihn Wechtenbruch davon ab. Zudem war der BND durch Wechtenbruch über jeden Schritt der Verteidigung und deren Strategie informiert und griff aktiv ein, wenn Gefahr für Globke bestand. Dabei kam es auch zu Treffen mit den israelischen Behörden, die auch kein Interesse an einer Untersuchung von Globkes Vergangenheit hatten. Schließlich war die Adenauer-Regierung zu einem wichtigen Verbündeten und Waffenlieferanten geworden.

Henke skizziert in dem gleichnamigen Buch anhand mehrerer Beispiele, warum der Begriff „Vergangenheitsabwehr“ viel passender für die westdeutsche Nachkriegszeit ist, als etwa von „Verdrängung“ zu sprechen: Im Gegensatz zur Verdrängung ist Abwehr eine aktive Handlung.

Einflussnahme auf den Eichmann-Prozess

Diese Abwehr geschah auf mehreren Ebenen. Einerseits waren es große Teile der Gesellschaft, die lange jegliche Verantwortungsübernahme ablehnten. Andererseits wurde die Auseinandersetzung mit den eigenen Verbrechen auch durch Institutionen abgewehrt. Der BND-Agent in Jerusalem und die Einflussnahme auf den Eichmann-Prozess sind dafür ein Paradebeispiel. Klaus-Dietmar Henke zeigt, wie sehr sich die westdeutsche Gesellschaft gegen die Vergangenheit wehrte.

2026 ist diese Erkenntnis besonders relevant. Denn eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte muss erkämpft werden. Sonst setzt sich die Geschichtsdeutung von Menschen wie dem AfD-Politiker Alexander Gauland durch, für den Hitler und die Nazis „nur ein Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“ sind. Die gesellschaftliche Vergangenheitsabwehr ist noch in vollem Gange.

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