Jede Generation hat ihre Revolution, aber diese hat abgeliefert. Das denke ich, während ich in der Wiener Straßenbahn Nr. 2 sitze und verschiedene nette und bösartige Monster beobachte. Den Satz schreibe ich mir gleich auf für meinen dritten Artikel über Serbien seit dem Wahlsieg der Studentenliste.
Ich werde ständig eingeladen, meinen Kommentar abzugeben, obwohl ich in Österreich lebe und nicht die informierteste Person der Welt bin – weil ich eine hyperindividualistische Zombie-Schriftstellerin bin, und das ist mein Job. Okay: und weil ich mitgefiebert habe und mir das Land nicht egal ist. Jedenfalls drehe ich schon ein wenig durch, alle fünf Minuten passiert etwas Neues, der staatliche Fernsehsender in Novi Sad entschuldigt sich, Schredderversuche werden verhindert, Hassgraffiti übermalt.
An diesem Abend ist aber einfach Halloween in Wien. Hexen, Teufel, Einhörner sitzen brav in der Straßenbahn auf dem Weg zu der jeweiligen Party. Nicht alle Monster sind im Kostüm. Neben mir zappelt ein verwirrter Alkoholiker und sieht immer wieder nach, ob in seinem Plastiksack nicht doch noch ein Bier liegt. Er ist ein machtloses Stadtwesen. Drei Fake-Verletze steigen ein, setzen sich ihm gegenüber.
Die Hauptbösewichte der Story
Später gehe ich an einem serbischen Restaurant vorbei, davor stehen schlecht gelaunte Männer. Sie rauchen, spucken und fluchen. Sie sehen aus, als wäre ihr Leben zu Ende. In den Blicken glaube ich zu erkennen, dass sie abgehärtete Alles-wurscht-Korrupto-Bros mit Hang zu Gewalt sind. Diese Männer sind die Verlierer der Revolution, die in Serbien vor wenigen Tagen durchgezogen wurde. Ihre Schmuggelwege und Deals sind gefährdet. Ihre kriminellen Kräfte wirken nicht mehr. Mit ihnen gemeinsam besiegt wurden folgende Hauptbösewichte der Story:
Erstens, die ewig hungrigen, neoliberalen, schleimigen Aliens wie Baron Vladimir Harkonnen aus David Lynchs „Dune“. Dazu gehört auch der große Anführer dieser Gruppe, Aleksandar Vučić.
Zweitens, die ärmsten Kreaturen ohne Geld, Hoffnung, Moral, Integrität, ohne irgendeine Chance, diejenigen, die sich für ein Sandwich verkaufen haben lassen, sie heißen in Belgrad Sandwich-Menschen.
Gemeinsam mit verdächtigen Männern mit Kapuzen und Metallstangen, die stets bereit sind, auf die Studierenden einzuschlagen, bilden sie, drittens, das Sammelmonster Ćaci, das ebenso endlich gefallen ist.
Friedvoll und ruhig ans Ziel gelangen
Ćaci hat sich während der zwei Jahre Studentenproteste im Pionirski Park im Zentrum Belgrads versammelt. Das Wort kommt von den Störaktionen der Regierungsanhänger gegen die Proteste. Vučić sagte immer wieder, dass echte Studenten lernen wollen, statt zu protestieren. In der Folge hat jemand in Novi Sad an eine Wand gesprayt: „Schüler, zurück in die Schulen!“ Nur hat dieser Mensch das Wort Schüler falsch geschrieben (ćaci statt đaci). Zu derselben Zeit setzte Vučić das vermeintliche Pro-Vučić-Studentenlager im Pionirski Park auf. Belgraderinnen nannten diesen Ort, in dem dunkle Partys gefeiert wurden und immer wieder Feuer ausbrach, Ćaciland, als Erklärungsreferenz verwendeten sie Mordor.
Bei allen Protesten drohte Ćaciland, seine Tore zu öffnen und die Gewalt eskalieren zu lassen, einzelne Kapuzenträger mit Steinen in den Jackentaschen krochen raus, verdunkelte Minivans und Polizeiautos fuhren hinein, aber die Studenten waren sehr darauf bedacht, friedvoll und ruhig, über legale Wege, an ihr Ziel zu gelangen. Und die Orks bekamen offenbar nie den Befehl anzugreifen.
wochentaz
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Unglaublich, wie eine Studentenbewegung es geschafft hat, trotz allem, in den vergangenen zwei Jahren die Bevölkerung Serbiens in Massen zu mobilisieren, die Universitäten zu blockieren und interessante flache Strukturen aufzubauen. Eine Bewegung ohne individuelle Entscheidungsträgerinnen (auch ohne Verantwortungsträgerinnen, aber okay), die auf Wissen setzt und als primäres politisches Ziel eine funktionierende nicht-korrupte Demokratie hat. Ich halte die Daumen, mache mit, wo ich kann und hoffe, dass die nationalistischen und die Mob-Tendenzen nicht das feine Gerüst überfluten. Das war und ist durchaus eine schöne Revolution!
Serbien zeigt: Veränderung ist möglich
„Euch hat die Zeit überfahren“, sagte eine freundliche Studentin zu mir, während wir in Wien in der Warteschlange standen, um bei der Wahl unsere Stimmen für die Studentenliste abzugeben. „Eure 90er-Jahre-Dichotomien sind nicht mehr wichtig. Alle, die mit uns an einer besseren Gesellschaft mitmachen wollen, sind willkommen.“ Sie erzählte, wie die Bewegung von Plenum zu Plenum bis zum Megaplenum gewachsen ist und wie sie sich auf keine einzelnen Protagonistinnen gestützt hat. Ein Gesicht durfte höchstens zweimal in den Medien vorkommen, und sobald jemand zu groß zu werden drohte, hat man ihn wieder an die Peripherie gedrängt.
Wir sind ein Kollektiv, sagte sie zufrieden. In dem Moment erkannte ich, dass sie ein bisschen wie die Borgs aus Star Trek sind, in diesem Fall aber ein durch Mobildaten verbundenes, bis jetzt sehr gutes und friedliches Gesamtmonster.
Die Demokratie-Borgs zeigen jeden Tag aufs Neue, dass eine Veränderung doch möglich ist und dass es für positive Initiativen nicht zu spät ist. Die Studentin hatte recht. Mich und noch einige, die ich damals für „Wir“ gehalten habe, die in den 1990ern beim Sturz des Milošević-Regimes protestiert haben, hat die Zeit überholt. Unser Medium war das Radio, insbesondere der Sender B92. Unsere Drogen waren alle, die wir bekommen konnten. Wir glaubten an die Kluft zwischen kosmopolitisch und nationalistisch, Stadt und Land, urban und rural. Es war uns wichtig, einer seltenen Subkultur anzugehören. An unserem Musikgeschmack haben wir gefeilt, bis wir mit unseren Lieblingsbands allein geblieben waren.
Wir waren Individual-Zombies
Zombies können in Massen auftreten, aber jeder taumelt seinen eigenen Weg. Wir waren Individual-Zombies. Da in unseren Namen und gegen unseren Willen Kriege geführt wurden, war es unser Sport zu erkennen, wenn etwas für uns nicht mehr vertretbar und die Zeit gekommen war, die jeweilige Gruppe zu verlassen. So irren wir jetzt ein bisschen ziellos durch die Welt mit unseren Individualerfolgen und unseren Individualschicksalen. Ihr kennt uns als eure Freunde aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Foto: Fabian Weiss/laif
Ist euch schon aufgefallen, wie jetzt alle wissen, wie man seine Stirnfransen selbst schneiden und originales Thai-Curry kochen bzw. diverse Reparaturen vornehmen kann. Das gilt auch für Revolutionen. Das neue Borg-Ding ist in vieler Hinsicht besser, schneller und genauer informiert. Die Studentenliste hat mit ihren Anhängern nicht per TV, sondern per Insta-Dekret kommuniziert. Deshalb war es möglich, in einem Land, in dem kein Medium mehr ganz frei war und die meisten auf lächerliche Weise regierungsabhängig, so viel Anhängerschaft zu bekommen und so viel Euphorie zu produzieren.
Diese Kraft kam auf Kosten einiger Themen aus der Vergangenheit, die für uns Zombies besonders wichtig waren, etwa die Verantwortungsübernahme nach den Kriegen der 1990er Jahre. Aber vielleicht wird man noch dazu kommen, in einem vernünftigen Parlament, in einer ganz anderen Atmosphäre. Noch ist einiges unentschieden.
Es ist Zeit für Veränderung
„Super“, sagte ich zu der Studentin, „was hört ihr für Musik heutzutage?“ Die Frage war ein Witz darüber, dass mich die Zeit überholt hat.
Aber zurück zu mir an Halloween. Ich bin einfach so aus dem Haus raus, ohne Kostüm, also als der Schreibzombie, der ich bin, um meine Ex-Yu-Freundinnen zu treffen, die auch eher meiner Generation angehören. Ich betrete das Kino und merke, dass sie alle schon als Studenten-Borg gekommen sind. Das erkennt man an ihrer Ausstrahlung und an den Gesprächsthemen. Ich bin offenbar der einzige Zombie. Ich, ich, ich.
Ich schäme mich, dass es mir nicht schon vorher aufgefallen ist. Es ist Zeit für Veränderung. Für den Wesenswechsel sind keine Props nötig, keine Verkleidung, man muss nichts machen. Man (Zombie) muss nur bereit sein, umzudenken und die Welt ein bisschen anzupacken.







