
D as Eishockey steckt vor der WM 2027 in Deutschland in einem Dilemma. Mit der Wiederzulassung Russlands durch den Sportgerichtshof (womöglich gar auf Kosten der Ukraine) drohen eine kaum tragbare Lage, russische Kriegspropaganda und Boykottchaos. Würde man hingegen den Russen Visa verweigern, wäre das schlecht für die deutsche Olympiabewerbung. Ein Ausweg ist schwer ersichtlich. Allerdings ist diese missliche Lage auch selbst verschuldet.
Russland konnte sich nämlich nur deshalb so leicht wieder einklagen, weil es seit dem Angriff auf die Ukraine lediglich wegen „Sicherheitsbedenken“ gesperrt ist. Der Weltverband hat es versäumt, seine Statuten zu erneuern und völkerrechtlich gestützte Sanktionen für Angriffskrieg oder Besatzung einzuführen. Das ist nicht nur ein Eishockey-Problem, sondern betrifft alle Sportarten. Lediglich das IOC hat ein wenig Handhabe: Dessen Charta verbietet, dass ein Verband einen anderen zwangseingliedert. Aber das erwies sich als leicht anfechtbar, indem Russland seine Sportverbandsstruktur änderte.
Derart zahnlose Statuten sind kein Zufall. An einer echten Umsetzung des Völkerrechts im Sport hat kein Staat Interesse – um nicht selbst angreifbar zu sein. Es ging auch dem europäischen Block gegen Russland um Geostrategie. So braucht man nun auch nicht laut zu wehklagen, dass die Front bröckelt.
Dabei sahen viele Menschen gerade in schwächeren Staaten im Vorgehen gegen Russland anfangs eine Chance. Doch das implizite Versprechen, dass es um ein Völkerrechtsanliegen gehe, war schnell Schall und Rauch. Der Angriffskrieg auf Iran, die Verwandlung Venezuelas in eine de facto US-Kolonie, vor allem Israels mutmaßlicher Völkermord an den Palästinenser:innen mit europäischen Waffen – all das hat die Russland-Sanktionen völlig entwertet.
Wirksamkeit von Sportsanktionen
In der Israelfrage und dessen illegaler Besatzung wurden sie zum politischen Bumerang, es kam zu großen Fanprotesten. Man kann von der Wirksamkeit von Sportsanktionen halten, was man will (der Fall Russland hat eher wieder ihre Grenzen aufgezeigt), aber wenn man sie nutzt, muss für andere Völker glaubhaft sein, dass sie im Fall der Fälle auch profitieren. Sonst verkleinert sich das Anliegen sofort in einen Regionalkonflikt.
Nun ist vermutlich jede Sanktion bald passé, denn ohne festgelegte und einklagbare Strafen wiegt die Logik des Geldes schnell schwerer. Bis zur nächsten Boykott-Debatte – inmitten globaler Aufrüstung ist die sicher nicht fern.
Indes gehen Russlands Angriffe auf Zivilist:innen, Folter und Entführungen weiter. An Lösungsperspektiven fehlt es. Der Krieg ist vom Selbstverteidigungskrieg zum Stellvertreterkrieg geworden, in dem Zehntausende pro Monat sinnlos an einer Front sterben, die sich kaum mehr bewegt. Statt im Sinne möglichst vieler Betroffener über unausweichliche Kompromisse nachzudenken, predigt die deutsche Politik mehr Aufrüstung und einen vorgeblich fast unabwendbaren großen Krieg der Zukunft.
Darin zeigt sich: Auch gut begründete Sportboykotte können ein Problem werden. Sie können einen festgefahrenen Konflikt zementieren und vertiefen. Es fehlte in Deutschland stets an einer machtkritischen Debatte der Sportsanktionspolitik. Einer, die über eine gezielte Kombination aus Sportsanktionen und Sportdiplomatie nachdenkt, statt bloß zu hoffen, dass möglichst viele Sportsperren Putin zum Einknicken bringen. Dieser Ansatz ist wohl gescheitert.
Und doch, der Fall Russland hat so viel Aufmerksamkeit wie nie auf das politische Spielfeld Sport gelegt. Es ist nicht zu spät, sich für neue völkerrechtliche Statuten im Sport einzusetzen. Sie liegen im Interesse der großen Mehrheit von Menschen.






