taz: Frau Gennburg, Jan van Aken hat verkündet, zum Parteitag im Juni den Parteivorsitz aufgeben zu wollen. Der stellvertretende Fraktionschef Luigi Pantisano hat seinen Hut in den Ring geworfen. Wie finden Sie das?
Katalin Gennburg: Erst mal war ich überrascht und wünsche Jan natürlich alles Gute. Luigi und ich kennen uns schon lange, und ich möchte mich nicht beschweren, aber das ist kein Votum. Was ich mir sofort gedacht habe, war: Jan und Ines [Schwerdtner, van Akens Co-Vorsitzende; d. Red.] haben als Duo kandidiert, jetzt ist ein neues Team möglich.
Im Interview: Katalin Gennburg
wurde 1984 in Weißenfels in der DDR geboren und hat in Berlin Urbanistik studiert. Sie war mal im Bundesvorstand der Linken und im Berliner Abgeordnetenhaus. Bei der Bundestagswahl 2025 trat sie als Direktkandidatin im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf an und zog schließlich über die Landesliste ein. Aktuell ist sie Sprecherin ihrer Fraktion für Bauen, Stadtentwicklung sowie für Tourismus.
taz: Sie haben im Freitag eine komplette Neubesetzung des Parteivorsitzes gefordert. Was spricht denn gegen Ines Schwerdtner, sie hat die Partei doch zu einem großen Erfolg bei der letzten Bundestagswahl geführt, wo die Partei ein Rekordergebnis von 8,8 Prozent einfuhr?
Gennburg: Es gibt schon seit Längerem Kritik. Der müssen wir Raum geben. Ich finde es falsch, sich nur noch mit einem einzigen Thema – also Mietenpolitik – zu befassen. Und ich sage das als die Person, die selbst sehr viel zu Mieten arbeitet. Aber durch diesen übertriebenen Fokus fallen viele andere wichtige Bereiche hinten runter: Klima, Antifa, Demokratie, Krieg, Frieden, Feminismus. Das sorgt für viel Unmut. Wir sind doch eine Partei und keine Kampagnenmaschine! Wir haben nicht umsonst jahrelang daran gearbeitet, eine umfassende sozialistische Utopie präsentieren zu können.
taz: Die Linke wäre nicht links, wenn es keine Kritik an der Führung gäbe. Was stört Sie noch?
Gennburg: Den Umbau der Linken zu einer KPÖ 2.0 lehne ich ganz klar ab. Einen Teil dessen, was typisch für die Kommunistische Partei Österreichs ist, finde ich ja super: Sozialsprechstunden, Mietenberatungen und Haustürwahlkämpfe, die ich als eine der Ersten hier in Berlin aufgebaut habe. Aber das darf keine reine Kampagnenpolitik sein, sondern muss in die Basisarbeit der Partei integriert werden, und das ist die eigentliche Kunst. Zurzeit wird die innerparteiliche Demokratie leider sehr vernachlässigt. Und das sage ich als Ostdeutsche, die sich in der PDS kritisch mit Stalinismus auseinandergesetzt hat, also in einer Partei, die diesen nachweislich überwinden wollte. Als moderne sozialistische Partei muss die Linke pluralistisch und offen sein. Dazu gehört auch mein dritter Kritikpunkt: Nach den massenhaften Neueintritten in den letzten zwei Jahren hat es leider sehr geholpert beim Onboarding einerseits und der Wertschätzung der organisatorischen Grundpfeiler andererseits.
Nach den massenhaften Neueintritten in den letzten zwei Jahren hat es leider sehr geholpert beim Onboarding.
taz: Möchten Sie selbst neue Vorsitzende werden?
Gennburg: Es geht hier nicht um mich. Ich möchte den Moment nutzen, eine Diskussion über die Ausrichtung unserer Parteispitze anzustoßen.
taz: Wer wäre ein gutes neues Führungsduo?
Gennburg: Das ist für mich nicht die Frage. Ich finde es wichtig, eine gute Mischung hinzubekommen, die die Partei in Gänze – also auch in ihrer Tradition und Geschichte – gut abbildet.
taz: Wie wär’s mit einer weiblichen Doppelspitze?
Gennburg: Davon bin ich grundsätzlich ein großer Fan.
taz: Gibt es in der Linken aktuell mehr geeignete Frauen oder mehr geeignete Männer?
Gennburg: Ach, ich glaube, das hält sich die Waage. Es gibt eigentlich nie mehr geeignete Männer.







