AfD im Visier?: Und wir denken an Walter Lübcke

W as die Zuschauer*innen zur deutschesten aller Sendezeiten – in den 20-Uhr-Nachrichten der „Tagesschau“ – letzten Dienstag präsentiert bekamen, klang heftig: Die Nachricht war grafisch mit einem Balkendiagramm aufbereitet, Überschrift: „Angriffe auf Parteimitglieder“. Und die meisten davon gab es 2025 auf die AfD, nämlich 1.852, mit deutlichem Abstand gefolgt von CDU (1.171), Grünen (1.005), SPD (804) und Linker (273).

Tatsächlich ist die Zahl der Delikte gegen Parteien und Politiker im Vergleich zum Vorjahr um 40 Prozent gestiegen. Die Daten stammen aus der Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD-Fraktion. Die Deutsche Presse-Agentur hatte exklusiv über die Zahlen berichtet. Vor allem aber die verkürzende „Tagesschau“-Meldung wirkte, als hätte es fast 2.000 Gewalttaten allein gegen AfD-Mitglieder gegeben – also 150 pro Monat und fünf pro Tag?

Mitnichten. Was man auf dem eingeblendeten Balkendiagramm und bei verkürzten Überschriften zur Meldung auf den ersten Blick nicht erkennt: Die Daten sind mit Vorsicht zu genießen, darunter befinden sich keineswegs nur gewaltsame Angriffe, sondern überwiegend „Äußerungsdelikte“ wie Beleidigungen, Bedrohungen, Verleumdungen, Nötigungen und Sachbeschädigungen an Parteibüros.

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Gewaltdelikte sind nicht zu relativieren, auch sie sind angestiegen, allerdings auf einem viel niedrigeren Niveau. Auch hier ist laut Statistik am häufigsten die AfD betroffen: 121-mal, gefolgt von der Linken (16), den Grünen (13), CDU (12), SPD (12) und FDP (9).

Der erneute besorgniserregende Anstieg erklärt sich auch damit, dass das Jahr 2025 keineswegs der Normalzustand war – angesichts des Bundestagswahlkampfs inklusive Großdemos für die Brandmauer zur AfD, nachdem der CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz mit den Rechtsextremen im Bundestag gemeinsam abgestimmt hatte.

Aggressive Kommunikation

Hinzu kommt: Wie bei allen Polizeistatistiken handelt es sich um eine sogenannte Eingangsstatistik, das heißt, jedes angezeigte Delikt wird abgebildet. Ob es tatsächlich stattgefunden hat, aufgeklärt wurde oder es gar zu einer Verurteilung gekommen ist? Unklar.

Das heißt auch: Wer mehr anzeigt, führt am Ende die Statistik an. Und hier sollte man vor allem mit Blick auf die AfD noch vorsichtiger werden – denn die Opfererzählung gehört zur Lebenslüge extrem rechter Parteien weltweit. Der mächtigste Mann der Welt, Donald Trump, betont selbst als US-Präsident noch, dass er ein Opfer einer Hexenjagd seiner übermächtigen Feinde sei, und verklagt trotz persönlicher Milliardengewinne in seinem ersten Präsidentschaftsjahr die Steuerbehörde, um einen Opferfonds für die Kapitolstürmer von 2021 zu erwirken.

Die eigene aggressive Kommunikation und rassistische Diskriminierungen lassen radikal rechte bis protofaschistische Formierungen dabei gerne unter der Tisch fallen. Dabei führt gerade Hetze gegen Minderheiten hierzulande zu rechter Gewalt, die um ein Vielfaches höher und tödlicher ist als linke Gewalt. Der Ermordung des CDU-Politikers Walter Lübcke ging wochenlange Hetze aus der AfD-Bubble voraus. Ein AfD-Wahlhelfer schritt schließlich zur Tat. Man nennt das stochastischen Terrorismus.

Täter-Opfer-Umkehr hat bei der AfD System: Während sie ihre eigene Hetze gegen politische Gegner bagatellisiert und Robert Habeck sich nicht so anstellen sollte, erstattete Alice Weidel in Hunderten Fällen Strafanzeige wegen Beleidigung, hat das Anzeigen sogar an Mitarbeiter delegiert.

Klare Schwalbe!

Zum Gesamtbild von Angriffen auf AfD-Politiker gehören daher unbedingt auch gleich mehrere Einzelfälle allein aus den letzten paar Monaten: Erst im März brannte das Auto eines bayerischen AfD-Mitglieds. Die Partei sprach sofort von einem „feigen Anschlag“.

Bei Polizeiermittlungen kam heraus: Der AfD-Mann hatte sein Auto selbst angezündet und dann „Linke“ beschuldigt. Er hatte sogar einen Drohbrief gegen sich selbst verfasst, wie er schließlich der Polizei gegenüber einräumte. Sein Landeschef Stephan Protschka erklärte das umgehend zu einem „Einzelfall“.

Derselbe Protschka hatte über Gegenproteste gegen den AfD-Parteitag in Gießen dreist gelogen, dass Linksradikale ein Polizeipferd getötet hätten. Dabei war die Reiterin nebst Tier ohne Fremdeinwirkung die Böschung heruntergefallen, wie die Polizei klarstellte. Und apropos Gießen: Über die Gegenproteste verbreitete sich die Meldung, dass der AfD-Abgeordnete Julian Schmidt zusammengeschlagen worden sei.

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Zur Wahrheit gehört: Der AfDler hatte selbst ausgeteilt, die Aggression soll sogar von seiner Gruppe ausgegangen sein, wie fünf Zeug*innen der taz berichteten – die selbst wiederum keine Anzeigen bei der Polizei stellten. Der Videobeweis zeigt bei der AfD am Ende häufig: klare Schwalbe.

Das Muster zieht sich durch: ob nun Parteigründer Bernd Lucke einen Schubser zum Messerangriff hochstilisiert, Alice Weidel auf Mallorca chillt, anstatt sich im Safe House zu verstecken, oder Tino Chrupalla über einen angeblichen Giftanschlag spekuliert. Und auch deswegen hält man es mit den Opfererzählungen der AfD am besten so wie mit den Lottozahlen nach der „Tagesschau“: Die Angaben sind ohne Gewähr.

  • informationsspiegel

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