Antifeminismus in Kommunen: „Ich bin Einzelkämpferin“

Die knallorangen Sitzbänke stehen mittlerweile an vielen Orten. Sie sollen ein Zeichen setzen – gegen Gewalt an Frauen, als Teil der UN-Kampagne „Orange the World“. Doch oft klappt das nicht lange. Stattdessen häufen sich Berichte über beschädigte Bänke. In Osnabrück wurde vor Kurzem eine beschmiert, in Wiesbaden ist sie ganz verschwunden, in Annweiler in Rheinland-Pfalz wurde aus „Kein Platz für Gewalt gegen Frauen“ durch Vandalierende „Ein Platz für Gewalt gegen Frauen“.

Gleichstellungsbeauftragte sehen darin ein treffendes Beispiel für das, was ihnen in den letzten Jahren immer häufiger begegnet: Attacken auf ihre Arbeit, auf Gleichstellung – und auch auf ihre Person. „Es geht von fehlender Unterstützung und Ressourcenbeschneidungen, dem Entzug von Mitwirkungsrechten, offenen Anfeindungen und Angriffen bis hin zu Vandalismus“, sagt Maja Loeffler, Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauenbüros und Gleichstellungsstellen (BAG).

Altbekannte Erzählmuster

Für diese Art von Anfeindungen gegen die Gleichstellung von Frauen und queeren Menschen gibt es einen Begriff: Antifeminimus. Darunter wird mehr als „nur“ Sexismus und Frauenhass verstanden. Antifeminismus gilt als organisierte politische Bewegung, deren Ak­teu­r:in­nen sexuelle Selbstbestimmung und Vielfalt grundlegend ablehnen. Dafür wird auf altbekannte antifeministische Erzählmuster zurückgegriffen: dem „Schutz der traditionellen Familie“ vor dem Feminismus etwa oder der Verurteilung von Schwangerschaftsabbrüchen.

Die rund 500 hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten, zu denen Loeffler gehört und die vergangenen Montag zu ihrem Bundeskongress nach Lübeck gekommen sind, kennen diese Erzählmuster. In den Kommunen und Behörden, in denen sie arbeiten, müssen sie immer häufiger dagegen ankämpfen.

Ihr Job ist es nämlich Artikel 3 des Grundgesetzes umzusetzen, insbesondere Absatz 2: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Während sie sich für Geschlechtergleichstellung in ihren kommunalen Gremien einsetzen, Frauen und queere Personen vernetzen oder Kampagnen zu Gewalt gegen Frauen entwickeln, beobachten sie auch aus erster Hand, wie antifeministische Tendenzen zunehmen.

Zehn Fälle pro Woche

558 antifeministische Vorfälle dokumentierte die Meldestelle Antifeminismus für das Jahr 2024, das sind 10 Fälle pro Woche. Eine im April 2026 veröffentlichte Befragung von 350 Gleichstellungsbeauftragten liefert darüber hinaus alarmierende Zahlen aus deren Alltag. Rund 63 Prozent der Befragten geben an, antifeministisch motivierte Angriffe auf ihre Tätigkeit erlebt zu haben, 40 Prozent sogar mehrere Angriffe in den letzten zwei Jahren. Dazu gehören direkte verbale Attacken, Sabotage, Diffamierung, digitale Gewalt und für 5 Prozent der Befragten sogar Drohszenarien bis hin zu Morddrohungen.

„Wenn ich mich für ein Thema einsetze, dann stehen die Rechten auf meinem Hof. Das ist nicht mehr nur irgendwie so eine theoretische Bedrohung, sondern die ist für mich praktisch“, erzählt beispielsweise eine Gleichstellungsbeauftragte aus Baden-Württemberg in der Befragung. Und schiebt nach: „Wie viele Kol­le­g*in­nen wollen das eigentlich noch machen, wenn das eigene Leben bedroht ist?“

Was helfen kann: Gegenstrategien entwickeln. „Kurs halten in antifeministischen Gewässern“, war deshalb zentrales Motto des Bundeskongresses der BAG. Insbesondere in Zeiten, in denen Gleichstellungsarbeit akut von Haushaltskürzungen in den Kommunen bedroht ist.

„Die aktuellen Angriffe auf Gleichstellung zeigen nicht ihre Schwäche, sondern ihre gesellschaftliche Bedeutung“, ermutigte Judith Rahner, Geschäftsführerin des Deutschen Frauenrates, die Delegierten am Montagvormittag. Gleichzeitig warnte sie aber vor der großen Anschlussfähigkeit des Antifeminismus in der demokratischen Mitte: „Das ist wirklich ein Problem, um das wir uns kümmern müssen.“

Besser zusammen

Konkrete Antworten suchen die 70 Gleichstellungsbeauftragten, die dann am Nachmittag in Seminarraum 5 der Kongresshalle drängen. Von draußen tönt gelegentlich ein Schiffshorn hinein. Drinnen ist es eng, diejenigen, die keinen Stuhl ergattert haben, lehnen an der Wand oder sitzen auf dem Boden. Vorne stehen die BAG-Sprecherinnen Maja Loeffler und Marie-Luise Löffler und stellen ihre Handreichung vor, in der sie Strategien gegen Antifeminismus zusammengetragen haben.

„Ich finde es total wichtig, dass man nicht als Einzige im Gemeinderat dagegen argumentiert, sondern dass es andere politische Stimmen gibt, die sich auch äußern“, sagt eine Beauftragte. Die anderen nicken zustimmend. Die Stimmung ist ermutigend, konstruktiv, mehrere Leute machen sich Notizen. Wichtig sei, sich mit anderen auszutauschen und zu vernetzen. Das Stichwort „Banden bilden“ fällt immer wieder. Gleichzeitig gelte es, die eigenen Themen zu kennen. „Sattelfest müsse man sein“, „sachlich und fachlich“. Doch das geht nicht immer.

„Ich bin eine Einzelkämpferin“, sagt eine Gleichstellungsbeauftragte aus Niedersachsen, hebt dabei fast entschuldigend die Arme. Wegen der Kommunalwahlen im Herbst sei dort derzeit besonders viel los, 50 Anfragen bekäme sie manchmal von einer Fraktion. „Das sind diese subtilen Angriffe, weil gar keine Zeit bleibt, so viele Anfragen zu beantworten oder sich vernünftig vorzubereiten“, sagt sie. Rund zwei Drittel der Beauftragten arbeiten allein in ihren Verwaltungen.

Fürsorge durch Vernetzung

Gegen strategische Zermürbungstaktiken sei der Rückhalt aus der eigenen Verwaltung wichtig, meint Löffler. Sie selbst arbeitet bei der Gleichstellungsstelle der Stadt Stuttgart und hat zu Intersektionalität promoviert. Eine Dezernentin, die auf derselben Seite stehe, könne schon viel verändern. Wenn es den Rückhalt aber nicht gibt? Dann sei es wichtig, sagt Löffler, „auf eine gute Selbstfürsorge zu achten und frühzeitig auch klare Grenzen zu setzen, um in der Arbeit als Gleichstellungsbeauftragte weitermachen zu können.“

=”” span=””>

taz schneller googeln

Sie wollen beim Googlen taz-Texte besser finden? Dann können Sie mit einem Google-Konto die neue Funktion „bevorzugte Quellen“ nutzen. Um die taz hinzuzufügen, müssen Sie nur diesen Link anklicken und einen Haken setzen.

Ach, sie wollen Google lieber meiden? Dann nutzen sie doch duckduckgo oder ecosia.

=”” div=””>

Fürsorge sehen die Gleichstellungsbeauftragten auch in der Vernetzung in Lübeck. „Wir arbeiten viel allein. Es ist gut zu sehen, wie viele wir eigentlich sind“, sagt eine Gleichstellungsbeauftragte aus NRW während der Abschlusskundgebung. Dort geht es um die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen und um Unterstützung von Alleinerziehenden. Auch ein nationaler Aktionsplan gegen Antifeminismus wird gefordert.

Mit viel politischer Rückendeckung können die Gleichstellungsbeauftragten dabei jedoch nicht rechnen. Bundesfrauenministerin Karin Prien (CDU), die den Kongress eröffnen sollte, hatte ihre Teilnahme abgesagt. Gleichzeitig könnten durch die von Prien geplante Neuausrichtung des Bundesprogramms „Demokratie leben“ viele Gleichstellungsprojekte ihre Förderung verlieren. Unter anderem: die erst 2023 gestartete Meldestelle Antifeminismus.

  • informationsspiegel

    Related Posts

    Geschichte der Digitalisierung: Diese 3 Mathekonzepte stecken in jedem Handy
    • May 23, 2026

    Binärsystem, Primzahlen, Graphentheorie: Was vor Jahrhunderten als Tüftelei begann, ist aus moderner Technik nicht mehr wegzudenken. mehr…

    Weiterlesen
    Kakerlaken-Partei in Indien: Die Stimme der Faulen und Arbeitslosen
    • May 23, 2026

    Nachdem der Oberste Richter Indiens arbeitslose junge Menschen mit „Kakerlaken“ verglich, gründete sich im Netz eine Gegenbewegung. Wie Memes politisieren. mehr…

    Weiterlesen

    Nicht verpassen

    Geschichte der Digitalisierung: Diese 3 Mathekonzepte stecken in jedem Handy

    • 2 views
    Geschichte der Digitalisierung: Diese 3 Mathekonzepte stecken in jedem Handy

    Kakerlaken-Partei in Indien: Die Stimme der Faulen und Arbeitslosen

    • 2 views
    Kakerlaken-Partei in Indien: Die Stimme der Faulen und Arbeitslosen

    Bundestag debattiert über Arbeitszeit: Achtstundentag noch nicht ganz abgeschrieben

    • 3 views
    Bundestag debattiert über Arbeitszeit: Achtstundentag noch nicht ganz abgeschrieben

    Reaktionen auf deutschen Pelicot-Fall: Verliebt, vergewaltigt, verjährt

    • 3 views
    Reaktionen auf deutschen Pelicot-Fall: Verliebt, vergewaltigt, verjährt

    Antifeminismus in Kommunen: „Ich bin Einzelkämpferin“

    • 3 views
    Antifeminismus in Kommunen: „Ich bin Einzelkämpferin“

    AfD im Visier?: Und wir denken an Walter Lübcke

    • 2 views
    AfD im Visier?: Und wir denken an Walter Lübcke