Al-Scharaa trifft Erdogan: Koalition pragmatischer Islamisten

I m Türkischen gibt es die Bezeichnung Abi, großer Bruder, als freundliche Beschreibung einer hierarchischen Beziehung. Als der selbsternannte syrische Übergangspräsident Ahmed al-Scharaa am Dienstagabend im Präsidentenpalast in Ankara gemeinsam mit Recep Tayyip Erdoğan die Bühne betrat, konnte jeder sehen, wer hier der Abi war. Als Erdoğanüber die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Beratungen sprach, hörte Scharaa respektvoll zu und nickte vor sich hin.

Als er dann selbst zu Wort kam, meinte er, zwischen ihm und Erdoğan gebe es eine fast hundertprozentige Übereinstimmung. Erdoğan erwartet von Scharaa einen gemeinsamen Kampf gegen den „Terrorismus“ in Syrien. Gemeint sind die PKK, andere bewaffnete Kurden und am Rande auch die Überreste des Islamischen Staates. Al-Scharaa sieht das auch so. Die PKK muss aus Syrien verschwinden, die kurdischen Milizen sollen ihre Waffen abgeben und die Lager, in denen IS-Häftlinge festgehalten werden, könne man gemeinsam bewachen.

Dafür ist die Türkei bereit, die neue syrische Regierung in allen Sicherheitsbelangen zu unterstützen, mit Beratern, militärischem Gerät, eventuell auch mit Truppen. Außerdem möchte Erdoğan in Syrien bauen. Häuser, Krankenhäuser, Infrastruktur. Dafür kommt nun Europa ins Spiel. Erdoğan möchte, dass die westlichen Sanktionen komplett aufgehoben werden, damit die türkische Bautätigkeit auch bezahlt werden kann. Es ist al-Scharaas zweite Auslandsreise, die erste führte ihn zu den Saudis.

Neben Katar sind die Saudis die einzigen, die Geld geben – ohne lästige Konditionen. Denn man versteht sich. Die Saudis, Kataris, Erdoğans Türkei und al-Scharaas neues Syrien, das ist eine Koalition aus pragmatischen Islamisten, die Erdoğans langgehegten Traum einer wirklich einflussreichen Türkei einen großen Schritt näher rücken lassen.

Schaut man sich an, welche Gespräche derzeit noch geführt werden, könnte sich bald auch der Irak, Ägypten und sogar Jordanien dieser Koalition der pragmatischen Islamisten anschließen. Die Kurden müssen dagegen auf Trump hoffen und könnten deshalb bald alleine dastehen.

  • informationsspiegel

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