
Die Huren sind seit 150 Jahren da, die Zugezogenen höchstens seit 15. Wer muss den Kiez räumen? Natürlich die Sexarbeiter*innen. Nach fast 40 Jahren verliert die Kurfürstenstraße mit dem Frauentreff Olga voraussichtlich eine der wichtigsten niedrigschwelligen Anlauf- und Beratungsstellen für drogenkonsumierende Frauen, Trans*frauen und Sexarbeiter*innen. Der Mietvertrag der Einrichtung läuft im Juli 2027 aus.
„Wenn der Frauentreff Olga wegfällt, ist niemand mehr da, der diese Menschen auffängt“, sagt Caspar Tate. „Dann werden Probleme, die man frühzeitig hätte bearbeiten können, eskalieren. Und für die Nachbarschaft werden die Konflikte präsenter.“ Tate ist Sexarbeiter und seit 2019 tätig bei Trans*sexworks, einer selbstorganisierten Beratungsstelle für Transfrauen. Er ist überzeugt: „Wenn Olga weg ist, werden einige Frauen auf der Straße sterben.“
Seit 1987 versorgt der Frauentreff Olga Sexarbeiter*innen, vor allem aus der Armutsprostitution, mit Kondomen, warmen Mahlzeiten, Kleidung und Konsumutensilien für den Drogengebrauch. Die Einrichtung stellt Duschen und Ruhemöglichkeiten, es gibt medizinische Unterstützung, Zugang zu Suchthilfe- und Ausstiegsangeboten. Mit dem Angebot werden täglich rund 80 Menschen erreicht. Darüber hinaus bieten Sozialarbeiter*innen Sprechstunden für Anwohner*innen an.
„Das große Ziel, ist im Kiez zu bleiben“, sagt Arthur Coffin vom Drogennotdienst, dem Träger von Olga. Klient*innen hätten sich in einem Brief direkt an den Vermieter gewandt und ihre Ängste geschildert, doch es habe kein Interesse an einem Gespräch gegeben. Eine Petition, die den Erhalt der Einrichtung fordert, zählt inzwischen über 2.500 Unterschriften. Der Titel lautet „Schutzräume statt Luxus-Café“, denn der Frauentreff soll einem Café weichen. Die Vermieterin sprach in dem Zusammenhang in einem Beitrag im RBB von einer „positiven Gentrifizierung“.
Anwohner*innen demonstrieren gegen Sexarbeiter*innen
Wie positiv die Verdrängung ist, ist umstritten. Fakt ist: In den vergangenen Jahren wurden Neubauten mit teuren Eigentumswohnungen hochgezogen, Traditionsorte wie das LSD-Kino und die Woolworth stehen vor dem Abriss, während Sternerestaurants und Designerlabels einziehen. Die Sexarbeiter*innen sind den Zugezogenen ein Dorn im Auge. Eine Sozialarbeiterin von Olga berichtet, dass diese in der Vergangenheit von Anwohner*innen mit Wassereimern überschüttet und mit Pizzen beworfen worden seien. Für den 25. Juni haben Anwohner*innen eine Demonstration auf dem Kirchplatz der Zwölf-Apostel-Gemeinde angemeldet unter dem Motto „Unser Kiez, unser Zuhause“. Sie fordern ein härteres Vorgehen gegen Drogenkriminalität sowie ein Sperrgebiet für Straßenprostitution in der Nähe von Kitas, Schulen und Seniorenheimen.
Für Arthur Coffin steht fest: „Es ist eindeutig ein Verdrängungskampf.“ Käufer*innen von Eigentumswohnungen seien luxuriöse Immobilien versprochen worden, ohne über den Kiez aufgeklärt worden zu sein. Manche von ihnen würden sich verhalten, als seien sie schon immer dort gewesen, kritisiert er. Ein Zugezogener sagte etwa dem RBB empört: „Das Olga hier direkt neben dem Wohngebiet anzusiedeln und zu dulden, das ist eine Farce.“
Caspar Tate von Trans*sexworks dreht den Spieß um: „Dieser Straßenstrich existiert seit 1885. Warum hat man ein Jugendzentrum und eine Kita an einen aktiven Straßenstrich gebaut? Warum sollen die Frauen, die hier über Generationen hinweg gearbeitet haben, ihren Arbeitsplatz verlieren?“ Er vermutet hinter den Demoanmelder*innen Zugezogene. Alteingesessene hätten eine höhere Akzeptanz gegenüber Sexarbeiter*innen. Auch wenn sie zunehmend frustriert seien, bestehe Einigkeit darin, dass die Ursachen von Armut und sozialen Problemen strukturell gelöst werden müssten.
Sebastian Walter, stellvertretender Fraktionsvorsitzender der Grünen im Abgeordnetenhaus, teilt diese Einschätzung. „Es kommt zu mehr Verwahrlosung im Kiez, es halten sich mehr Menschen mit multiplen Problemen wie Drogen, Obdach- und Wohnungslosigkeit auf“, so der queerpolitische Sprecher. Ursache seien auch Verdrängungseffekte: Wenn anderswo geräumt werde, etwa am Zoo, oder der Görlitzer Park geschlossen wird, verschiebe sich das Geschehen dorthin. „Es braucht eine gesamtstädtische Strategie.“
CDU fordert Sperrbezirk
Die Berliner CDU fordert derweil ein stadtweites Verbot von Straßenprostitution. Im Wahlprogramm heißt es, sie werde zuerst im Kurfürstenkiez und rund um den Nollendorfplatz verboten. CDU-Fraktionschef Dirk Stettner sagte der B.Z.: „Die Frauen werden unter unfassbaren hygienischen Bedingungen ausgebeutet, Kinder und Jugendliche direkt mit gekauftem Sex, Drogen, Gewalt konfrontiert.“ Sein Fazit: „Wir müssen Straßenstriche in ganz Berlin verbieten.“
Caspar Tate, der Peer-to-Peer Beratung auf der Straße macht, widerspricht dieser Darstellung. Außerdem sei ein Sperrbezirk keine nachhaltige Lösung, so der Sexarbeiter: „Das Problem wird dadurch nur verlagert.“ Erste Sexarbeiter*innen seien bereits auf den Leopoldplatz ausgewichen. Das Problem ist, dort erreichen Hilfsangebote Sexarbeiter*innen nur schwerer. Ähnliche Kritik kommt von Linken, Grünen und SPD. Sie fordern starke Hilfsangebote und echte Ausstiegsperspektiven. Tate ergänzt: „Es braucht bessere Gesundheitsversorgung, einen wirksamen Schutz vor Gewalt, Ausbau von Streetwork und Notübernachtungen, die rund um die Uhr offen haben und auch Trans*menschen reinlassen.“
Doch selbst Versuche, eigene Strukturen zu schaffen, scheiterten. Trans*sexworks plante an der Froben- Ecke Bülowstraße das Nachtcafé Julia samt Beratungsstelle, Küche, Duschen und Schlafplätzen. Obwohl die Finanzierung durch Stadt und Bezirk gesichert war, zog die Gewobag den Mietvertrag im letzten Moment zurück. Stattdessen solle ein Zahnlabor einziehen, das sei für den „Grundbedarf im Kiez besser geeignet“. Inzwischen ist ein Friseur in den Räumen. Tate kann die Entscheidung nicht nachvollziehen: „Die Nachbarn haben das massiv unterstützt. Es wäre eine Entlastung für den Kiez gewesen.“
Die CDU will am Mittwoch in der Bezirksverordnetenversammlung die Einrichtung eines Sperrbezirks fordern, inklusive der Einstufung des Kiezes als kriminalitätsbelasteten Ort (KbO), was anlasslose Kontrollen ermöglichen würde. „Geht es der CDU noch um eine Lösung für den Kiez oder darum, Wahlkampf zu machen?“, fragt Grünen-Politiker Sebastian Walter. Für ihn steht fest: „Der Kiez ist herausfordernd und es muss mehr passieren, aber die Forderung eines Sperrbezirks löst keine Probleme, sondern führt nur zur Verdrängung und Illegalisierung.“






