Alte Meister aus Kyjiw in Aschaffenburg: Eine Schatzkammer mit Madonna und Trappistenmönch

Nach über vier Jahren Krieg ist es in Russland immer noch verboten, den Einmarsch in die Ukraine als Krieg zu bezeichnen. Auch Begriffe wie „Invasion“ oder „Angriff“ führen in Russland zu strafrechtlicher Verfolgung und bis zu 15 Jahren Haft. „Spezialoperation“ lautet der zynische Begriff für das Geschehen, das von russischer Seite wohl vor allem eines im Sinn hat: die Auslöschung der Identität der Ukraine und ihrer nach Europa gerichteten Kultur.

Beim Presserundgang durch die Ausstellung „A European Collection“ im Aschaffenburger Christian Schad Museum lässt Yuliya Vaganova, Direktorin des Khanenko Museums in Kyjiw, in ihrer Einführung keinen Zweifel an diesem Verdacht: „Es geht nicht um Territorien oder Ressourcen. Es geht darum, die Identität des ukrainischen Volkes und die Eigenständigkeit unserer Kultur zu leugnen und aus dem historischen Gedächtnis auszulöschen.“ Und dann liefert sie dazu die Statistik: 1.723 Objekte des kulturellen Erbes der Ukraine wurden angegriffen, 2.524 Kultureinrichtungen beschädigt, davon 20 Prozent vollständig zerstört, mehr als 130 Museen wurden schwer beschädigt, 90 Museen beschlagnahmt.

Dass in Russland Kunst als Waffe begriffen wird, unterstreicht eine unmissverständliche Äußerung von Michail Piotrowski, dem Museumsdirektor der St. Petersburger Eremitage, der russische Ausstellungen im Ausland als eine „Art der Spezialoperation“ bezeichnet. Das Khanenko-Museum in Kyjiw wurde am 10. Oktober 2022 angegriffen und schwer beschädigt. Die kostbare Sammlung war da aber bereits längst in Sicherheit gebracht worden. Die hatte das Ehepaar Bohdan und Varvara Khanenko im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zusammengetragen und 1917 der Stadt Kyjiw mit der Auflage geschenkt, ein öffentliches Museum zu gründen, das 1919 eröffnet wurde.

Auf einem Moskauer Dachboden entdeckt

Das Sammlerpaar wollte ein „Museum der Weltkunst“ schaffen und trug insgesamt rund 25.000 Objekte antiker, asiatischer und europäischer Kultur zusammen, die sie auf Auktionen in Mitteleuropa erwarben, oder – wie im Falle von Zurbaráns „Stillleben mit Schokoladenservice“ – auch mal auf dem Dachboden eines Moskauer Kaufmanns entdeckten.

In den vergangenen zwei Jahren wurden herausragende Gemälde der Sammlung bereits in Den Haag und Warschau gezeigt, in Aschaffenburg kommt nun der Bestand an bedeutender europäischer Kunst des Khanenko-Museums in seiner Gesamtheit zusammen, wofür es weiterer, gefährlicher Kunst-Transporte aus der Ukraine bedurfte. „Wir hatten bis Ende Januar strenge Geheimhaltung über dieses Projekt“, berichtet Thomas Schauerte, Direktor der Museen der Stadt Aschaffenburg und Kurator der Ausstellung.

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Die Ausstellung

„A European Collection. Meisterwerke aus dem Khanenko Museum in Kyjiw“. Christian Schad Museum Aschaffenburg, bis 10. Februar 2027

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Und der Vorlauf des Projekts war denkbar knapp, denn der Anruf mit der Anfrage, die polnischen und niederländischen Tranchen mit den restlichen Beständen in einem deutschen Museum zusammenzuführen, kam erst im Juni 2025. „Man würde es sportlich nennen können“, sagt Schauerte, der sich für eine schlichte Präsentation ohne kuratorische Klimmzüge entschieden hat und die Objekte in zwei Sälen jeweils chronologisch präsentiert. „Ich bin der Ansicht, dass das Einfachste oft auch das beste ist“, so Schauerte.

Die Ausstellung „A European Collection“ umfasst nun 73 Objekte, vor allem Gemälde, die wie in einer Schatzkammer inszeniert und sparsam beleuchtet werden: Mattgelb sind die Wände für die Werke aus den Kunstschulen Italiens, leuchtendes Blau gibt der Kunst aus den Niederlanden, Flandern, Frankreich und Spanien Brillanz.

Streifzug durch die europäische Kunstgeschichte

Es ist ein Streifzug durch die europäische Kunstgeschichte, der den Geschmack und den enormen Sachverstand des Sammlerehepaars belegt. Die 30 Objekte des Italien-Saals reichen von Malereien des frühen 15. bis ins späte 18. Jahrhundert, beginnend mit der kraftvoll-herben Tempera-Arbeit von Pisanello, die Lodovico III. Gonzaga im scharf gezeichneten Profilporträt zeigt.

Gelb für die italienische Schule: „Mariae Himmelfahrt“ (mittig) von Marco d’Oggiono (1470-1549) in „A European Collection“

Foto: Museen der Stadt Aschaffenburg, Jessica Eschenbach, (c) Khanenko Museum

Es folgen zahlreiche sakrale Werke, vor allem Andachtsbilder für den Hausgebrauch der Renaissance-Oberschicht. Darunter ein verblüffendes Madonnenbild in Öl von Giovanni Battista Cima da Conegliano aus dem späten 15. Jahrhundert, das Maria in leuchtend blauem Gewand zeigt, das schlafende Kind mit über der Brust gekreuzten Armen auf ein weißes Kissen bettend. Das wirkt wie eine Grablegung, Marias halb geschlossene Augen blicken am Kind vorbei ins Nichts.

Alessandro Magnascos „Beisetzung eines Trappisten-Mönchs“ von etwa 1725 verblüfft mit impressionistisch vibrierender Malweise, dramatischem Gestus und seltsam in die Länge gezogenen Figuren, die an El Greco erinnern.

Die perfekte Kopie Rembrandts

Im Saal der Niederländer sind neben Originalen von Rubens und Jacob Jordaens erstklassige Werkstatt-Bilder zu sehen, wie etwa eine „Rückkehr von der Kirchweih“ aus der Werkstatt Pieter Brueghels II., die perfekte Kopie von Rembrandts „Mann mit Turban“ und – als optischer und dramaturgischer Höhepunkt – das große Triptychon „Die Versuchung des heiligen Antonius“ aus der Werkstatt von Hieronymus Bosch.

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