
Red Flags beim ersten Date: 1. Wenn er keine einzige Frage stellt. 2. Wenn er nicht „Gesundheit“ sagt, wenn man niest – oder, noch schlimmer: einen belehrt, dass man sich als niesende Person entschuldigen muss. 3. Wenn er über keinen Witz lacht und selbst nur mittelmäßige Witze reißt.
Wenn diese drei No-Gos beim ersten Date nicht eintreten, sollte man ganz okay aufgestellt sein, meint Anna Dushime – und sie weiß, wovon sie spricht. Die Moderatorin und Journalistin hat ein Buch über ihre Dating-Erfahrungen geschrieben: „1000 letzte Dates: Wie ich die Liebe suchte und etwas Besseres fand“, nennt sich ihr autobiografischer Datingratgeber, für den sie über ein Jahr lang Männer gedatet hat.
„Ich date nicht mehr mit dem Ziel, den Mann fürs Leben zu finden“, sagt Dushime. „Dating ist für mich ausschließlich Spaß. Wenn man aus Versehen die Person fürs Leben kennenlernt: super!“
Nach 12-jähriger Datingpause wagt die 37-Jährige als getrennterziehende Mutter ihre „Rückkehr auf den Markt“: Tinder, Hinge, Bumble und Co. Sie erzählt von Dates mit Fuckboys, Rassisten und Pick-up-Artists; auf McDonald’s-Parkplätzen, im Eiscafé San Marco in Neukirchen-Vluyn, im Bordbistro der Deutsche Bahn und in Eckkneipen von Berlin bis Kigali.
Man lernt, was „orbiten“ ist (nach einem Kontaktabbruch weiterhin besessen die Social-Media-Aktivitäten einer Person verfolgen), „breadcrumbing“ (jemandem durch gelegentliche Nachrichten Hoffnungen machen, ohne echtes Interesse an einer Beziehung zu haben) sowie, warum Szeneläden die schlimmsten Date-Orte sind (teuer, zu voll, die Bedienung extrem unfreundlich und die Gäste prätentiös).
Flucht vor dem Genozid in Ruanda
Anna Dushime wurde Ende der 1980er Jahre in Ruanda geboren. Wegen des Genozids floh sie mit ihrer Familie 1994 zunächst nach Uganda, zog dann nach England, 1999 schließlich in eine Kleinstadt am Niederrhein.
„Ich habe mich zunächst nicht wohlgefühlt“, erzählt sie. „Wir waren lange Zeit die einzige Schwarze Familie in Neukirchen-Vluyn.“ Nicht so auszusehen wie die Mehrheitsgesellschaft habe vor allem im Teenageralter stark an ihrem Selbstwertgefühl gezehrt. Schon früh erlebte sie als Schwarze Person Fetischisierung. Sie berichtet von Dates mit Männern, die stolz betonen, dass alle ihre bisherigen Freundinnen Schwarz gewesen seien, dass sie mal Cornrows (eine traditionelle afrikanische Flechtfrisur) oder eine Reggae-Phase gehabt hätten.
Ihr Umgang damit: Humor. Das Buch ist voller „empirisch fundierter und wissenschaftlich geprüfter Aufzählungen“, etwa der Checkliste „Ist seine Familie rassistisch?“: Trägt der Vater nur Camp-David-Shirts? Haben dir seine Eltern Komplimente zu deinem Deutsch gemacht, obwohl du auch aus Aachen kommst? Benutzt der Vater häufig Begriffe wie „Kulturkreis“, „Paschas“ oder Integration?
Humor als Coping-Mechanismus
„Humor ist für mich eine Bewältigungsstrategie, um mit Schmerz umzugehen“, sagt Dushime. Sie habe früh von ihrer Mutter gelernt, dass Tragik und Komik sehr nah beieinander liegen. Im Sammelband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ schreibt sie: „Meine ersten Lebensjahre waren von Krieg, Verlust und Trauer geprägt. Wir waren traurig, wütend und verzweifelt, hatten unseren Vater, Großeltern, Freund*innen, Nachbar*innen verloren und waren sicher, dass wir es am Ende auch nicht überleben würden, aber wir lachten.“
Heute lache sie oft über den Rassismus, den sie erlebt. „Für mich ist es selbstermächtigend, so die Kontrolle, die mir jemand genommen hat, zurückzuerlangen.“ Früher sei sie jedoch eine „Pick-me-Ausländerin“ gewesen und habe über rassistische Witze gelacht, um gemocht zu werden. „Dieser unterschwellige Rassismus, gepaart mit dem offenen Rassismus, wie N-Wort-Rufen auf der Straße, hat mich lange glauben lassen, dass kein Mann mich wollen würde“, erzählt Dushime. Der Umzug nach Berlin in ihren Zwanzigern sei befreiend gewesen. In Großstädten herrsche eine größere Offenheit – auch für alternative Lebensmodelle.
Der Druck ist groß, in einer Beziehung eine Person zu finden, die alle Bedürfnisse erfüllt
Heute kann sich Dushime nur noch solche Modelle vorstellen: „Ich glaube, dass die heteronormative Zweierbeziehung zum Scheitern verurteilt ist“, sagt sie. Der gesellschaftliche Druck, in einer Beziehung eine Person zu finden, die alle Bedürfnisse erfüllen soll, nehme uns jede Bewegungsfreiheit. Das Modell werde uns als das Ultimative verkauft. Dushime glaubt: „Eine größere Mogelpackung gibt es gar nicht.“
Sie sehe nicht, wie eine heterosexuelle Beziehung auf Augenhöhe funktionieren könne, ohne dass man als Frau beruflich oder persönlich zurückstecken muss („meist für die mittelmäßige Karriere des Mannes“). Hetero-Beziehungen mit Kindern wirkten auf sie durchweg anstrengend und würden vor allem durch eins zusammengehalten: die unsichtbare Arbeit von Frauen. „Etwas Schlimmeres kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen“, sagt sie und lacht. „Was sind die Vorteile? Altersarmut. Nö, danke!“ Angesichts dieser Bilanz grenze es an ein Wunder, dass Frauen überhaupt noch Kinder bekämen.
Freundschaften über Liebschaften
Dushime schreibt über Dating als Mutter im Patriarchat und über die Ungleichheiten, die dabei sichtbar werden. Bei einem Date erzählt ihr ein Mann ganz nonchalant, dass er bald Vater werde; von der Mutter des Kindes jedoch getrennt und schon wieder auf dem Markt sei. „Das hat mich radikalisiert“, sagt Dushime lachend.
„Ich habe nach der Schwangerschaft Jahre gebraucht, um meinen Körper und mich selbst wiederzufinden und er geht schon wieder selbstverständlich auf Dates – noch bevor sie überhaupt das Kind zur Welt gebracht hat!“ Bis heute date sie nur, wenn ihr Kind beim Vater ist, erzählt Dushime. „Ich kann es nicht mit mir vereinbaren, eine Babysitterin zu bezahlen, um zu daten – aber für abendliche Moderationsjobs mache ich das ab und an.“
Ihre Datingerfahrungen hätten ihr noch einmal die Bedeutung von Frauenfreundschaften vor Augen geführt. „Freundschaften nehmen in meinem Leben am meisten Platz ein. Ich priorisiere sie, und sie priorisieren mich.“ Dass es jenseits der klassischen Kernfamilie alternative Familienmodelle gibt, wurde ihr früh vorgelebt: Nachdem während des Genozids viele Männer in ihrer Familie – darunter ihr Vater – von Hutu-Milizen umgebracht worden waren, bestand Dushimes Familie vor allem aus verwitweten Frauen. „Ich bin mit einer sehr starken Mutter und vielen starken Tanten aufgewachsen, die immer füreinander da waren“, erzählt sie. „Das fühlt sich für mich vollkommen an.“
Ihr wurde vorgelebt, dass es jenseits der klassischen Kernfamilie alternative Modelle gibt
Der Vorteil der Entromantisierung: weniger Druck. „Bis ich Mitte 20 war, wollte ich einen klugen, sanften, humorvollen, gutaussehenden, stylishen, finanziell unabhängigen, großzügigen, mehrere Sprachen sprechenden Mann, der natürlich aus Rwanda stammt und mit mir politisch auf einer Wellenlänge ist“, schreibt Dushime. Mit Mitte 30 sei sie kompromissbereiter geworden, was ihren Traummann anging. „Mit 36 ist mir eigentlich nur noch wichtig, dass er wenigstens einen Führerschein und noch siebzig Prozent seiner Zähne hat.“
Genau das ist für sie das „Bessere“ als die Liebe, das sie auf ihrer Datingreise gefunden hat: sich selbst. „Mit 36 kann ich zum ersten Mal sagen: Das ist es, was ich will“: Freund*innen als Fundament, Dates aus Spaß.
Anna Dushime: „1000 letzte Dates“. Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 18 Euro.






