Altersbericht der Bundesregierung: Mythos „Babyboomer“

Von pauschalen Erleichterungen für alle Rent­ne­r:in­nen profitieren auch jene, die schon genug haben. Wichtiger sind zielgerichtete Maßnahmen gegen Altersarmut.

E igentlich hätte man es sich denken können: Das Gerede von den Babyboomer:innen, die von den Beiträgen der Jungen eine fette Rente genießen, ist mit Vorsicht zu genießen. Die Ungleichheit nicht zwischen den Generationen nimmt zu, sondern jene zwischen den Menschen innerhalb einer Generation wächst. Das ergibt auch der am Mittwoch vorgelegte neunte Altersbericht der Bundesregierung.

Die Armutsquote bei den Alten ist gestiegen, obwohl die durchschnittlichen Alterseinkommen zulegten. Aber was heißt schon „Durchschnitt“? Ein 69-jähriger emeritierter Hochschulprofessor in München mit Zweitfrau und aus wohlhabender Familie lebt in einer völlig anderen Situation als eine 69-jährige alleinstehende ehemalige Krankenpflegehelferin mit Migrationshintergrund, die jahrelange Schichtarbeit mit mäßiger Bezahlung, eine Scheidung, Kinderbetreuung, die Pflege der alten Mutter und eine durchbrochene Erwerbsbiografie hinter sich hat. Beides sind „Babyboomer“.

Für die aktuelle politische Debatte im Wahlkampf bedeutet dies, dass politische Wohltaten, die allen Alten versprochen werden, ersetzt werden sollten durch zielgenauere Vorhaben.

Wie die Union mit der „Aktivrente“ erhebliche Steuererleichterungen zu versprechen für alle Alten, die noch arbeiten, erzeugt Mitnahmeeffekte auch für Akademiker:innen, die neben einer hohen Rente noch gut und gerne einen Zusatzjob stemmen können.

Und grundsätzlich die Eigenanteile bei der Pflege zu deckeln, wie es die SPD verspricht, würde auch sehr Wohlhabende staatlich subventionieren, die Pflegekosten aus eigenem Einkommen und Vermögen bezahlen könnten. Hier müsste es Differenzierungen geben. Die Ungleichheit unter den Alten wäre auch mit ein Grund, Vermögensbesteuerungen ernsthaft politisch zu verfolgen, denn „das letzte Hemd hat keine Taschen“, wie ein bekannter Spruch lautet.

Daher, auch wenn das Zielgruppen-Marketing der Parteien damit komplexer wird: Schluss mit den Generationenklischees – für einen an der Lebenswirklichkeit orientierten Wahlkampf.

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