Antiker Philosoph über Merz: „Es ist die Sache des Unwissenden, andere anzuklagen“

t az: Herr Epiktet, Bundeskanzler Friedrich Merz zitierte Sie neulich in einem Interview mit dem Spiegel „Nicht die Taten bewegen Menschen, sondern die Worte über die Taten.“ Kam das für Sie überraschend?

Epiktet: In der Tat. Mein Verhältnis zum Spiegel war jahrzehntelang durch mein Motto „Leide und meide!“ geprägt. Das Magazin hatte mich vor 40 Jahren um meine Urheberschaft gebracht. Damals zitierte dort der Heiner Geißler von der CDU meinen Satz, nannte als Autor aber meinen Kollegen Aristoteles. Generationen deutscher Politiker haben fortan den Satz zitiert und entweder Aristoteles oder Heiner Geißler als Urheber genannt.

taz: Meinen Sie, Bundeskanzler Friedrich Merz wollte das wiedergutmachen?

Epiktet: Es steht mir nicht zu, die Beweggründe des Kanzlers zu beurteilen. Aber wie ich damals schon sagte: „Ruin und Wiederaufbau liegen nah beieinander.“

taz: Ihr Satz aus dem „Handbüchlein der stoischen Moral“ wurde auch schon Caesar, Thukydides und Heraklit zugeschrieben.

Epiktet: Ja, hehe. Dieses Schicksal wird Friedrich Merz wohl erspart bleiben. Dessen Sätze sind so unverwechselbar, die kann man so leicht keinem anderen unterschieben. Gestatten Sie mir, mich dazu noch einmal selbst zu zitieren: „Je seltener das Angenehme, desto größer die Lust.“

taz: Die Antwort des Bundeskanzlers, für die er sich Ihren Satz auslieh, ist recht erratisch. Die vorhergehende Frage an Merz lautete, warum er andere nicht von seiner Position überzeugen kann.

Epiktet: Er wollte uns wohl mitteilen, dass er sehr viel tut, was aber niemand zur Kenntnis nimmt beziehungsweise alle schlecht reden.

taz: Hat er Ihren Satz falsch verstanden?

Epiktet: Nun, ich sprach ja damals auf Griechisch, da kann man Übersetzungsfehler heute schon mal verzeihen. Im Interview des Kanzlers handelt es sich aber nicht um einen Übersetzungsfehler. Vielmehr ist offenkundig, dass der Bundeskanzler meine Sätze nie gelesen hat.

taz: Was macht Sie da so sicher?

Epiktet: Sehen Sie, im gleichen Interview behauptet er, dass kein Bundeskanzler vor ihm so angefeindet, angegriffen und herabgewürdigt wurde wie er selbst.

taz: Sie meinen, das stimmt nicht?

Epiktet: Das zu beurteilen steht mir nicht zu. Aber hätte der Kanzler auch nur einen Satz weitergelesen, dann hätte er folgendes Urteil erfahren: „Wenn wir auf Hindernisse stoßen, oder beunruhigt, oder bekümmert sind, so wollen wir niemals einen andern anklagen, sondern uns selbst.“

taz: Und Sie gehen noch weiter.

Epiktet: Ja, ich sagte damals, es sei die Sache des Unwissenden, andere wegen seines Missgeschicks anzuklagen, und die Sache des Anfängers, sich selbst anzuklagen. Die Sache des Weisen hingegen sei es, weder den einen noch sich selbst anzuklagen.

taz: Friedrich Merz, ein Anfänger und Ahnungsloser?

Epiktet: Das ist nicht meine Wortwahl.

taz: Was wäre die Sache des Kanzlers?

Epiktet: Vielleicht mal weniger „in der Sache richtig“ sagen und Sachen richtig machen.

taz: Wenn der Kanzler Sie um Rat fragen würde, was er konkret machen solle, was würden Sie ihm empfehlen?

Epiktet: Ich habe dem Kanzler keine Ratschläge zu erteilen. Schon gar nicht öffentlich. Nur so viel aus meinem für alle zugänglichen Œuvre: „Der Mensch hat zwei Ohren und eine Zunge, damit er doppelt so viel hören kann, wie er spricht.“

taz: Sie gelten als Erfinder der inneren Gelassenheit. Fehlt es Friedrich Merz an innerer Spannung?

Epiktet: Nur so viel: „Sei nicht feiger als die Kinder! Wenn es dir angezeigt erscheint, sage: ‚Ich spiele nicht mehr mit‘.“

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