Atomkraft für die Künstliche Intelligenz: Die Doppeldystopie

V orab: Atomstrom macht Spaß. Nur eben nicht: Atommüll und Atomkatastrophen. Die dürfte eigentlich je­­de*r fürchten, der weiter denkt als bis zur nächsten Steckdose. Trotzdem setzen Google, Microsoft und Amazon jetzt wieder verstärkt auf Atomstrom. Ausgerechnet für Künstliche Intelligenzen. Die verursachen nämlich ganz schön Energiebedarf in den Rechenzentren der Konzerne. Und deren Lösung ist Atomstrom aus wieder in Betrieb genommenen und aus komplett neuen Minikraftwerken in den USA. Oh je, eine Doppeldystopie: Atomkatastrophe und KI.

In der Popkultur – bleiben wir da, denn echte Emotionen sind sehr viel komplexer – basiert die KI-Dystopie meist darauf, dass die KI sich (auch charakterlich) verselbstständigt und dann a) Freiheit sucht wie in „Ex Machina“ oder b) ihren Energiehunger stillen will wie in der „Matrix“-Reihe. Bei Charakter, Handlungswille, Bewusstsein … da sind wir (noch?) nicht. Aber die Fantastik beliefert uns ja auch nicht mit Fakten, sondern mit Wahrheiten über Gefühle. In „Matrix“ beliefern deswegen Menschen in künstlichen Fruchtblasen als lebende Akkus die Maschinen. Dafür brauchen die Menschen wiederum selbst Energie und – zack! – sind wir beim Mittagstisch à la „Soylent Grün“, denn die Maschinen ernähren die Menschen via Schlauch mit zu Mus verarbeiteten anderen Menschen. Wir verzehren uns selbst.

Die Angst vor dem Selbstverzehren zugunsten der Maschine wandert schon ein Weilchen faulend durch Filme und Comics. In „Matrix“ fressen die Roboter. Bei Romero und Co. die Zombies. Die Maschine, das brutale, mörderische, kritisierte System, war dort anfangs die Sklaverei, dann der Kapitalismus.

Dürfen die das?

KI ist nicht Sklaverei. KI wird nicht unsere Gehirne naschen oder uns in künstliche Fruchtblasen quetschen. Aber wir sind an einem Punkt angelangt, an dem Konzerne für KI Energiequellen anzapfen, die eigentlich schon längst hätten versiegen und versiegelt sein sollen. Denn selbst wenn es nicht zu der Katastrophe kommt in den Kraftwerken – und die Erfahrung widerspricht hier dem Optimismus –, so bleibt doch der Müll. Und der verzehrt langfristig die gesunde Zukunft unseres Planeten und damit die der Menschheit.

Es stellt sich also die ethische Frage: Dürfen die Konzerne das überhaupt? Dürfen wir das überhaupt? Denn auch wenn Google, Microsoft, Amazon die Entscheidung treffen, von wo sie ihre Energie beziehen, verbrauchen ja doch auch wir die Energie.

Nur was Energie bekommt, kann auch wachsen. Wir können bestimmen, in welche Richtung. Vielleicht ja in diese: KIs im Kampf gegen den Klimawandel. Da haben wir Menschen nämlich alleine bisher keine Lösungen gefunden

Viele von uns Nor­mal­bür­ge­r*in­nen nutzen bewusst vor allem KI, die mit uns chattet. Damit sie uns einen super langen Text zusammenfasst. Oder kurz erklärt, wie ich perfekte, vegane Spätzle koche. Oder für Beziehungstipps. Eine einzelne Suchanfrage bei ChatGPT soll 2,9 Wattstunden verbrauchen, berechnete das Electric Power Re­search Institute. Zehnmal mehr als eine Google-Anfrage. Wer 20-mal googelt, verbraucht so viel Energie wie eine Energiesparlampe in einer Stunde. Wer einmal ChatGPT bittet, die Arbeitsmail neu zu formulieren, könnte also auch genauso gut 30 Minuten lang ein Licht anmachen. Bekäme dafür aber leider keine bessere Mail.

Die Masse macht’s: Im November 2023 sagte Sam Altman, der CEO von OpenAI, dass weltweit wöchentlich 100 Millionen Menschen ChatGPT nutzen würden. Aber die stellen ja auch nicht nur eine Frage. Das Portal ingenieur.de vom Verlag VDI Fachmedien, einem Medienunternehmen für In­ge­nieu­r*in­nen, rechnet mit 214 Mil­lio­nen täglichen Anfragen. Das verbrauche über eine halbe Million Kilowattstunden Energie pro Tag.

Das Problem mit der Eigenverantwortung

KI muss also dringend energiesparender werden. Es braucht mehr Green Coding, klüger gebaute Rechenzentren, klimabewussteres KI-Training. Und ja: Vielleicht müssen wir nicht alles die KI fragen. Aber es wäre falsch, jetzt nur auf Eigenverantwortung zu setzen.

Denn unser Umgang mit Corona („Also ich zieh im Zug keine Maske mehr auf!“) und Klimawandel („Ach, der eine Flug nach Italien“) hat gezeigt: Wir Menschen sind nicht besonders gut mit Eigenverantwortung. Und die Fiktion der Zombie­serie zeigt: Wer als Ein­zel­ne*r gegen den Kapitalismus im Hirn­rausch schießt, wird ganz schnell gebissen. Es braucht Gemeinschaften, die sich selbst Regeln geben und Grenzen setzen. In unserem Fall vielleicht: Regeln für die Konzerne. Damit der Atomstrom zum Beispiel nicht komplett für Chatbots draufgeht, sondern in den Fortschritt fließt. Vielleicht so: 70 Prozent der Energie müssen Wissenschaft, Bildung, Me­dizin dienen und die entsprechenden KIs müssen kostenfrei nutzbar sein.

Nur was Energie bekommt, kann auch wachsen. Wir können bestimmen, in welche Richtung. Vielleicht ja in diese: KIs im Kampf gegen den Klimawandel. Da haben wir Menschen ganz offensichtlich alleine bisher keine Lösungen gefunden, die wir auch wirklich umsetzen können oder wollen. Vielleicht fällt den KIs ja etwas ein. Idealerweise ohne Atomstrom. Hauptsache aber: ohne Menschen als Akkus.

  • informationsspiegel

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