Bedingungsloses Grundeinkommen: Keine soziale Hängematte und doch entspannend

Berlin taz | Diese Studie kommt aus einer anderen Zeit. Als das Pilotprojekt Grundeinkommen um 2020 angeschoben wurde, ging es der deutschen Wirtschaft gut, und die SPD plante eine großzügige Reform des Sozialstaates namens Bürgergeld. Nun jedoch herrscht Krise. Härte regiert, die Union will das Bürgergeld wieder abschaffen.

Die Ergebnisse des Pilotprojekts – an diesem Mittwoch präsentiert – eröffnen trotzdem Perspektiven auf ein liberales, modernes Sozialsystem. Seit 2021 erhielten 107 Personen drei Jahre lang monatlich 1.200 Euro zusätzlich zu ihren normalen Einkommen geschenkt, im Prinzip ohne Gegenleistung, finanziert aus Spenden.

Die Or­ga­ni­sa­to­r:in­nen wollten herausfinden, was die Glückspilze mit dem Geld anstellen: Werden sie faul, investieren sie es in Drogen oder nutzen sie es sinnvoll? Ersteres befürchten die Konservativen, letzteres hoffen die Progressiven.

Die Debatte über das Grundeinkommen als Reform-Option für den Sozialstaat läuft schon, seit die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer zu Beginn der 2000er Jahre die kärgliche Sozialleistung Hartz IV einführte.

„Mythos vom Grundeinkommen als sozialer Hängematte“

Um die Diskussion nun auf eine sachliche Grundlage zu stellen, organisierten der Verein Mein Grundeinkommen, das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) und die Wirtschaftsuniversität Wien das Pilotprojekt. „Die entscheidende Botschaft“ formuliert DIW-Forscher Jürgen Schupp jetzt so: „Wer bedingungslos regelmäßige Geldzahlungen erhält, zieht sich nicht aus dem Arbeitsmarkt zurück“. Die Feldstudie entkräfte den „Mythos vom Grundeinkommen als sozialer Hängematte“.

Die Untersuchung zeigt, dass die 107 Teilnehmenden ihre Erwerbstätigkeit nicht reduziert haben – im Vergleich zu einer Testgruppe, die kein Grundeinkommen bekam. Die wöchentliche Arbeitszeit und die Bruttomonatslöhne lagen minimal unter denen der Vergleichsgruppe, was die Forschenden für statistisch nicht relevant halten.

Pilotprojekt Grundeinkommen

Über zwei Millionen Leute bewarben sich vor dem Start 2021 für das soziologische Experiment, 107 wurden ausgewählt: ausschließlich Einpersonen-Haushalte, Menschen zwischen 21 und 40 Jahren, die monatlich zwischen 1.200 und 2.600 Euro netto zur Verfügung hatten. Zu ihren normalen Einkommen erhielten die Teil­neh­me­r:in­nen des Pilotprojekts Grundeinkommen 1.200 Euro zusätzlich pro Monat – ohne Bedingungen. Das Geld stammte aus Spenden von ca. 200.000 Menschen.

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Wobei dies den Durchschnitt darstellt, individuell konnte es anders aussehen. Zum Beispiel Sarah Bäcker, eine Berliner Architektin, die die taz während des Projektes begleitete, arbeitet jetzt weniger als vorher – allerdings ist sie auch Mutter geworden. Sie erlaubte sich eine anderthalbjährige Elternzeit und ist nun 30 Stunden pro Woche tätig, im Vergleich zur früheren Vollzeit.

Die positive Wirkung des Grundeinkommens beschreibt Bäcker so: „Die zusätzlichen 1.200 Euro monatlich haben mir Entscheidungsfreiheit verschafft, weil ich die nötige materielle Sicherheit verspürte.“ Und das ohne bürokratischen Druck, „denn ich musste mich nicht um Wohngeld oder aufstockende Sozialleistungen bemühen.“

Genug Geld entspannt und fördert soziales Miteinander

Weitere Ergebnisse: Die Teilnehmenden waren deutlich zufriedener als die Angehörigen der Vergleichsgruppe. Ihre Werte für mentale Gesundheit, Wohlbefinden, Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns, Zufriedenheit mit Gesundheit, Schlaf, Arbeit und – plausiblerweise – Einkommen lagen höher. Einfach gesagt: Genug Geld entspannt.

Interessanterweise verbrachten die Grundeinkommen-Empfänger:innen auch zusätzliche private Zeit mit anderen Leuten, und zwar pro Woche vier Stunden mehr als die Vergleichsgruppe. Sie seien aktiver und sozialer gewesen, sagte DIW-Forscher Schupp – was beispielsweise auch damit zusammenhängen kann, dass mehr Geld mehr gemeinsame Freizeitaktivitäten ermöglicht.

Hinsichtlich der Verwendung der zusätzlichen Mittel war zu beobachten, dass die Teilnehmenden mehr als doppelt so viel sparten wie die Vergleichsgruppe, nämlich 779 Euro monatlich. 37 Prozent des Grundeinkommens legten sie zurück, 50 Prozent gaben sie für zusätzlichen Konsum aus.

Nun stellt sich aber die Frage, ob die Studienergebnisse angesichts der veränderten Situation heute noch Relevanz haben. Ein paar Argumente sprechen dafür: Eine neue Studie im Auftrag des linksliberalen Progressiven Zentrums weist darauf hin, dass besonders An­hän­ge­r:in­nen der hartrechten AfD eine große soziale Ungleichheit beklagen.

Ein möglicher Fallschirm in Krisenzeiten

Vielleicht würde die Umsetzung Grundeinkommen-ähnlicher Ideen dem etwas entgegensetzen. DIW-Forscher Schupp: „Bedingungslose Geldzahlungen können in Krisen als Fallschirm dienen.“

Im Übrigen ließen sich Elemente des Grundeinkommens ausgestalten, um dem Arbeitskräftemangel entgegenzuwirken. So propagierten das Zentrum Liberale Moderne und die Bertelsmann-Stiftung 2022 ein „Bildungsgrundeinkommen“. Alle Erwerbspersonen sollten demnach das Recht erhalten, drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich vom Staat zu bekommen, um sich weiterzubilden.

Ein möglicher Effekt eines solchen bedingten, nicht bedingungslosen Grundeinkommens könnte darin bestehen, dass Erwerbstätige in die Lage versetzt werden, ihre Lebensarbeitszeit zu verlängern.

Im Interview berichtet eine Teilnehmerin des Pilotprojekts, wie sie das Jahr mit bedingungslosem Grundeinkommen erlebt hat. Nachlesen können Sie das hier.

  • informationsspiegel

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