Berliner Pop-Kultur-Festival: Pop in Zeiten der Polykrisen

Trotz massiver Kürzungen im Kulturbereich präsentiert sich Pop-Kultur-Festival bei seiner elften Ausgabe umfänglicher denn je – das ist bemerkenswert. Am Montag beginnen sechs Festivaltage, statt vormals drei, was jedoch keine doppelte Packung bedeutet. Eher wurde das dichte Programm entzerrt. Aber auch um Aspekte ergänzt, die in unseren heiklen Zeiten Gewicht verdienen. Etwa in Gestalt von Orten, an denen das Community-Building im Vordergrund steht.

Erst im Februar wurde nach Nachverhandlungen klar, dass die diesjährige Ausgabe überhaupt stattfinden kann. Konzerte, Talks, Workshops und DJ-Sets gibt es trotz des kurzen Vorlaufs in gewohntem Umfang, wenn auch mit verschobenen Schwerpunkten. Bei diversen Veranstaltungen steht das Miteinander im Vordergrund.

Niedrigschwelliger ist das Festival außerdem: Es gibt mehr kostenfreie Angebote. Neben Veranstaltungen von Pop-Kultur Lokal, bei denen sich Kollektive und unabhängige Ver­an­stal­te­r:in­nen vorstellen, ist das etwa die Çaystube im Hof der Kulturbrauerei. Am Donnerstag finden zudem Gratis-Konzerte und ein Labelmarkt im Festsaal Kreuzberg statt. Darüber hinaus wurde das Diskursprogramm vom Rest entkoppelt.

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Auf geht’s in die echte Welt analog und vor Ort – abseits von Algorithmen

Begrüßenswert ist Letzteres schon wegen der latenten FOMO-Nervosität (Fear of missing out), die früher manchen Festivaltag begleitete. Christian Morin ist neben Yeşim Duman und Pamela Owusu-Brenyah einer der Ku­ra­to­r:in­nen und zuständig für die Dramaturgie: Spannende Diskussionen fanden seiner Einschätzung nach oft nicht die verdiente Aufmerksamkeit, weil die Leute bei Konzerten hängen blieben.

Die Talks finden nicht mehr parallel statt

An den ersten beiden Tage stehen die Talks nun im Vordergrund – was auch ein Wagnis ist. Schließlich scheint es auch beim musikaffinen Publikum eine kognitive Dissonanz hinsichtlich des eigenen Konsums zu geben: einerseits beklagt man das Verschwinden unabhängiger Strukturen und subkultureller Orte, andererseits hat man etwa Tech-Konzerne mit ihren fragwürdigen Geschäftsmodellen erst groß gemacht.

Bleibt abzuwarten, ob Fans so genau wissen wollen, mit welchen Realitäten Mu­si­ke­r:in­nen leben, wie ihre Industrie aufgestellt ist. Also wie groß der Sog von Panels zu „Regaining Control: A Sustainable Future for Independent Artists and Labels“ oder „Wert und Wirkung – Musik zwischen Kulturauftrag und Marktdruck“ sein wird– vor allem, wenn das potenzielle Publikum nicht sowieso, wie bei früheren Festivalausgaben, vor Ort ist.

Ein paar Antworten auf die Frage, warum Kultur den Polykrisen unserer Zeit wenig entgegenzusetzen hat, gibt vielleicht die Veranstaltung „Schockstarre. Wo ist die Protestkultur?“ Dort treffen Marcus S. Kleiner, Autor von „Keine Macht für Niemand. Pop und Politik in Deutschland“ und Marco Dunkel, der zu Popkultur und Rechtspopulismus forscht, auf die Musikerin Anika. Die klingt auf ihrem aktuellen Album, dem postpunkigen „Abyss“, immerhin deutlich wütender als früher.

Pop-Kultur-Festival

25.–30. August im silent green Kulturquartier, umliegenden Clubs und Kulturbrauerei. Weitere Infos: pop-kultur.berlin

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Am Dienstag lässt sich das Diskursive dann mit einem Ausschwärmen in den Wedding verbinden, entlang des Flüsschens Panke, um neue Spielstätten zu entdecken. Im Heizhaus der Uferstudios sollen sich Träume und Albträume in Klang verwandeln, während sich im Studio dB Pro­du­zen­t:in­nen experimenteller Musik vorstellen.

In der Panke bringt man derweil bei „BABYCORE by BABYCAKES“ Underground-Elektronik mit Performance zusammen: Dark Metal meets Drag. Auf geht’s in die echte Welt, analog und vor Ort – man will sich ja seine Entdeckungen nicht nur von Algorithmen diktieren lassen.

Mehr Berliner Künst­le­r:in­nen sind dabei

Sowieso sind Berlin beheimatete Künst­le­r:in­nen stärker vertreten – auch bei den größeren Konzerten, am Mittwoch auf dem Silent-Green-Gelände und wochenends in der Kulturbrauerei, der angestammten Festival-Heimstätte. Unter anderem mit dem Rapper Apsilon aus Moabit, der Wut in produktive Gefühle jenseits von Hip-Hop-Klischees verwandelt.

Von der unnachahmlichen Stella Sommer kommt das Kontrastprogramm; sie stimmt mit Dark Pop auf den Herbst ein. Als Solo-Act ebenfalls lohnenswert: die australische Schlagzeugerin Eilis Frawley mit ihrem Albumdebüt.

Trotz dieser lokalen Schwerpunktsetzung streckt Pop-Kultur Antennen aus: nach Osteuropa oder Afrika etwa. Weltregionen, die in der hiesigen Wahrnehmung noch immer unterrepräsentiert sind. Zudem wurde ein neues Format ins Leben gerufen, in Kooperation mit dem Goethe-Institut: „Sonic Crossings“.

Künstler:innen, diesmal aus dem politisch volatilen südlichen Kaukasus, aus Armenien, Aserbaidschan und Georgien, bringen zu ihrer kurzen Residency in Berlin nicht zuletzt auch Perspektiven auf die Wirkungsmacht von Popkultur mit. Man darf gespannt sein, wie das in unterschiedlichsten Formaten präsentiert wird. Und auf vieles mehr.

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