Im Westen Myanmars sind bei einem Luftangriff des Militärs auf einen Markt in der Stadt Kyauktaw rund 50 Personen getötet worden. Laut der Guerillagruppe Arakan Army (AA), die das Gebiet im Nordwesten des Teilstaates Rakhine kontrolliert, starben 49 Zivilisten. Rettungskräfte sprachen von 50 Toten. Beide Quellen nannten 58 Verletzte, darunter viele Schwerverletzte. Eine Stellungnahme des Militärs gab es zunächst nicht, auch können die Angaben nicht unabhängig überprüft werden.
Myanmars Luftwaffe griff den „Indischen Markt“ an der Brücke über den Fluss Kaladan am Montagmittag an, berichtet das in Opposition zur Militärregierung stehende Portal Democratic Voice of Burma (DVB). Die Brücke verbindet Kyauktaw mit anderen von der AA kontrollierten Städten.
14 von Rakhines 17 Städten kontrolliert die AA, ebenso die 271 Kilometer lange Grenze zu Bangladesch. Das Militär kontrolliert nur Rakhines Hauptstadt Sittwe samt Umgebung, die Hafenstadt Kyaukpyu samt Vororten sowie die Insel Manaung. Diese Gebiete kann das Militär nur aus der Luft oder übers Meer erreichen.
Bei Sittwe versucht das zuvor um 1.000 Soldaten verstärkte Militär, seit Anfang September mit einer Offensive die AA zurückzudrängen. Laut DVB wurden vor dem Angriff auf Kyautaw schon vier Orte bei Sittwe aus der Luft bombardiert. Mindestens zwei Zivilisten seien dabei getötet worden. Über den Verlauf der Militäroffensive gibt es bisher keine unabhängigen Berichte. Schon seit Jahren greift das Militär vor allem aus der Luft an, um eigene Verluste zu minimieren, und trifft immer wieder Zivilisten. Die Rebellen haben zwar selbst gebaute Drohnen, aber weder eine Luftwaffe noch Luftabwehr.
Arakan Army laviert erfolgreich zwischen China und Indien
Die auf bis zu 45.000 Kämpfer geschätzte AA gilt als derzeit stärkste Guerillatruppe Myanmars. Sie hat in den von ihr kontrollierten Gebieten eine eigene Wehrpflicht und versteht es, zwischen den Großmächten China und Indien zu lavieren. Die AA bekennt sich zum Schutz von Chinas strategischen Investitionen im Rahmen der „neuen Seidenstraße“, doch müssen andere Rebellengruppen, die geografisch näher an China operieren, viel stärker dem Druck aus Peking nachgeben.
Myanmars Militär hatte am 1. Februar 2021 geputscht und den unerwartet großen zivilen Widerstand mit brutaler Repression in den Untergrund getrieben. Dort verband er sich mit den Guerillaarmeen ethnischer Minderheiten, die meist schon seit Jahrzehnten um Autonomie kämpfen.
Die AA wurde 2009 gegründet und ist eine der jüngsten ethnischen Armeen des Landes. Sie vertritt einen lokalen Nationalismus, der auf frühere unabhängige und erst hinduistische, später buddhistische Königreiche in Arakan zurückgeht. Arakan hieß Rakhine vor der Umbenennung durch das Militär 1989.
Viele AA-Kämpfer wurden von der ethnischen Kachin Independance Army (KIA) im Norden Myanmars ausgebildet. Und seit dem Putsch trainiert die AA ihrerseits sogenannte Volksverteidigungskräfte (PDF), die im Kampf gegen die Diktatur entstanden sind.
2023 verband sich die AA mit zwei anderen ethnischen Armeen zur „Drei-Brüder-Allianz“, die das Militär zeitweilig in die Defensive brachte. Dabei erbeutete insbesondere die AA viele Waffen und konnte damit 2024 in Rakhine große Geländegewinne erzielen. Im benachbarten Chin-Staat bildete die AA sogar eine Pufferzone.
100.000 Tote seit 2021
Seit dem Putsch hat der Krieg in Myanmar rund 100.000 Menschenleben gefordert. Große Teile der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. 3,6 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes auf der Flucht. Mit Scheinwahlen hat sich die Junta einen demokratischen Anstrich gegeben, Putschführer General Min Aung Hlaing ist jetzt offiziell Präsident. Seine Strategie ging insofern auf, als er inzwischen von mehreren Staaten hofiert wurde, darunter Indien und China.
Demnächst dürfte der Diktator Malaysia besuchen, das Rohingya-Flüchtlinge loswerden will. Die sind aus Myanmar sowie aus den Flüchtlingslagern in Bangladesch dorthin gelangt. Wurden sie aus Myanmar schon mehrfach vom Militär vertrieben, werden sie dort inzwischen im Krieg gegen die AA zwangsrekrutiert. Spätestens seitdem geraten sie zwischen die Fronten.






