Demonstration für Lorenz A.: Eine Stadt trauert

Oldenburg taz | Auf der Bühne in der Oldenburger Innenstadt stehen Angehörige und die engsten Freunde von Lorenz A. Vor ihnen haben sich 10.000 Menschen versammelt. Für eine Minute ist es komplett still. Man hört die Vögel zwitschern. Die Menschen gedenken dem 21-Jährigen Schwarzen, den ein Polizist in der Nacht auf Sonntag von hinten erschossen hat, nachdem er Reizgas versprüht haben soll.

„Wir brauchen eine ehrliche Debatte über Polizeigewalt in Deutschland. Wir wollen wissen, was genau in jener Nacht passiert ist“, fordert Suraj Mailitafi, Sprecher der Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“. Die Bodycams aller beteiligten Po­li­zis­t:in­nen waren ausgeschaltet. „Wir wollen uns nicht daran gewöhnen, dass Menschen, People of Color, durch Polizeigewalt getötet werden.“

Der Fall sorgt bundesweit für Anteilnahme. In Berlin, München, Hannover und anderen Städten finden zur gleichen Zeit ebenfalls Gedenkveranstaltungen für Lorenz A. statt.

Vor der Bühne haben sich die Kameraleute positioniert. Das Medieninteresse ist groß. Eine Freundin von Lorenz’ Mutter spricht als erste: „Danke an euch, die seit Sonntag an der Stelle, wo Lorenz getötet wurde, stehen und ihn nicht alleine lassen. Danke an die Freunde, die sein Blut am Sonntagmorgen von der Straße gewaschen haben.“ Sie ringt mit den Tränen. Die Mutter selbst kann nicht teilnehmen: „Sie kann nicht trinken. Sie kann nicht essen. Sie kann nicht schlafen. Sie kann den Schmerz, die Wut und die Trauer kaum ertragen.“ In den letzten Tagen hat die Freundin mit vielen Müttern gesprochen, die, wie sie selbst, Schwarze Kinder haben: „In ihren Augen, in ihren Tränen, in ihren Herzen – die gleiche Angst und der gleiche Schmerz.“ Sie alle seien betroffen: „Das muss ein Ende haben.“

Friedliche Demonstration

„Lorenz war wie mein Bruder. Er war Familie für mich“, sagt ein enger Freund in seiner Rede und ringt nach Luft. „Und jetzt ist er weg. Nicht weil er krank war. Nicht weil das Schicksal geschlagen hat. Sondern weil die Polizei ihn erschossen hat.“

Er wolle nicht, dass sein Freund zu einer Statistik werde. „Ich will nicht, dass sein Name vergessen wird“, fährt er fort und gibt den Teilnehmenden eine Botschaft mit: „Passt auf eure Leute auf. Seid da, fragt nach, zeigt Liebe – solange ihr könnt. Niemand kann garantieren, dass ihr morgen noch die Chance dazu habt.“

Auch Angehörige von Mouhamed Dramé, der in Dortmund 2022 von einem Polizisten erschossen wurde, und Oury Jalloh, der in einer Dessauer Polizeizelle gefesselt verbrannte, sind angereist und halten Reden. Die Demonstration im Anschluss verläuft friedlich.

„Wir sind sehr froh, dass so viele Menschen unserem Aufruf gefolgt sind. Das zeigt eine krasse Solidarität. Nicht nur hier in Oldenburg, sondern deutschlandweit“, sagt Mailitafi nach Ende der Veranstaltung. „Diese Demonstration gibt der Familie in diesen schwierigen Zeiten hoffentlich viel Kraft.“ Sie sei aber nur der Anfang: „Wir müssen weiter für Gerechtigkeit kämpfen. Für Lorenz und für andere Opfer von Polizeigewalt.“

Ein Raum für Trauer und Wut

Viele in Oldenburg kannten Lorenz. Der Gedenkort für ihn in der Oldenburger Innenstadt erstreckt sich inzwischen über 20 Meter. Immer mehr Kerzen, Blumen und persönliche Andenken kommen dazu. Viele Teil­neh­me­r:in­nen legen ihre Demo-Schilder daneben.

„Jetzt gerade sind da viele Kamerateams“, beobachtet die Pfarrerin Jennifer Battram-Arenhövel. Trauer war dort in den letzten Tagen nur eingeschränkt möglich. Kirchen, soziale Verbände und die Stadt haben auch deshalb einen Trauerort eingerichtet: „Ein geschützter Raum um zu weinen, um wütend zu sein.“ Jede Person kann kommen und reden.

Bei Anbruch der Nacht sind die Kamerateams verschwunden und enge Freunde von Lorenz versammeln sich am Gedenkort. Ein Schild liegt schon länger zwischen den Blumen: „Du warst ein Kind dieser Stadt.“ Oldenburg trauert.

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