Die Wahrheit: Schmackhaft wie Darth Vader

Im Berliner U-Bahn-­Fernsehen las ich die Schlagzeile „Riesenassel im Meer entdeckt“. Als ich den taz-Computer anstellte und in der Suchmaschine „Riesenassel“ eingab, zeigte sie bereits 96.000 Eintragungen dazu an.

Riesenmeerasseln sind schon lange bekannt und eine Delikatesse in China. Sie sollen besser als Hummer schmecken. Die neue, bisher noch unbekannte Riesenassel fanden die Forscher auf einem Fischmarkt, wo diese Tiere lebend verkauft werden. Sie gaben ihr den Artnamen „Bathynomus vaderi“ – das Bathyal ist der lichtarme Bereich des Meeres zwischen 200 und 4.000 Meter Tiefe, und mit „vaderi“ ist Darth Vader gemeint, weil ihr Kopf sie an den Sith-Lord aus „Star Wars“ erinnerte. Die Riesenassel ist fast 30 Zentimeter lang, hat 14 Beine und wiegt mehr als ein Kilogramm. Damit ist sie etwa 20-mal so groß wie eine Kellerassel, um die es mir eigentlich in diesem Text geht.

Aber man kann locker von der einen zur anderen Assel kommen: Beides sind Krebse, und die Kellerassel eroberte vor etwa 160 Millionen Jahren das Land, wo es sie heute weltweit gibt, in 3.500 Arten. Asseln bilden „die ökologisch vielfältigste Gruppe der Krebse“, schreibt der Krebsforscher Heinz-Dieter Franke (in „Kleine rote Fische, die rückwärts gehen“, 2024).

Die Weibchen der Landasseln produzieren nicht wie die meisten Krebse viele kleine Eier, aus denen dann Schwimmlarven werden, die „frühzeitig auf sich allein gestellt sind“, sondern nur wenige große Eier, die sie im Brutraum auf der Bauchseite ablegen. Dort sind die Embryonen vor Austrocknung und Infektionen geschützt, zudem versorgt das Muttertier sie mit Sauerstoff und Salzen.

Einzigartiges Wasserleitsystem

Laut Franke haben die Land­asseln zwar „lungenähnliche Organe“ entwickelt („Hohlräume in den vorderen Beinpaaren“, nennt sie biologie-schule.de). Daneben haben sie aber auch die ursprüngliche Atmung über Kiemen beibehalten, deren Oberfläche nass gehalten werden muss. Dazu entwickelten sie ein „einzigartiges Wasserleitsystem in der Körperoberfläche“, mit dem sie winzigste Wassermengen aus der Umgebung aufnehmen und an die Kiemen weiterleiten können.

Die Landasseln siedeln in feuchten „Kleinstlebensräumen“ und ernähren sich von verrottenden pflanzlichen Substanzen. „Sie fressen sogar ihren eigenen Kot und dünsten ihren Urin in Form von Ammoniak-Gas aus,“ schreibt die Zeit.

Als „Primärzersetzer“ bringen sie die Humusbildung in Gang – und machen sich damit nützlich. Zudem kommen sie gut mit „Umweltgiften aller Art“ zurecht, selbst verstrahlte Gebiete nach Reaktorunfällen lassen sie kalt, und sie sind „in besonderem Maße immun gegenüber Infektionen“.

Asseln haben ein ähnlich aussehendes Exoskelett wie die Panzer von Gürteltieren, mit dem einige Arten sich wie diese bei Gefahr zu einer Kugel zusammenkrümmen können. Man nennt sie deswegen „Kugelasseln“ (Armadillidiidae), meine Eltern nannten sie „Kellerasseln“ (Porcellionidae): In unserer Wohnung besaßen wir ein großes Beet mit Zierpflanzen, das mit Ziegelsteinen eingefasst war. Die Steine hatten kleine eckige Löcher, und in denen lebten Kellerasseln – Tausende (sie sind sehr gesellig). Dort war es warm und feucht. Man sah diese harmlosen kleinen Tiere aber nie, die als Kugel so groß wie Liebesperlen sind, wenn auch nicht so schmackhaft. Für Kröten, Maulwürfe etc. allerdings schon.

In Frankes Krebsbuch heißt es: Sie können dort, „wo der Mensch ihnen dazu Gelegenheit bietet, auch lebende Gewebe [von Pflanzen] schädigen“. In Gewächshäusern oder Vorratslagern „kann es zu einer Massenvermehrung der Tiere kommen, die Bekämpfungsmaßnahmen notwendig macht.“ Unsere Asselmassen haben nie eine Pflanze geschädigt, aber ungefähr einmal im Jahr wurde es ihnen in den Ziegelsteinlöchern zu eng und ihre Jungen zogen aus, um neuen Lebensraum zu finden. Sie hätten in der zentralheizungstrocke­nen Luft zwar nicht lange überlebt, wir bekämpften diese Asselinva­sio­nen aber trotzdem, indem wir die ausschwärmenden Tiere jedes Mal leicht hysterisch tottraten, dann zusammenfegten und im Klo entsorgten.

Franke schreibt, dass sie auch unsere Wasserleitungssysteme besiedeln, was kaum zu vermeiden sei: Sie klammern sich an „die geringsten Unebenheiten der Rohrwände […] bei einem massenhaften Auftreten der Tiere besteht der aus dem Wasserhahn kommende (oft euphemistisch als ‚Rostablagerung‘ angesprochene) Mulm hauptsächlich aus dem Kot von Asseln.“ Vor allem das Trinkwasser aus Talsperren oder Flüssen enthalte organische Schwebstoffe. „Diese bilden die Nahrungsgrundlage von Bakterien und Pilzen, die an den Rohrwänden einen sogenannten Biofilm bilden“, von dem die Asseln leben.

Daneben erwähnt Franke noch die im Meer lebenden Bohrasseln, die von Holz leben. Anders als Termiten können sie das Holz ohne symbiotische Mikroorganismen in ihrem Magen-Darm-Trakt verdauen. Mit ihrer Bohrtätigkeit gefährden sie Holzschiffe und hölzerne Hafenanlagen.

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Der irische Schriftsteller und Satiriker Jonathan Swift nannte pauschal gleich sämtliche Engländer Kellerasseln

Der Krebsforscher zählt überdies noch einige Asseln im Kulturbetrieb auf: „Dicke geschäftige Kellerasseln von Krämern“ – wie der Kulturphilosoph Egon Friedell den Menschentypus des Börsenzeitalters abfällig nannte. Dann die „Kellerasselkunst“ (cloportism), als die der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans „die angeblich-engstirnige literarische Schule des Naturalismus“ bezeichnete (zu der auch er zählt).

Außerdem die „Geschichte zweier Kellerasseln“ – wie Gustave Flaubert seinen letzten Roman betiteln wollte, der dann unter den Namen seiner zwei Protagonisten als „Bouvard et Pécuchet“ erschien. Diese beiden Kleinbürger waren entschlossen, sich „fast jeder der damaligen Wissenschaften zu widmen“. Der irische Schriftsteller und Satiriker Jonathan Swift nannte pauschal gleich sämtliche Engländer Kellerasseln (woodlice).

Eine weitere Kellerassel erkennt Franke in Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“. Darin geht es um einen Mann, Gregor Samsa, der eines Morgens aufwacht und sich über Nacht in ein ungeheures Ungeziefer verwandelt hat. In diesem Tier fand Franke eine Reihe von Merkmalen, die ihn vermuten lassen, dass es sich dabei um eine Riesenlandassel handelt, unter anderem weil Gregor Samsa von Kafka als vielbeinig beschrieben wird und weil es ihn „nach typischer Art der Asseln in die Dunkelheit und zu faulender Nahrung“ zieht, was von seinen Mitbewohnern als „eklig“ empfunden wird.

Dabei lassen sich die Landasseln laut Heinz-Dieter Franke in puncto Sauberkeit kaum übertreffen – obwohl sie in Mulm und Abfällen leben: „Mit einer selbstreinigenden Oberfläche, auf der nichts zu haften scheint, treten uns die Tiere stets untadelig gepflegt gegenüber.“

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