
Das erste Zeitbombenattentat der Welt hat mehr als 80 Menschen das Leben gekostet und Hunderte verstümmelt. Dabei erfolgte die Explosion nicht einmal, wie geplant, auf hoher See, sondern bereits beim Beladen des Transatlantik-Dampfers „Mosel“.
In ganz Europa und in Amerika wurde seinerzeit mit Entsetzen über das Verbrechen berichtet. Am Ort des Geschehens aber, in Bremerhaven, hat sich der 11. Dezember 1875 nicht als traumatisches Datum in die Stadtgeschichte eingebrannt. Es gibt einen Gedenkstein an einem Massengrab, eine Hinweistafel an der Seebäderkaje. Ab und an rollt eine Ausstellung den Tatverlauf auf, und das einzige Relikt, die Schiffsglocke der „Mosel“, gehört zum Fundus des Deutschen Schifffahrtsmuseums.
Nun hat sich das Stadttheater dem Ereignis genähert. Mit dem Live-Hörspiel „True Crime: Die Thomaskatastrophe“ von Coco Plümer, im Hauptberuf Schauspielerin am Jungen Theater Bremerhaven, dockt es an einen Trend an. Zu den populärsten Medienformaten gehören derzeit solche, die sich mit Begeisterung auf authentische Gräuel stürzen und Täterprofile nachzeichnen. Regisseurin Luzie Kurth hinterfragt den Hype nicht. Sie bedient ihn. Der Uraufführungsapplaus deutet auf einen großen Erfolg hin.
Die Bühne ist ein Hörspielstudio und verweist mit einem aufgerissenen Schiffsrumpf im Hintergrund aufs Thema. Lotta Hackbeil und Marc Vinzing stehen als Hosts hinter Notenständern, geben sich überschwänglich halbernst als der Bremer Oberinspektor Schnepel und US-Detektiv Pinkerton aus.
Held reimt sich auf Geld
Sie übernehmen aber auch andere Rollen, um die Entwicklung der Hauptfigur und andeutungsweise den geschichtlichen Hintergrund zu verlebendigen, zu Typen stilisiert, mit Sprechblasendialogen ausgestattet, die spaßwillig häufig dialektal eingefärbt werden.
Konkret geht es im kanadischen Halifax um Alexander Keith. Die Regie richtet seine Biografie als Lehrstück her, wie aus einem „Gefühl auswegloser Bedeutungslosigkeit“ die Orientierung an einem Vorbild erwächst. Keith beginnt, seinen als Bürgermeister, Privatbankier und Brauereibesitzer reich und berühmt gewordenen Onkel zu verehren.
Held reimt sich für den Protagonisten auf Geld. Reichtum, so will er erkannt haben, verleihe die Macht, selbst zu entscheiden, was wahr und falsch, Recht und Unrecht ist. Frei von Regeln, Gesetzen, Moral, sei es rücksichtslos möglich, alles zum eigenen Vorteil zu tun.
William King Thomas hatte den Tod von annähernd 600 Passagieren und 100 Besatzungsmitgliedern in Kauf genommen
Erst haut Keith den Onkel, dann fortgesetzt weitere Geschäftspartner übers Ohr, schlägt sich im amerikanischen Bürgerkrieg auf die Seite der Sklavereistaaten des Südens, bricht mit Schiffen die Seeblockade und schmuggelt Waren.
Der sich nun William King Thomas nennende Schwerstkriminelle flieht vor polizeilichen Ermittlungen nach Europa und bastelt zum weiteren Gelderwerb mit 13 Zentner Sprengstoff seine „Höllenmaschine“. Als vermeintlich wertvolles Frachtgut hoch versichert, soll sie das Schiff auf hoher See zerfetzen, so dass alle Spuren versenkt sind und die Police ausgezahlt wird.
Dass dabei annähernd 600 Passagiere, vor allem Auswanderer, und 100 Besatzungsmitglieder hätten sterben müssen – egal. Als sich die Thomaskatastrophe schon am Kai in Bremerhaven ereignet, schießt sich der Täter zwei Kugeln in den Kopf.
Frank Auerbach gibt den Schurken vor allem als charmant-freundlichen Gentleman. Dem nimmt jede:r den herzigen Ehemann und Vater ab, auch wenn der berechnende Schwindler ein herzenskalter Massenmörder ist.
Ein Kopf in Formaldehyd
Das ist prima geradeaus erzählt, allerdings ohne Quellen für die True-Crime-Handlung offenzulegen oder deutlich zu machen, was indiziengestützte Vermutung, was pure Fiktion ist. Reizvoll kommen analoge Klanguntermalungen und digitale Soundübermalungen daher.
Geräuschemacherin Simone Nowicki sorgt fürs Klickklack der Uhren und bildet Handlungen akustisch nach. So fingert sie mit Zeitungspapier herum, wenn jemand laut Text eine Zeitung aufschlägt. Pferdegetrappel, Schritte im Schnee, Wetterereignisse aller Art werden illusioniert.
Insgesamt also ein toll klingender, handwerklich akkurat gearbeiteter, charmant altmodischer Theaterabend für die True-Crime-Sensationsgier. Die auch nicht neu ist: Schon der Kopf von William King Thomas war in Formaldehyd eingelegt und in Museen ausgestellt worden, um dem Rätsel des Bösen in die leeren Augen schauen zu können.






